Während des größten Teiles des Jahres sind die heiligen Tempelhaine einsam und verlassen, die stillsten Plätzchen des weiten chinesischen Reiches. Aber dreimal im Jahre, zur Zeit der Sommer- und Wintersolstitien und zu Beginn des Frühlings, drängen sich unter den schattigen Bäumen rings um den Altar des Himmels die Großen des Reiches in ihrer ganzen Pracht. Der Kaiser, die Prinzen, Mandarine und Generale sind dann hier versammelt, begleitet von Musikern, Chorsängern, Tempeldienern und Tänzern, von Leibgarden und Palastsoldaten, ein ungemein seltsames, großartiges Bild. Der Kaiser verläßt schon am Tage vorher bei Sonnenuntergang seinen Palast, um im feierlichsten Aufzuge durch die frischgescheuerten, mit gelbem Sand bestreuten Straßen seiner Hauptstadt nach dem Tempel zu pilgern. Aus Ehrfurcht vor der geheiligten Person des Monarchen müssen sämtliche Thüren und Fenster der Häuser geschlossen werden, keine Seele, weder Chinese noch Europäer, darf sich zeigen. Durch diese verödeten Straßen rollt der von einem Elefanten gezogene gelbe Staatswagen, in welchem der Kaiser sitzt. Nicht weniger als zweitausend Hofbeamte, Mandarine, Eunuchen und Garden, mit zahllosen Bannern, Ehrentafeln und Ehrenschirmen begleiten den Monarchen. Im Tempelhain angelangt, besichtigt der Kaiser zunächst die Opfertiere und begiebt sich hierauf in die Halle des Fastens und der Buße, während sein Gefolge sich außen unter den Bäumen auf den Rasen lagert. Kein Laut unterbricht die nächtliche Stille, denn der Kaiser liegt mehrere Stunden in der dunklen Halle auf den Knieen, im Gebet versunken. Hierauf wird der Kaiser in ein Staatszelt geführt, wo er unter großem Zeremoniell die Händewaschung vornimmt und die langen blauseidenen Gewänder als Oberpriester anlegt; nun beginnt der Zug zu dem Opferaltar. Voran schreiten Bannerträger, dann 235 Musiker in blauseidenen Talaren und eine gleiche Zahl von Tänzern, welche während des Marsches langsame, feierliche Tanzbewegungen ausführen. Hierauf kommt der Kaiser, gefolgt von allen Prinzen und hohen Würdenträgern, viele Hunderte an der Zahl.
Mittlerweile ist an der heiligen Opferstätte selbst alles vorbereitet worden. Innerhalb einer zweiten Ringmauer erhebt sich auf einer Marmorterrasse der mächtige runde Tempel des Himmels mit drei hohen, sich verengenden Stockwerken und himmelblauen Porzellandächern. Hehre Einfachheit kennzeichnet das Innere. Vergoldete Holzsäulen tragen die Dächer, und an der Nordseite, dem Eingang gegenüber, stehen auf reich geschnitzten, rot lackierten Tischen die einfachen Täfelchen des Shang-te, das heißt des „obersten Herrn des Himmels, der Erde und aller Dinge”, sowie der acht verstorbenen Kaiser der regierenden Dynastie. Aus diesem Tempel werden die mit blauem Seidenstoff umhüllten Täfelchen nach dem heiligen Altar des Himmels getragen, auf welchem das kaiserliche Opferfest stattfinden soll.
Dieser Altar, eine der heiligsten Stätten des chinesischen Reiches, befindet sich nahebei in einem dichten Cypressenhaine. Umgeben von ehrwürdigen alten Bäumen, erhebt sich hier ein aus blendend weißen, kreisrunden Marmorterrassen bestehender Aufbau, zu dessen oberster Plattform vier breite Treppen von je neun Stufen emporführen. Die Terrassen, ebenso wie die Treppen sind von skulpturengeschmückten Marmorbalustraden umgeben, in denen Drachen- und Phönixmotive die Hauptrolle spielen. In der Mitte des obersten, mit weißem Marmor belegten Plateaus erhebt sich ein großer Marmorblock für den Kaiser, und darüber wird ein die ganze Fläche einnehmender Baldachin gespannt. Bei dem flackernden Schein zahlreicher Fackeln stellen nun die in lange, hellblaue Gewänder gehüllten Diener die Kaisertäfelchen auf die oberste Plattform; auf die nächsttiefere Terrasse werden die Täfelchen der Sonne, des Großen Bären, der fünf Planeten, der achtundzwanzig Konstellationen und ein letztes Täfelchen für die übrigen Sterne aufgestellt. Diesen gegenüber, auf der entgegengesetzten Seite der zweiten Terrasse, werden die Täfelchen für Mond, Wind, Regen, Wolken und Donner auf kleine Tischchen gestellt, so daß also der oberste Gott Shang-te nach chinesischen Begriffen von allen Himmelskörpern umgeben ist.
Vor jedes Täfelchen werden auf langen Tischen Räucherpfannen für Weihrauch gestellt und allmählich auch die Kerzen und Räucherstäbchen entzündet. Während der ganze Cypressenhain durch die brennenden Fackeln erleuchtet wird, flimmern auf der weißen Marmorpyramide, den aztekischen Teocalli nicht unähnlich, Tausende und Abertausende kleiner Lichtchen. Bei ihrem Scheine werden nun vor jedem Täfelchen die Opfergaben aufgetürmt: zwölf Stück der schwersten blauen Seide vor Shang-te, je drei Stück weißer Seide vor jedem Kaiser, dann zusammen siebzehn Stück roter, gelber, blauer, schwarzer und weißer Seide für die übrigen Täfelchen, die, wie gesagt, nichts weiter als etwa fußhohe, zwei Zoll breite, aufrechtstehende Holzplättchen sind, auf welchen die Namen der genannten Himmelskörper stehen. Sobald die Kunde von dem Anmarsch des kaiserlichen Zuges hierher gelangt, werden die Opfermahlzeiten aufgetragen: Shang-te ein geschlachtetes Kalb, den Sternen ein Stier, ein Schaf und ein Schwein. Vor jedes Täfelchen werden drei Schalen Reiswein aufgestellt und dann in acht Reihen achtundzwanzig mit allerhand Lebensmitteln und Früchten gefüllte Schüsseln gesetzt. Manche derselben enthalten Suppe mit Rind- und Schweinefleischschnitten, andere wieder Pökelfleisch mit Vermicelli, wieder andere Hasen- oder Rehfleisch, geräucherten oder gesalzenen Fisch, Bambussprossen, Petersilie, gekochten Reis, Hirse, Zwiebelblüten verschiedener Art, ja selbst Gewürze, wie Salz und Pfeffer, werden bei dieser Göttermahlzeit nicht vergessen. Chorgesang und Musik verkünden das Nahen des kaiserlichen Zuges. Bald ist der ganze Rasenplatz mit Tausenden von Menschen angefüllt; die Prinzen und Würdenträger steigen auf die beiden untersten Terrassen, während der Kaiser allein langsam zur obersten Plattform emporsteigt und dort vor dem Täfelchen des Shang-te sich dreimal zur Erde wirft und neunmal mit der Stirne den Boden berührt. Dasselbe wird hierauf von allen Anwesenden ausgeführt.
Nun schweigt die Musik, Totenstille herrscht ringsherum. Der Kaiser aber hebt ein prachtvolles Stück blauen Nephritsteines (Jade), das Symbol des Himmels, mit beiden Händen zu der Tafel des Shang-te empor, als sichtbares Zeichen des Opfers. Aus der Ferne erhebt sich die Stimme eines Sängers, der eine Opferhymne singt, und währenddessen wird von Dienern das Opferkalb des Shang-te mit heißer Suppe besprengt. Zunächst wird vom Kaiser von einem blauen Gebetstäfelchen ein Gebet abgelesen, in welchem der Segen des Himmels und die Gunst der verstorbenen Kaiser herabgefleht wird. Das Musikkorps spielt nun eine Hymne, während welcher die Tänzer langsam quadrillenartige Figuren ausführen. Bei dem flackernden Fackelscheine, inmitten der dunkeln Waldbäume, mit dem klaren Sternenhimmel darüber, müssen diese malerischen Gruppen, umgeben von Tausenden in prächtige Gewänder gehüllten Prinzen und Würdenträgern, ein ungemein feierliches, fremdartiges Bild darbieten, das leider niemals dem Auge eines Europäers sichtbar wird. Wer erinnert sich aber bei der Vorstellung dieser Scene nicht an die Schilderungen der biblischen Opferfeste, an Melchisedek und das jüdische Paschal? Seit Tausenden von Jahren werden die chinesischen Opferfeste in genau derselben, streng geregelten Weise ausgeführt, und wie sie nach Westen bis an das Mittelmeer gelangt sind, dürften sie auch ihren Weg nach Osten zu den Azteken genommen haben, deren Opferfeste mit den chinesischen bedeutende Aehnlichkeiten besaßen. In Ost und West sind sie verschwunden, nur an der Quelle selbst, in China, haben sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten.
Abermals schweigt die Musik, und die nächtliche Stille wird durch eine mysteriöse Stimme unterbrochen, welche die Worte singt: „Reicht den Becher des Segens und das Fleisch des Segens dar”. Hohe Würdenträger bieten nun beides in feierlicher Weise dem Kaiser dar, welcher vor und nach dem Einnehmen dreimalige Kautaus vor den Täfelchen ausführt. Unter den Klängen einer Jubelhymne werden diese Täfelchen wieder nach dem Tempel zurückgetragen, die Seidenstücke, Opfertiere und Speisen aber dem Feuer übergeben, um durch die Verbrennung thatsächlich zu den Geistern zu gelangen, für welche sie bestimmt sind. In feierlichem Zuge werden die Opfergegenstände über den nur durch Fackeln erleuchteten Tempelhain auf den Verbrennungsplatz getragen. In einer Ecke nahe der Umfassungsmauer erhebt sich ein etwa drei Meter hoher offener Feuerherd aus grünem Porzellan, und neben diesem stehen acht kleinere Kamine aus Mauerwerk, in welche runde Eisenschüsseln von etwa einem Meter Durchmesser eingelassen sind. Auf die in allen Herden glimmenden Holzkohlen werden nun die Opfer gelegt, jene für Shang-te auf den grünen Porzellanherd, jene für die Kaiser auf die eisernen Herde, und während die kostbarsten Seidenstücke, das Fleisch und die Gemüse in Rauch aufgehen, kehrt der Kaiser von seinem Opfergange nach dem Palast zurück. Wenn die Sterne am Firmament erblassen und der erste schwache Schimmer des anbrechenden Tages am Horizont erscheint, liegt der große Park des Himmelstempels wieder still und verlassen da, kaum daß noch leichter Rauch sich über den verbrannten Opfern kräuselt.
Beschwörung eines Götzen.
Neben diesen großen Opferfesten findet alljährlich auf dem Himmelsaltar noch ein anderer höchst eigenartiger Götterdienst statt. Nicht in den reichen kaiserlichen Gewändern, sondern in grobe Sackleinwand gehüllt schreitet der Kaiser von der Halle der Buße zu dem Himmelsaltar. Oben angelangt, verliest er die Namen aller Verbrecher, an welchen während des abgelaufenen Jahres das Todesurteil vollstreckt wurde, und fleht zum Himmel um Gnade für jene, welche möglicherweise an dem ihnen zugeschriebenen Verbrechen schuldlos waren.
Aehnlich den Opferfesten im Tempel des Himmels sind jene im Tempel der Erde, nur daß hier nicht den Himmelskörpern, sondern den Erdgeistern geopfert wird, jenen der vier großen Meere, der vier großen Flüsse Chinas und der vierzehn höchsten Berge; auch hier werden die Täfelchen der verstorbenen Kaiser neben jenen der Erdgeister aufgestellt; aber nur die für die Kaiser bestimmten Opfergaben werden verbrannt, die Opfer für die Erdgeister werden tief in die Erde vergraben, um auf diese Weise wirklich ihre Bestimmung zu erreichen.