Auch die Mohammedaner, deren Zahl in China zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen erreicht, haben ihren eigenen großen Geheimbund, Hwuy-Hwuy-Jin genannt. Novizen werden dadurch gereinigt, daß man sie zunächst tüchtig durchbläut und ihnen dann Seifenwasser zu trinken giebt, was die Nachwirkung des bei den Taoisten so beliebten und bei den Mohammedanern verpönten Schweinefleisches paralysieren soll. Die unzähligen anderen Geheimgesellschaften Chinas sind viel kleiner und mehr auf gewisse Provinzen oder Städte beschränkt, gerade wie bei unserer eigenen Vereinsmeierei. Auf die sozialen und politischen Zustände des Reiches üben sie keinen nennenswerten Einfluß aus. Ob der große Mohammedaneraufstand des Jahres 1895 in den Provinzen Schensi und Kansu auf den Einfluß der Geheimbünde zurückzuführen ist, kann nicht gesagt werden. Die Aufständischen waren hauptsächlich von religiösem Fanatismus und blindem Chinesenhaß erfüllte Banden, die hier schon seit Jahrhunderten einen Rassenkrieg gegen die Ungläubigen führen; mit diesem Namen nämlich werden die Chinesen von den Mohammedanern bezeichnet. Die letzteren, obschon ähnlich gekleidet wie die Chinesen und allen Gebräuchen derselben, selbst dem Zopftragen und dem Verkrüppeln der Füße bei den Frauen unterworfen, sind doch anderer Rasse, denn sie stammen aus dem fernen Turkestan und wurden vor einem Jahrtausend von den Kaisern der Tangdynastie nach Kansu gerufen, um dieses gegen die Einfälle der Tibetaner zu schützen. Sie erhielten dafür die Bewilligung, sich in Kansu und Schensi anzusiedeln, verbreiteten sich aber auch auf die Nachbarprovinzen, vornehmlich nach Schantung, und zählen heute zusammen etwa zwanzig Millionen. Sie leben mitten unter den Chinesen, vermengen sich aber niemals mit diesen und sind ihnen auch seit jeher feindlichgesinnt geblieben. Auch die Mohammedaner haben ihre Geheimgesellschaft, deren Streben es ist, die beiden Provinzen ganz von Chinesen zu befreien und ein unabhängiges mohammedanisches Reich zu gründen. Teilweise ist auch religiöser Fanatismus ein Grund des Hasses gegen die Chinesen, denn diese haben ihnen wohl die Ausübung ihrer Religion gestattet, aber die Moscheen im Reiche der Mitte dürfen über den Pforten keinen Halbmond und keine Bezeichnung als Moscheen tragen; im Innern der Moscheen sind überdies auf Anordnung der chinesischen Behörden Statuen des Confucius und die Ahnentafeln der chinesischen Kaiser aufgestellt, die von den Mohammedanern verehrt werden müssen. Das, zusammen mit dem Rassenhaß und den Bedrückungen durch die Mandarine, läßt die Gärung unter den Mohammedanern nicht zur Ruhe kommen.

Bald nach dem chinesisch-japanischen Kriege und vielleicht als Folge desselben und der dabei zu Tage getretenen Ohnmacht der Mandschuregierung entstand auch in Schantung ein Geheimbund, Tjiu-dschung-tsau, allem Anschein nach dasselbe wie die weiße Lotosgesellschaft, nur unter anderem Namen. Die Geheimbündler verbreiteten unter den Chinesen den Glauben, daß sie unverwundbar seien; dadurch gewannen sie so großen Einfluß, daß sogar die Mandarinen sich ihrer bedienten, um dem Räuberunwesen zu steuern, wenn ihre Militärmacht nicht ausreichte. Allmählich wurden aber die Geheimbündler selbst zu Räubern, ein Schrecken für Südschantung, so daß die Provinzregierung endlich reguläre Truppen gegen sie aussandte. Schon im ersten Kampfe mit den Provinztruppen fiel eine ganze Menge der Unverwundbaren unter den Schwertstreichen; die Gefangenen wurden von den Ortsmandarinen in die Holzkäfige gesteckt, wie sie in den Höfen jedes Yamens in Schantung stehen, und in diesen Käfigen am Halse aufgehängt. Nach zwei bis drei Tagen fanden die Unverwundbaren so ihren jämmerlichen Tod. Die Seifenblase war geplatzt, mit den Tji-dschung-tsau war es schon in den Sommermonaten 1895 vorbei.

Aber die Chinesen sind leichtgläubige Leute, und dazu ist die Unzufriedenheit mit der Regierung wie mit dem stetigen Fortschreiten der Europäer so groß, daß es bald zu einem neuen Geheimbunde kam, der wohl ganz wie der letzte auch nur ein Auswuchs der Sekte der Weißen Lotos sein dürfte, nur unter einem anderen Namen. Dieser Name ist eben Ta-tau-hui oder Gesellschaft der Großen Messer. Warum Große Messer, weiß ich nicht, denn ihre Waffe ist ebenfalls nur eine lange, schmale zweischneidige Lanze, im Chinesischen Piau-djiang genannt. Ich sah eine derartige erbeutete Waffe bei einem der Mandarine von Tsinan-fu.

Auch die Ta-tau-hui geben sich als unverwundbar aus, und ihr Schutzmittel sind ebenfalls Papierzettel mit allerhand Zauberformeln. Sie haben auch früher, als sie von der Regierung noch nicht so verfolgt wurden, in ähnlicher Weise Waffenübungen veranstaltet wie die Tji-dschun-tsau. Ihr Streben ist dasselbe: Vertreibung der Mandschuregierung, Vertreibung der Europäer. Hauptsächlich zu dem Zweck, um der Regierung Knüppel zwischen die Beine zu werfen, haben sie im Jahre 1895 über zwanzig Bethäuser der katholischen Mission von Südschantung niedergebrannt. China mußte schon damals der Mission einen Schadenersatz von 10000 Tiau (1 Tiau etwa 1 Mark 60 Pfennig) leisten. Die Provinzregierung wurde angewiesen, die Ta-tau-hui zu vertreiben, und in der That zog der jetzige Nien-Tai (Provinzialrichter) von Schantung, welcher damals Yü-ta-dschen (Mandarin) von Tsau-tschau-fu war, an der Spitze von Regierungstruppen persönlich gegen die Großen Messer ins Feld. Die letzteren wurden versprengt, dreißig von ihnen gefangen und in der Stadt Schain-hsien hingerichtet. Unter den Hingerichteten befand sich auch ein Anführer der Großen Messer, Namens Liu-schö-dsau. Aber das eigentliche Haupt, der schon genannte Tschan-tsia-dschi, flüchtete über die Grenze nach Honan und konnte bis heute nicht festgenommen werden. Ich habe selbst die Proklamation angeschlagen gesehen, in welcher die Regierung den Betrag von 1000 Taels auf seinen Kopf setzt.

Chinesisches Räuchergefäß.

Dieses strenge Vorgehen für die an den Missionen verübten Unthaten erbitterte die Großen Messer natürlich noch mehr. Bald darauf wurden in Kü-ye die beiden unglücklichen Missionare Nieß und Henle ermordet und so viele andere Schandthaten verübt, daß auch von Peking auf die Beschwerden des Missionsleiters die strengsten Befehle zur Unterdrückung der Großen Messer kamen. Die Provinztruppen schlugen die Horden auch in mehreren blutigen Gefechten, und der Gouverneur berichtete nach Peking, der Geheimbund bestände nicht mehr. Das war in der That der Fall, denn um der Verfolgung durch die Regierung zu entgehen, organisierten sich die Mitglieder wieder zu einem neuen Bunde unter anderem Namen, jenem der Boxer. Aber der Zweck all dieser Gesellschaften ist, wie die Ereignisse gezeigt haben, stets der gleiche: Vertreibung der Fremden, China für die Chinesen.

Chinesisches Zeitungswesen.