Von den vielen Reisenden, die China besuchen, gehen nur wenige über Shanghai hinaus, nach Peking, und von den wenigen, die Peking besuchen, unternimmt höchstens ein Zehntel den Ausflug zur Großen Mauer, weil sie von dieser das eigentlich Imposante, die dreitausenddreihundert Kilometer Länge, doch nicht sehen können, sondern nur ein Stückchen, und dann, weil die Reise keineswegs eine Vergnügungstour genannt werden kann. Es ist nicht jedermanns Sache, eine Woche auf hartem Maultierrücken durch Steinwüsten und über kahle Gebirge zu reiten, in elenden schmutzigen Chinesenspelunken zu übernachten und sonnenverbrannt, ermüdet, wenn überhaupt mit gesunden Gliedern, nach Peking zurückzukehren, nur um eine Mauer gesehen zu haben. Wer sich aber diesen Strapazen wirklich unterzieht, der wird reichlich dafür entschädigt, nicht der chinesischen Mauer wegen, sondern weil er auf dieser Reise das Leben und Treiben der Chinesen im Inlande kennen lernt, ein ungemein malerisches und landschaftlich großartiges Stück China sieht und an der Großen Mauer selbst noch einen Blick in die Mongolei werfen kann, unter die Nachkommen der Horden des Dschingis-Chan und Kublai-Chan.

Schon das Leben auf der großen Heerstraße zwischen Peking und der Großen Mauer gewährt das größte Interesse, denn auf dieser Straße findet der Warenaustausch statt zwischen dem chinesischen Reiche, der Mongolei und Sibirien. Als ich, begleitet von meinem chinesischen Dolmetscher, auf einem Eselchen Peking verließ, um mich nordwärts gegen die Mongolei zu wenden, hatte ich schon im Stadtthore Mühe, überhaupt durchzukommen, denn nach Tausenden zählen die Kamele, die, schwerbepackt mit allerhand Waren, täglich hier ankommen oder ihren Rückweg nach dem fernen Sibirien antreten. Auf dem viertägigen Ritt nach Nankou, am Südabhange der mongolischen Berge, begegnete ich zahlreichen Karawanen, gewöhnlich mit sechs bis acht, aber auch zwanzig und dreißig Kamelen im Gänsemarsch hintereinander, geführt von breitgesichtigen schlitzäugigen Mongolen. Die Kamele bilden heute noch das wichtigste Transportmittel auf dieser Weltverkehrsroute; sie bringen Thee im Werte von vielen Millionen, chinesische Seidenstoffe, Kleidungsstücke, Stickereien, Industrieprodukte aller Art nach Norden und kehren mit Kohle, Kamelhaar, Häuten, Kalk, Soda, Papier und dergleichen von dort wieder nach Peking zurück. Neben den Kamelkarawanen begegnete ich auch solchen von Maultieren, aber verhältnismäßig nur wenigen Fuhrwerken, vornehmlich plumpen, schweren Ochsenkarren. In verschiedenen Werken über China habe ich gelesen, der elende Zustand dieser Weltverkehrsroute ließe einen Wagenverkehr überhaupt nicht zu, und die Strecke von Nankou über das Gebirge nach Kalgan an der Großen Mauer wäre selbst für Reiter auf Maultieren nur mit Lebensgefahr zu passieren. Das war bis vor einem Jahrzehnt wirklich der Fall. Seither sind aber, ein in China unerhörtes Ereignis, die Wege ausgebessert worden, und man kann heute von Peking bis in die Mongolei fahren. Freilich nicht in Equipagen, sondern nur in zweirädrigen federlosen Karren, die dem Reisenden beim Fahren die Knochen aus dem Leibe rütteln, und kommt man zu einer besonders steilen oder der massenhaft umherliegenden Felstrümmer wegen unpassierbaren Strecke, so werden die Räder abgezogen und der Karrenkasten mittels Stangen zwischen zwei hintereinandermarschierenden Maultieren aufgehängt. Wird der Weg wieder besser, dann wird diese sonderbare Sänfte, im Chinesischen Schen-tse genannt, durch das Anstecken der Räder wieder in ein Fuhrwerk verwandelt.

Je weiter ich mich auf meinem Ritt von Peking entfernte, desto kahler und trostloser wurde die weite Ebene. Rings um Peking ist sie wohl bebaut und mit zahlreichen Dörfern, Gärten, Lustschlössern der Prinzen und Großen, Tempeln, Pagoden und Parkanlagen besetzt. Nachdem ich aber um Mittagszeit auf einer schönen Marmorbrücke den wilden Bergstrom Schaho übersetzt hatte, wurde die Gegend einsamer, unfruchtbarer, denn die vielen Wildbäche, welche zur Regenzeit ihre Fluten und Geröllmassen aus den nahen mongolischen Bergen herabwälzen, verheeren dieses Gebiet in jedem Jahre. Das ungemein malerische, vielgezackte Gebirge umschließt die Ebene in einem weiten Halbkreis; nirgends zeigt sich eine Bresche, ein Paß, um hinüberzugelangen auf die mongolische Seite. Erst kurz vor Nankou entdeckte ich den Weg, der dem Pei-Scha-ho, einem kleinen, zeitweilig aber sehr wasserreichen Bergstrom entlang in das Gebirge emporführt. Am Austritt dieses Flusses in die Ebene liegt Nankou, das mein erstes Reiseziel war.

Nankou ist ein kleines Chinesennest, eigentlich nur aus einer einzigen breiten Straße bestehend, in welcher jedes zweite Haus eine Karawanserei für die Kamel-, Maultier- und Pferdekarawanen ist. Hier drängt sich des Abends der ganze Verkehr der sibirischen Route zusammen, um am folgenden Morgen den letzten Tagesmarsch nach Peking zurückzulegen oder auf dem Wege nach Norden den schwierigen Aufstieg durch den Nankoupaß nach der Großen Mauer zu unternehmen. Eine andere Verkehrsroute zwischen der Mongolei und China giebt es auf Hunderte von Kilometern nicht, denn wäre auch die Große Mauer nicht da, so würden doch die weg- und steglosen steilen Gebirge jeden Verkehr unmöglich machen. Binnen wenigen Jahren dürfte es wohl anders werden, denn eine Eisenbahn zwischen Peking und Sibirien durch die Mongolei ist geradezu unvermeidlich, und die langsam, aber stetig und sicher vordringenden Russen haben die Konzession zur Erbauung dieser Bahn bereits erhalten. Vorläufig aber laufen alle Verkehrsrouten nach Norden hier zusammen, ebenso wie all die Verkehrsrouten von Sibirien und der Mongolei aus den verschiedensten Weltgegenden an dem Nordende des Passes oder vielmehr an jenem Thore der Großen Mauer zusammenlaufen, welches bei Kalgan in der Mongolei liegt.

Die Große chinesische Mauer.

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GRÖSSERES BILD]

Diese ungemein wichtige Lage von Nankou haben die Chinesen schon vor vielen Jahrhunderten erkannt; sie haben nicht nur Nankou mit einer hohen und starken, von Türmen flankierten Ringmauer umgeben, sondern auch ähnliche Mauern als Thalsperren links und rechts der Berge emporgeführt. Unseren modernen Geschützen würden diese Riesenmauern, welche bereits einen Teil der gegen die Mongoleninvasion errichteten großen Mauer bilden, freilich nicht lange stand halten, aber in früheren Zeiten leisteten sie gegen die nur mit Bogen und Pfeil, Lanze und Schwert bewaffneten Reiterscharen vorzügliche Dienste.

Als ich nach einer elenden, in einer lärmenden Chinesenspelunke verbrachten Nacht bei Sonnenaufgang wieder weiter ritt, passierte ich noch zwei andere derartige Paßsperren, ehe ich die Höhe des Gebirges und damit auch die Große Mauer selbst erreichte. Oder doch wenigstens das, was man als diese eigentlich bezeichnen sollte, denn obschon nur sozusagen ein Vorwerk derselben, ist sie doch viel höher, mächtiger und besser erhalten als die noch zwei Tagereisen weiter nordwestlich vorbeiführende Große Mauer.