Nach langem Ritt gelangte ich in das Mandschurendorf Wan-schu-schan, zu Füßen des gleichnamigen Berges, eine Art mandschurisches Paradedorf. Wäre doch ganz China so rein, so wohlhabend, so nett wie dieses Dorf! Und wie leicht wäre dies bei einer halbwegs guten Regierung möglich! War es doch vor Zeiten so, als gute Kaiser mit ehrlichen Beamten über das Reich der Mitte herrschten. In der Mitte des Dorfes befindet sich ein großer, von Wachthäusern und davor stehenden spanischen Reitern eingefaßter Platz, und dieser führt direkt zur monumentalen Haupteingangspforte des kaiserlichen Sommersitzes, von zwei ungeheuren Bronzelöwen bewacht. Hunderte von neugierigen Mandschuren und Chinesen umdrängten mich, als ich, in der Mitte des Platzes stehen bleibend, erstaunt mein Fernglas auf die großartigen Paläste richtete, die sich hinter der Umfassungsmauer auf den Bergabhängen erheben, allein niemand wagte ein Schimpfwort oder einen Steinwurf.

War es mir auch nicht vergönnt, das Innere des herrlichen Sommersitzes zu betreten, weil die kaiserliche Familie eben hier weilte, so sah ich ihn doch in allen seinen Einzelheiten von meinem Standorte hier und dann von einem im Norden sich erhebenden bewaldeten Hügel. Ich habe in China und Japan, in Siam und Indien und anderen Ländern des asiatischen Kontinents keine so eigenartige Palastgruppe gesehen wie jene, welche sich meinem Auge auf dem Berge der zehntausend Zeitalter entrollte. Die Sage, die chinesische Kunst sei im Verfall, wird hier zu Schanden. Als letzter Ausläufer des Hsi-schan (Westgebirges) erhebt sich hier ein steiler Berg, auf der Südseite von einem großen See bespülte steinerne Balustraden mit Statuen, Obelisken und bronzenen Tiergestalten umfassen die spiegelklare Wasserfläche, aus der stellenweise die großen Blätter der Lotospflanze hervorragen. Die reizendsten Pavillons mit zierlichen, kurios geschwungenen Porzellandächern erheben sich an den Ufern, auf der Landseite von Gartenanlagen eingefaßt, hinter denen sich die mächtigen Cypressen und Kiefern eines großen schattigen Parks erheben. Zwei Inselchen unterbrechen den Seespiegel, durch herrliche weiße Marmorbrücken miteinander verbunden; auf einem dieser Inselchen erhebt sich ein großer Tempel mit einer hohen Pagode von mehreren Stockwerken. Zu ihren Füßen ruht auf dem Wasser eine mächtige weiße Dschunke mit einem zweistöckigen Gebäude darauf. Bei näherer Besichtigung ergiebt sich, daß dieses seltsame Fahrzeug vom Seegrunde aus ganz aus weißem Marmor gebaut ist, ein Lieblingsaufenthalt der Kaiserin-Mutter, welche diesen Sommersitz mit dem Kaiser zu teilen pflegt, um ihn so besser unter den Augen und sicherer unter dem Daumen zu haben, denn nicht der Kaiser, sondern diese merkwürdige Frau ist die eigentliche Lenkerin der Geschicke von China.

Noch merkwürdiger, großartiger als der See und die unzähligen in dem weiten ihn umgebenden Park verstreuten Gloriettes, Wohnhäuser, Ehrenpforten, Tempelchen und dergleichen sind die Paläste, welche sich auf dem steilen Berge selbst erheben. Vom Seeufer steigt zunächst eine ungeheure Steinterrasse empor mit vertikalen vielleicht dreißig bis vierzig Meter hohen Wänden, und auf der weiten oberen Plattform steht eine großartige Pagode mit vier schön geschwungenen Dächern aus orangegelbem Porzellan übereinander, gekrönt von einem goldenen Knauf. Die Pagodenwände selbst sind mit grünen Porzellanziegeln bekleidet und auf das reichste ornamentiert. Zu beiden Seiten dieses merkwürdigen Bauwerks bedecken die Anhöhe Tempelchen, Wohnhäuser, Kioske ohne Zahl, durch breite Treppenfluchten miteinander verbunden; zwischen ihnen erheben sich im Schatten mächtiger, knorriger Kiefern Bronzepagoden, Urnen, Vasen von hohem Wert.

Ein Weg führt zu einem breiten Felsenvorsprung an der Südseite des Berges. Auf diesem zeigte sich mir ein geräumiges, luftiges Wohnhaus, mit dreiteiligem grauen Ziegeldach, das auf dicken rotlackierten Pfeilern ruht und weit über die Wohnräume hinwegreicht, so eine breite Veranda bildend. Auf der Terrasse davor erheben sich große Fichten, und unter einer derselben gewahrte ich einen roten Armstuhl mit einem kleinen Tischchen daneben. Dieses Haus wurde mir als das gewöhnliche Wohnhaus des Kaisers bezeichnet, und auf der Terrasse davor soll er den größten Teil seiner Zeit zubringen. Auf meine Frage nach dem Wohnhause der Kaiserin-Mutter wurde mir die Antwort zu teil, daß diese ihren Aufenthaltsort häufig wechsle, bald in diesem, bald in jenem der vielen innerhalb der Umfassungsmauer zerstreuten Gebäude wohne.

Von der kaiserlichen Villa führt ein breiter sonniger, anscheinend zementierter Weg auf den Gipfel des Berges, und dieser wird von der eigentlichen offiziellen Kaiserresidenz gekrönt, ein Palast mit Rundbogenfenstern und ebensolchen Pforten, ganz mit orangegelben glänzenden Porzellanziegeln bekleidet, die in dem Sonnenlichte wie Edelsteine glitzerten. Eben als ich mein Fernglas darauf richtete, erschien auf dem kahlen Wege davor ein farbenreicher Zug von Menschen, dessen Mittelpunkt eine in Gelb gekleidete sitzende Gestalt bildete, über die ein großer roter Sonnenschirm einhergetragen wurde. Von unten herauf näherte sich diesem Zuge ein zweiter, ebenso zahlreicher, aus welchem eine rotgekleidete Gestalt hervortrat, als beide Menschengruppen voreinander Halt machten. Das Volk rings um mich bezeichnete mir die letztere als den Kaiser, die gelbe Gestalt als jene der Kaiserin-Mutter.

Wie alle anderen Kaiserpaläste und Prinzensitze in der Umgebung von Peking, vor allem wie der feenhafte nur einen Kilometer von Wan-schu-schan entfernte Sommerpalast mit seinem ausgedehnten herrlichen Park, so war auch Wan-schu-schan im Jahre 1860 von den französisch-englischen Truppen verbrannt und zerstört worden. Die Kaiserin-Mutter ließ diesen Sommersitz jedoch in den letzten Jahren neu erbauen, und hier war es, wo Prinz Heinrich als erster Prinz eines souveränen Hauses von dem Sohne des Himmels empfangen wurde.

Die Große chinesische Mauer.