„Sehr gering. Nur elende siebzig Jahre.”

„Wo befindet sich Ihr edler Palast?”

„Das Schmutzloch, in welchem ich mich verberge, ist in X.”

„Wie viele würdige junge Herren (oder wie viele „kostbare Pakete”) haben Sie?”

„Nur drei dumme kleine Schweinchen.”

Unter Gleichgestellten ist es ein Verstoß gegen die Etikette, sie bei ihrem Namen zu nennen, selbst wenn sie die besten Freunde oder sogar Brüder sein sollten. Sie sprechen einander als Ehrwürdiger älterer Bruder oder Ehrwürdiger jüngerer Bruder an. Der älteste Sohn einer Familie Namens Ming wird als der große Ming bezeichnet, der zweite Sohn als Ming Nummer zwei, der dritte als Ming Nummer drei und im Verkehr mit Gleichgestellten werden sie von diesen mit Ehrwürdiger großer Ming, oder Ehrwürdiger Ming Nummer zwei und so fort angesprochen. Nur der Höhergestellte hat das Recht, sie bei ihrem wirklichen Namen zu nennen.

So ist das ganze Leben der Chinesen eingeengt durch ein bis in die kleinsten Einzelheiten gehendes Zeremoniell, auf das mit der größten Fürsorge geachtet wird. Der Europäer, der glaubt, sich im Verkehr mit Chinesen darüber hinwegsetzen zu können, wird niemals etwas ausrichten, denn die Chinesen messen den Charakter und die Stellung eines Mannes hauptsächlich nach diesen in unseren Augen nichtigen Einzelheiten. Ich habe das auf meinen Reisen im Innern Chinas und bei meinen Mandarinbesuchen fast täglich beobachtet. Der frühere amerikanische Gesandte in Peking, Chester Holcombe, erzählt darüber einige interessante Beispiele. Einmal sandte er einen Konsul nach einer Provinzialhauptstadt, um dort eine Angelegenheit mit dem Gouverneur zu schlichten. Eine halbe Stunde nach seiner Ankunft in der betreffenden Stadt ritt der Konsul, noch in seinen Reisekleidern, zu dem Yamen des Gouverneurs und klopfte mit seiner Peitsche an die große Thür. Der erschreckte Thorhüter nahm seine Karte ab und brachte sie dem Gouverneur, aber dieser weigerte sich, den Konsul zu empfangen. Während einer Woche ließ er sich täglich beim Gouverneur anmelden, täglich wurde er abgewiesen, und schließlich mußte er unverrichteter Dinge die beschwerliche, wochenlange Rückreise nach Peking antreten. Auf dem Wege wurde er in einer Stadt von dem Pöbel auch noch thätlich insultiert. Die fragliche Angelegenheit, die durch ein höfliches Auftreten des Konsuls ohne weiteres hätte geregelt werden können, zog sich drei Jahre lang hin, und schließlich mußte sich der Gesandte selbst bequemen, nach der betreffenden Provinzialstadt zu reisen. Mit allen Einzelheiten der chinesischen Etikette vertraut, wurde er von dem Gouverneur mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen, und die Sache wurde in der ersten Unterredung beigelegt.

Einmal hatte Holcombe eine Konferenz mit den chinesischen Ministern im Auswärtigen Amte in Peking. Als ich eintraf, so erzählt er, waren zwei von ihnen bereits anwesend. Wir bekomplimentierten einander gegenseitig geraume Zeit an der Thüre, bevor wir eintraten, und wieder eine geraume Zeit, ehe wir an dem großen runden Tische im Konferenzzimmer unsere Plätze einnehmen konnten. Während unserer Beratungen kamen nacheinander fünf andere Minister. Jedesmal stürzten die anwesenden Minister wieder aus der Thüre, verbeugten sich unzähligemal voreinander, ohne daß einer den Vortritt annehmen wollte, und schließlich kämpften sie wieder unter den tiefsten Verbeugungen um den untersten Sitz am Tische, so daß während der Konferenz die Teilnehmer fünfmal ihre Plätze wechselten.

Der Chinese wird selten im Verkehr mit seinen Landsleuten oder mit Ausländern absichtlich eine unangenehme oder anstößige Bemerkung fallen lassen. Ist er unzufrieden, so sagt er es nicht gerade heraus, sondern überläßt es dem Zuhörer, die wirkliche Ursache herauszufinden, während er ihm irgend eine erfundene Geschichte erzählt. Er will seinen Zweck erreichen, aber auf eine, wie er glaubt, angenehmere Weise. Erscheint beispielsweise einem chinesischen Diener sein Lohn zu gering, so wird er sich nicht beschweren. Seiner Ansicht nach wäre dies äußerst unhöflich. Er wird also sofort seinen Vater krank werden oder einen Verwandten sterben lassen, um damit seinen Austritt aus dem Dienst zu entschuldigen. Ist sein Dienstherr ein Ausländer, der mit den chinesischen Gebräuchen noch nicht vertraut ist, so wird er die Angaben des Dieners vielleicht als bare Münze nehmen und den Diener wirklich entlassen. Aber hat er die Chinesen durch langen Verkehr mit ihnen kennen gelernt, so wird er trachten, durch einen anderen Diener den wahren Grund herauszufinden und ihn zu berücksichtigen, stets aber wird er sich dabei den Anschein geben, als schenkte er den Ausflüchten seines Dieners vollen Glauben, um diesen nicht auf einer Lüge zu ertappen.

In der Absicht, unangenehme Wahrheiten, ihre wirklichen Gefühle und Beweggründe zu verbergen, werden die Chinesen zu allen nur erdenklichen Mitteln und Wendungen Zuflucht nehmen. Hoch oder niedrig, verlieren sie selten ihren Gleichmut, und nur in ihrem Hause den vertrautesten Freunden gegenüber legen sie die eisernen Fesseln der Etikette ab und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Diese Sitte von Unterdrückung und falscher Auslegung ihrer innersten Gedanken hat, wie Holcombe sehr richtig sagt, in der Außenwelt den Eindruck hervorgerufen, daß die Chinesen ein kaltblütiges, gleichgültiges Volk ohne Nerven seien. Aber in Wirklichkeit sind sie äußerst empfindlich, stolz und leidenschaftlich. Nichts bringt die Chinesen so sehr außer Fassung und verwirrt sie, wie die geraden und schroffen Manieren der westlichen Völker, hauptsächlich der Engländer und Amerikaner, und deshalb verschanzen sie sich gerade diesen gegenüber hinter ihrer starren Etikette, während sie dem höflichen, bescheidenen und geduldigen Deutschen größere Offenheit und größeres Vertrauen entgegenbringen.