„Denn da nam dieser Kayser auß jedweden zehen Männern durchs gantze China drey, und zuletzt auß jeden fünffen zween heraus, welche täglich an der Mawr arbeiten und ein gewisses Stücke davon fertig schaffen musten. Das gantze Werck ward von Kiesel- und andern Steinen auffgeführt, und dermassen dicht und fest gemawret, daß man nicht die geringste Spalte oder Ritze daran finden konnte. Ja es hatte der Kayser ein gar strenges Gebot publiciret, daß, wo in einigem Winckel oder Fugen des Wercks sich ein Nagel hineinschlagen liesse, derjenige, so am selbigen Stücke gearbeitet, ein Fenster im Galgen geben solte.”

Ein Wort des Kaisers hatte genügt, Millionen von Menschen in Bewegung zu setzen; Millionen verließen ihre Heimat, ihre Familien, um nach der Nordgrenze des ungeheuren Reiches zu ziehen und dort unter den größten Entbehrungen jahrelang zu arbeiten. Hunderttausende büßten ihr Leben ein, von irgend welchem Lohn, irgend welcher Entschädigung für diese Opfer war nicht die Rede, und doch opferten sie sich, weil es der Kaiser befohlen. Aehnliches, wenn auch in unvergleichlich kleinerem Maßstabe, ist bei der Herstellung des Suezkanals erfolgt, aber es ist sehr fraglich, ob sich ein gleiches Zusammentreiben von Menschen noch einmal ausführen ließe. In China indessen gilt das Kaiserwort im Ernstfalle noch immer für allmächtig. Noch heute richten sich trotz aller Mißwirtschaft, trotz Elend, Zerfall und Aufständen doch noch alle Blicke nach Peking. Ich habe das im chinesischen Reiche überall wahrgenommen, und wenn auch das Vertrauen in den Bestand und in die Widerstandskraft des chinesischen Volkes durch den letzten Krieg mit Japan erheblich erschüttert worden ist, so scheint es mir doch sehr gefehlt, diese Widerstandskraft zu unterschätzen. Droht wirklich ernste Gefahr für den Bestand des Reiches und dringt davon die Ueberzeugung in die Massen des Volkes, dann dürfte China nicht so leicht zu besiegen sein, wie es durch die Japaner geschehen ist.

Dafür wird aber die friedliche Eroberung desto sicherer stattfinden, soweit es den Handel, den Verkehr, die Erschließung des Landes betrifft, und gegen diese wird auch die chinesische Mauer nicht standhalten. Die einstigen tapferen Mongolen, welche unter Dschingis-Chan das Reich überfluteten, ziehen heute als friedliche Kameltreiber durch die Mauer nach China; ihre Fürsten sind Vasallen des Kaisers und kommen zeitweilig nach Peking, um dort ihren Tribut zu entrichten.

Nicht die Mongolen drohen dem chinesischen Reiche, sondern das Volk, das nördlich an sie grenzt: die Russen. Gegen sie giebt es keine chinesische Mauer, und durch denselben Engpaß von Nankou, durch welchen heute der ganze Verkehr zwischen China und Sibirien auf Kamel- und Maultierrücken stattfindet, wird binnen einem Jahrzehnt die Lokomotive dampfen.

Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen.

Die Umgangsformen sind bei den Chinesen vielleicht strengeren Regeln unterworfen als bei irgend einem anderen Volke, nur kommen sie in einer der unsrigen ganz entgegengesetzten Weise zum Ausdruck. Empfängt beispielsweise ein Chinese Besucher in seinem Hause, so nimmt er dazu seinen Hut nicht ab, sondern setzt ihn auf; er schüttelt bei der Begrüßung nicht die Hände des Besuchers, sondern seine eigenen Hände, und er weist dem Gaste nicht die rechte, sondern die linke Seite als Ehrenplatz zu. Es wäre ein schlimmer Verstoß gegen die Etikette, wollte der Gast sich nach dem Befinden der Damen erkundigen oder den Wunsch ausdrücken, ihnen vorgestellt zu werden. Die Damen bleiben unsichtbar, selbst bei Mahlzeiten, und statt ihrer werden Frauen von zweifelhaftem Ruf zugezogen. Die Tafel wird nicht mit einem weißen Tischtuch bedeckt, wie bei uns, denn weiß ist bei den Chinesen die Farbe der Trauer. Während der Mahlzeit werden nicht kalte, sondern warme Getränke aufgetragen; die Reihenfolge der Speisen ist die umgekehrte der unsrigen. Der Chinese hat nicht den Wunsch, möglichst jung, sondern möglichst alt auszusehen, und es ist die größte Schmeichelei, einen jungen Mann zu seinem ehrwürdigen Aeußeren zu beglückwünschen. Wir schneiden unsere Kopfhaare kurz, der Chinese verlängert sie noch künstlich durch Seidenschnüre; wir sind stolz auf unsere Bärte, der Chinese vertilgt bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre sorgfältig alle Bartspuren. Die Chinesin schnürt sich nicht den Leib, sondern die Füße; geht sie aus, so setzt sie nicht einen Hut auf, sondern entfernt jede Kopfbedeckung und zeigt das Gesicht unverschleiert. Der Chinese trägt keinen Spazierstock, sondern einen Fächer, statt sich auf seinen Spaziergängen von einem Hund begleiten zu lassen, trägt er einen Käfig mit einem Vogel; und reitet er, so hält er die Zügel nicht in der linken, sondern in der rechten Hand. Er schreibt nicht mit der Feder, sondern mit einem Pinsel, und zwar von oben nach unten, von rechts nach links, von hinten nach vorn; Randbemerkungen macht er nicht unten, sondern oben, Nachschriften stehen dort, wo bei uns der Anfang ist, und datiert er einen Brief, so schreibt er zuerst das Jahr, dann den Monat, dann den Tag. Spricht er jemanden an, so nennt er den Namen zuerst, den Titel nachher, und sagt nicht: „Guten Morgen, Herr Fischer”, sondern „Fischer Herr, Tschin-Tschin”. Der Chinese kann die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf geworfen bekommen, er wird darüber vielleicht lachen; tritt ihm aber zufällig jemand auf die kleine Zehe, was wir unter gegenseitigen Höflichkeitsformen weiter unbeachtet lassen, so vergeht er vor Zorn und prügelt sich vielleicht sogar. Stirbt sein Sohn, ein Ereignis, worüber wir jammern und wehklagen, so lacht der Chinese, solange er unter Leuten ist, darüber. Alle diese und tausenderlei andere Einzelheiten in den Umgangsformen sind in China durch uralte Ueberlieferungen geheiligt, ja sie werden durch ein eigenes Staatsministerium bis ins kleinste festgestellt. Dieses Ministerium, eine der sechs großen Zentralbehörden in Peking, führt den Titel Li-Pu, etwa Amt der Gebräuche und Zeremonien. Der Hof, die Festtage, der administrative und militärische Organismus, die Geburten, Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Trauer, Götter- und Ahnenverehrung, die Ehren und Würden, Uniformen, Trachten, Sommer- und Winterkleidung, die Art der Begrüßung, Gehen, Fahren, Reiten, mit einem Worte das ganze Leben des Chinesen von seiner Geburt bis zu seinem Tode, ja sogar darüber hinaus, ist dem Li-Pu untergeordnet, und seine Vorschriften werden von jedem Bewohner des Reichs der Mitte genau beobachtet.

Das Li-Pu ist in eine Anzahl von Aemtern eingeteilt, deren jedes seine besondere Bestimmung hat und seine Weisheit aus einem uralten Werke, dem Buch der Gebräuche schöpft, das nicht weniger als zweihundert Bände umfaßt. Einem dieser Aemter ist auch der Ahnenkultus untergeordnet mit den Vorschriften für die Verehrung der verstorbenen Kaiser, Generale, Staatsmänner und Gelehrten, der Geistermahlzeiten, Ahnenopfer und dergleichen. Ein anderes Amt, das Amt des Gastes und des Wirtes genannt, regelt den Verkehr mit den fremden Gesandtschaften und tributpflichtigen Fürsten; ihm sind die Dolmetscher und die chinesischen Gesandtschaften im Auslande in Bezug auf die Einzelheiten der Ausrüstung und Reise untergeordnet. Sogar die Musik hat ein eigenes Kaiserliches Musikamt mit einer großen Anzahl von Beamten, welche die Aufgabe haben, „die Grundsätze der Harmonie und Melodie zu erforschen, Musikstücke zu komponieren und Instrumente anzufertigen, um diese Musikstücke aufzuführen”. Die Chinesen sind wohl das einzige Volk des Erdballs, das ein eigenes Musikamt besitzt und so viel offizielle Musik macht. Selbst die Regeln des Tanzes sind von dem Ministerium der Gebräuche vorgeschrieben, denn, so sagt Confucius, „in Wirklichkeit ist nichts ohne seine bestimmten Zeremonien”.