Manche religiöse Zeremonien am chinesischen Kaiserhofe stammen aus undenklichen Zeiten. Die Anbetung der Sonne und des Mondes in den ihnen geweihten Tempeln ist noch ein bis auf den heutigen Tag erhaltenes Ueberbleibsel der ältesten Religionen; manche andere Zeremonie, wie z. B. das Ackerbaufest, reicht in dieselbe Zeitperiode zurück, in welcher die ägyptischen Pyramiden erbaut wurden. Vor viertausend Jahren regierte beispielsweise in China der Kaiser Shun. Er wendete dem Ackerbau besondere Aufmerksamkeit zu und eröffnete in jedem Frühjahr selbst die Feldarbeit, indem er mit einem Pfluge Furchen zog. Ganz wie vor viertausend Jahren geschieht dies noch heute in dem großen Tempelhain für Agrikultur, der sich neben jenem des Himmels längs der Südmauer Pekings hinzieht. An einem bestimmten Tage im Frühjahr erscheint der Kaiser mit den kaiserlichen Prinzen und dem gesamten Hofstaate, um zunächst den Göttern zu opfern, oder vielmehr in symbolischer Weise mit ihnen ein Festmahl zu begehen. Nach den nötigen Kautaus vertauschen der Kaiser und die Prinzen ihre prächtigen Gewänder mit der Tracht der Landleute und begeben sich auf ein nahes Feld, wo sie mit gelb lackierten Pflügen, an welche Büffel gespannt sind, neun Furchen ziehen. Hinter den Pflügen schreiten Mandarinen einher, welche den Samen ausstreuen. Während der ganzen Zeit tragen Chorsänger und Musikkorps Hymnen zum Lobe des Ackerbaues vor.
Wie um reichen Erntesegen, muß der Kaiser auch, wie eingangs erwähnt, um den erforderlichen Regen, oder wenn es zu viel regnet, um Trockenheit zum Himmel flehen. Zunächst werden Präfekten oder Gouverneure nach den verschiedenen Tempeln entsendet; werden ihre Gebete nicht erhört, so beordert der Kaiser Prinzen seiner Familie dahin, schließlich geht er selbst opfern und beten, unter der Voraussetzung, daß ein Kaiser nicht nur auf Erden, sondern auch im chinesischen Olymp mehr Einfluß hat als ein gewöhnlicher Sterblicher. So verkündete der Kaiser beispielsweise in der Pekinger Zeitung vom 8. Juli 1894 folgendes:
„Da seit dem ersten Drittel des vorigen Monats in der Hauptstadt und Umgebung reichlich Regen gefallen war und das Wetter sich nicht aufklärte, so begaben Wir Uns zum Opfern und Beten nach Ta-Kao-Tien. Danach blieb der Himmel immer bewölkt und der Regen hört nicht auf. Mit ängstlicher Erwartung sehnen Wir einen Umschwung der Witterung herbei und finden es deshalb angemessen, von neuem darum zu flehen. Wir haben den 10. Juli dazu erwählt, um Uns in Eigener Person nach Ta-Kao-Tien zu begeben. Nach dem Tempel Shih-Ying-Kung beordern Wir den Prinzen dritter Klasse Tsai-Ying, nach Chao-Hsien den Prinzen vierter Klasse Po-lun und nach Niang-ho mian den Herzog Tsitse, um insgesamt an dem genannten Tage zu opfern und um gutes Wetter zu bitten.”
Da sich so einflußreiche Persönlichkeiten bei dem chinesischen Jupiter Pluvius verwendeten und ihm so großartige Opfermahlzeiten gaben, konnte er nicht anders, als sich erweichen lassen. Schon tags darauf trat schönes, trockenes Wetter ein.
Der Tempel der fünf Pagoden (Wu-ta-sse) bei Peking.