Wie in so vielen andern Dingen, so zeigt die chinesische Kultur auch in Bezug auf das Zeitungswesen die größten Widersprüche. Während Europa nur noch wenige Kleinstädte besitzt, die nicht ihre eigene Tageszeitung aufzuweisen hätten, wohnen zwischen dem Himalaya und der sibirischen Grenze gegen vierhundert Millionen Menschen, denen der Begriff Zeitung in unserm Sinne noch vollständig unbekannt ist. Und doch wären alle Grundbedingungen dafür in China massenhaft vorhanden. Die Chinesen sind ja die Erfinder des Papiers, der Druckerschwärze, des Buchdrucks, ja der Zeitungen selbst. Schon vor dreizehnhundert Jahren schnitten sie ihre Schriftzeichen in Holzplatten und druckten ganze Werke. Vor achthundert Jahren, im Jahre 1040, erfanden sie die beweglichen Drucktypen, und während wir in Europa die Zeitung als eine Errungenschaft der neuesten Zeit ansehen, besaßen die Chinesen deren eine schon vor elfhundert Jahren, denn chinesische Werke aus der Zeit der Dynastie Tang, zwischen den Jahren 713 und 741, erwähnen bereits die Pekinger Staatszeitung. Sie ist also um viele Jahrhunderte die älteste Zeitung der Welt, mit seltener Pünktlichkeit durch Generationen hindurch Tag für Tag erscheinend.

Messing-Opiumlampe
aus Kiautschou.

Zu einer Tageszeitung im Inlande haben es aber die Hunderte von Millionen Zopfträgern bis auf die jüngste Zeit nicht gebracht, obschon es weder an schriftstellerischen Talenten, noch an Lesern, noch an Stoff mangelt. Und an Neugierde fehlt es wahrscheinlich ebensowenig, wenn man den großartigen Stadtklatsch in Betracht zieht, der durch Hausierer, Barbiere, Dienerschaft von Straße zu Straße verbreitet wird und stets willfährige Zuhörer findet. Oder ist vielleicht die Regierung daran schuld, die mit eiserner Faust alle Zeitungsunternehmungen niederhält, Redakteure verfolgt und einsperrt, wie es bei uns, sagen wir vor dem Jahre 1848, der Fall war? Nicht im mindesten. Das mittelalterliche China ist im Gegensatz zu manchem unserer modernen Kulturstaaten das Paradies der Preßfreiheit. Jeder kann drucken und veröffentlichen, was er will. Es giebt kein Preßgesetz, keine Bürgschaft, keinen Zeitungsstempel, keine Zensur, keine Beschlagnahme. Litteratur, besonders die klassische, wird in China hochgeschätzt. Die Litteraten gehören zu den angesehensten Ständen, und von der Bevölkerung ist vielleicht ein gleicher Prozentsatz des Lesens kundig wie unter den Völkern von Südeuropa. Dennoch hat sich China bis auf die jüngste Zeit mit der einzigen Pekinger Zeitung begnügt.

Diese Pekinger Zeitung, im Chinesischen „Tzing pao”, ist in Bezug auf ihre Redaktion, ihr Aussehen und ihre Verbreitung ein Unikum. Der Text beschränkt sich auf Hofnachrichten und die Veröffentlichung von kaiserlichen Erlassen, Ernennungen, Gesetzen und Strafen. Alle Dokumente der ganzen Regierungsmaschine dieses größten Reiches der Welt gelangen in den großen Staatsrat, und dieser verfügt, welche Dokumente veröffentlicht werden sollen. Abschriften derselben werden dann dem Geheimen Rat übergeben, von welchem täglich ein Mandarin den Dienst im kaiserlichen Palast versieht. Dem Geheimen Rat liegt es ob, die Dekrete, Diplome, Urteile und dergleichen an ihre Bestimmung gelangen zu lassen, und dazu werden sie der Generalpostdirektion, einer Abteilung des Kriegsministeriums, übergeben, die sie durch eigene Kuriere nach den verschiedenen Provinzen entsendet, denn ein geregeltes Postwesen nach europäischem Muster ist ja in China unbekannt. Gleichzeitig mit den Beamten der Postdirektion finden sich im Geheimen Rate täglich auch Beamte der Ministerien und die Redakteure der Pekinger Zeitung ein, um von den verschiedenen Dokumenten Abschriften anzufertigen. Die Druckerei der Pekinger Zeitung, ein halbamtliches Unternehmen, untersteht der Oberaufsicht der Postdirektion; sie hat darauf zu achten, daß der Wortlaut der amtlichen Bekanntmachungen nicht geändert oder gekürzt werde; sie erhält auch täglich eine für die verschiedenen Behörden der Hauptstadt wie der Provinzen bestimmte Anzahl Abdrücke, die sie gleichzeitig mit den anderen Dokumenten durch die Kuriere versendet.

Man wird sich möglicherweise über den Ausdruck Zeitungsdruckerei wundern, denn bisher wurde ziemlich allgemein angenommen, daß die Pekinger Zeitung täglich in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren geschrieben wird. Dies ist ein Irrtum. Die wirklich offizielle Pekinger Zeitung wird gedruckt, gerade so wie unsere Regierungszeitungen, und es besteht in Peking hierfür eine eigene Druckerei mit Setzern und Pressen, nur erfolgt der Zeitungsdruck dort nicht so einfach und rasch wie bei uns. Es vergehen immer einige Tage, bis eine Ausgabe der Zeitung hergestellt ist. Man muß sich eben vor Augen halten, daß unsere Setzer im ganzen mit ein paar Dutzend Buchstaben zu arbeiten haben, die in Kästen vor ihnen liegen, ja bei den neuen amerikanischen und deutschen Setz- oder Zeilengießmaschinen fallen sogar diese Setzkästen fort, und die Setzer arbeiten wie an einer Schreibmaschine. In der chinesischen Sprache giebt es statt einzelner Buchstaben ebensoviele Tausende verschiedener Zeichen; jedes Wort oder doch jede Silbe hat ihr eigenes Zeichen, und dementsprechend giebt es in chinesischen Druckereien auch ganze Katakomben gefüllt mit Tausenden von Kästchen, jedes mit anderen Typen. Die größte Druckerei, die ich in China zu besuchen Gelegenheit hatte, war jene der katholischen Mission in Zikaway, am Sutschaukanal gelegen. Ich wanderte dort lange Gänge, zu beiden Seiten mit derartigen Kästen besetzt, auf und ab. In jedem lagen verschiedene Typen, nicht etwa die winzigen Metallstäbchen, die so leicht zu handhaben sind, sondern Holzstücke von etwa einem Quadratcentimeter Durchschnitt für die gewöhnlichen Typen. Unsere Buchstaben sind einfach in der Form und leicht zu erkennen. Die chinesischen Zeichen aber bestehen der Mehrzahl nach aus zwanzig bis dreißig verschiedenen Strichlein, kunterbunt durcheinander gezogen, mit Auswüchsen, Quadrätchen, Punkten und Kreislinien, daß einem europäischen Setzer die Haare zu Berge stehen würden, hätte er es auch nur mit sechsundzwanzig derlei Zeichen zu thun. Und die Chinesen haben deren mindestens ebensoviele Tausende. Dabei sind mitunter Dutzende dieser schwer zu unterscheidenden Hieroglyphen nur durch ganz kleine Strichlein oder Punkte voneinander unterschieden. Welche Freude für den Setzer und erst recht für den Korrektor! Ein chinesischer Setzer müßte, wollte er sich aus den langen Galerien die Typen selbst zusammenholen, so viel umherlaufen wie ein Briefträger; er hat deshalb gewöhnlich einige Laufburschen zu seiner Verfügung, welche ihm die verschiedenen Typen, deren er bedarf, aussuchen.

Unter solchen Umständen darf es nicht wundernehmen, daß der Satz chinesischer Handschriften so viele Zeit beansprucht. Aber auch der Druck geht ähnlich langsam vor sich. Die Papierblätter der Pekinger Zeitung, neunzehn Centimeter hoch und zwanzig Centimeter breit, liegen neben dem Drucker, der den Satz in einem Holzrahmen vor sich stehen hat. Zunächst nimmt er mittels einer breiten Bürste, einem umgekehrten Blumenstrauß nicht unähnlich, etwas Druckerschwärze aus einem muldenartigen Gefäß und schwärzt die Typen. Dann legt er sorgfältig ein Blättchen darauf und fährt mit einem kleinen harten Handkissen darüber. Damit ist ein Blatt einer Zeitung fertiggedruckt, denn weder bei chinesischen noch bei japanischen Büchern wird die Rückseite bedruckt. Die Blätter werden mit dem Druck nach außen einmal gefaltet und an den offenen Seiten zusammengeheftet. Würde man ein chinesisches Buch aufschneiden, so ergäben sich nach je zwei bedruckten Seiten immer zwei leere.

Ein solches Buch ist nun auch jedes Exemplar der offiziellen Pekinger Zeitung, denn der Inhalt verteilt sich auf zehn bis zwanzig und noch mehr Blätter, je nach der Menge des Textes. Sind alle Blätter in der geschilderten Weise gedruckt worden, so werden sie gefaltet und zusammengeheftet dadurch, daß man sie etwa einen Centimeter vom Rückenrand durchlocht, Bindfäden aus gedrehtem Papier durchzieht und diese zusammenknüpft. Ueber die Bindfäden aus Papier darf man sich nicht wundern, denn das chinesische Papier ist aus viel zäheren Stoffen angefertigt als das unserige. In Korea fand ich sogar aus Papier gedrehte Seile und Schnüre allgemein im Gebrauch.

Jedes Exemplar der Pekinger Zeitung wird nun mit einem Umschlag von gelbem Papier versehen, denn gelb ist die Farbe des Kaisers; dann wird noch auf der hintersten Seite des Umschlags in roter Farbe der Name Tsing-pao, d. h. Hauptstadtzeitung aufgedruckt, und damit ist die Zeitung zur Ausgabe bereit. Eigene Kuriere der Postbehörde übernehmen die Pakete und laufen damit durch die Straßen Pekings, um sie den einzelnen Mandarinen, Gesandtschaften und sonstigen Abonnenten zu überbringen. Auf die Zeitung kann nämlich auch um den geringen Preis von beiläufig einer deutschen Reichsmark für den Monat abonniert werden.