Augengläser dürfen in China auch im gewöhnlichen Leben vor im Range höherstehenden Personen nicht getragen werden. Selbst der Kurzsichtige muß sie abnehmen, wenn er vor einen Mandarin tritt, und sollte beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen ein Kurzsichtiger in die Lage kommen, etwas lesen zu müssen, so muß erst die Erlaubnis des Richters zum Aufsetzen der Augengläser eingeholt werden. Augengläser bilden überhaupt in China das Zeichen von höherem Ansehen und Würde. Sobald ein Litterat irgend eine Mandarinstelle erhält, wird es gewiß sein erstes sein, sich ein paar Augengläser anzuschaffen, selbst wenn er sich des besten Sehvermögens erfreuen sollte.
Jedem Mandarin des Zivil- oder Militärstandes gebührt je nach seinem Range eine der vorstehenden Begrüßungsarten. Begegnet ein niedriger Mandarin auf der Straße einem höheren, so muß er vom Pferde oder aus der Sänfte steigen, um diese Begrüßung vorschriftsmäßig auszuführen. Mandarine desselben Ranges thun dasselbe, ja sie überbieten sich sogar, um einander zuvorzukommen. Man kann sich leicht vorstellen, welcher Zeitverlust und welche Umstände mit so zeremoniösen Begrüßungen auf offener Straße verbunden sind, und deshalb trachten Mandarine, wenn sie einander aus der Ferne ansichtig werden, auszuweichen, oder sie ziehen die Vorhänge ihrer Sänften zu und thun, als bemerkten sie einander gar nicht. Das Volk hat sich vor den Mandarinen, wenn sie im Dienste sind oder zu Gericht sitzen, auf die Knie zu werfen. Nur die Greise machen darin eine Ausnahme. Selbst grauhaarige Sträflinge werden gewöhnlich von den Richtern aufgefordert, sich zu erheben. Diese im Auslande leider so wenig gekannte Achtung vor dem Alter hat in China für viele Ausländer schon sehr schlimme Folgen gehabt. Vor einer Reihe von Jahren begegneten sechs junge Engländer in der Nähe eines Vertragshafens einem alten Manne, der eine schwere Last auf dem Rücken trug. Nach chinesischer Etikette würde jedermann, ob aus den niedrigsten oder höchsten Ständen, einem Greise ausweichen, selbst wenn er keine Bürde trüge. Der Weg war schmal und die Engländer bestanden darauf, daß der Alte ihnen Platz mache. Als er sich weigerte, schlugen sie ihn und stießen ihn endlich in den Sumpf zur Seite des Weges. Diese That sollte ihnen übel bekommen. Die erzürnten Bewohner des Dorfes, zu welchem der Alte gehörte, machten sich zur Verfolgung der Engländer auf und töteten sie insgesamt.
Auch bei Besuchen beobachten die Chinesen ein eigentümliches Zeremoniell. Der Besucher wird sich in seiner Sänfte nicht bis an das Thor tragen lassen, sondern seinen der Sänfte stets vorausschreitenden Visitenkartenträger mit seiner gewöhnlich etwa fünfundzwanzig Centimeter langen roten Visitenkarte zu dem Bewohner des betreffenden Hauses voraussenden. Ist der Besucher in Trauer, so sind seine Visitenkarten von weißer Farbe, und die Schriftzeichen sind blau. Will der Hausbewohner den Besucher nicht empfangen, so verleugnet er nicht seine Gegenwart, wie es in anderen Ländern zu geschehen pflegt, sondern sein Thorhüter wird dem Visitenkartenträger sagen: „Dein Herr braucht sich nicht zu bemühen”. Darauf wird die Karte dort gelassen. Wird der Besuch angenommen, so begiebt sich der Hausherr bis zum Eingang, um den Besucher zu empfangen und ihn selbst unter vielen Verbeugungen in die inneren Räume zu führen. Vorher wird er aber seinen offiziellen Zeremonienhut aufsetzen. Die größeren Häuser und die Yamen (Dienstwohnungen) der Mandarine haben gewöhnlich drei Eingänge. Der mittlere Eingang wird nur Besuchern von gleichem oder höherem Range als der Hausherr geöffnet. Auch diese Frage hat in China schon viele Ungelegenheiten gemacht. In Canton z. B. unterhielten die europäischen Konsuln viele Jahre lang keinen persönlichen Verkehr mit dem Vizekönig, weil dieser sich weigerte, ihnen die mittlere Ehrenpforte zu öffnen. Allerdings standen die Konsuln im Range tief unter dem Vizekönig, allein sie waren die Vertreter ihrer Regierungen und unterließen lieber den Verkehr mit dem Vizekönig gänzlich, als sich durch eine Seitenpforte zu ihm zu begeben; nach langen diplomatischen Verhandlungen setzten sie aber ihren Willen durch.
Visitenkarte des Prinzen Tsching.
(¼ der Originalgröße.)
Sobald der Hausherr seinem Gast den (stets erhöhten) Ehrensitz zu seiner Linken angewiesen hat, werden Thee und Pfeifen aufgetragen. Der Besucher ist nicht verpflichtet, irgend etwas zu genießen, außer wenn der Hausherr ihm als besonderen Beweis seiner Achtung eine Tasse Thee selbst darreicht. Er wird dies niemals mit einer Hand, sondern immer mit beiden Händen thun, indem er sich von seinem Sitze erhebt, und in derselben Weise muß der Besucher die Tasse Thee auch in Empfang nehmen. Bei offiziellen Besuchen zwischen Mandarinen und europäischen Beamten wird der dargebotene Thee erst am Schlusse des Besuches getrunken. Berührt der Hausherr im Laufe der Unterhaltung seine Tasse, so ist dies das stillschweigende Zeichen, daß er die Unterhaltung beendet zu sehen wünscht.
Auch in den einzelnen Redeformen beobachtet der Chinese gewisse feste Regeln, und eine ungezwungene Unterhaltung wie bei uns ist im Reiche der Mitte absolut unbekannt. Ja und Nein werden immer in der sonderbarsten Weise umschrieben, denn es wird in China beispielsweise als schlimmer Verstoß gegen die gute Sitte angesehen, jemandem etwas direkt durch ein Nein abzuschlagen. Seit Jahrhunderten sind die einzelnen Fragen und Antworten bei Besuchen in bestimmte Formen krystallisiert, mit solchen bombastischen Floskeln verziert, so mit Komplimenten ausgeschmückt, daß sie in der wörtlichen Uebersetzung geradezu unverständlich sind. Drückt beispielsweise der Besucher sein Bedauern darüber aus, daß er den Hausherrn so lange nicht gesehen hat, so wird dieser nach den bestehenden Formeln antworten: „Wir beanspruchen die Mühe Ihrer ehrenwerten Schritte zu empfangen; ist die Person in der Sänfte wohl?” was soviel heißt als „Ich danke für Ihren Besuch und hoffe, Sie befinden sich wohl”. Gewöhnlich sendet der Hausherr nach den einleitenden Höflichkeitsbezeugungen nach seinen Söhnen, die beim Eintreten den Kautau vor dem Besucher ausführen. Studiert einer der Söhne, so wird vom Besucher die Hoffnung ausgesprochen, daß er „den Wohlgeruch der Bücher fortführen”, d. h. den litterarischen Ruf der Familie aufrechterhalten wird. Je höher der Besucher die Anwesenden preist, desto verächtlicher wird der Hausherr von seinen Angehörigen sprechen, denn es gehört zur guten Sitte, alles Fremde in den Himmel zu erheben, alles Eigene herunterzusetzen; aber immer in der für Ausländer so schwer verständlichen Umschreibung. Die Frage: „Erfreut sich der ehrenwerte große Mann des Glückes?” will sagen „Befindet sich Ihr Vater wohl?” Fragt der Besucher: „Wie viele würdige junge Herren (Söhne) haben Sie?” so antwortet der Vater, wenn er beispielsweise nur einen Sohn haben sollte: „Mein Los ist armselig, ich habe nur einen kleinen Käfer”. In ähnlichen Formen bewegen sich auch die Gespräche von Fremden, die einander begegnen, selbst wenn sie Bettler sein sollten. So z. B.:
„Wie lautet Ihr ehrenwerter Name?”
„Der erbärmliche Name Ihres minderen Bruders ist Ming.”
„Was ist Ihre erhabene Langlebigkeit?”