Davon machen auch eigene halbamtliche Druckereien in jeder Provinzhauptstadt Gebrauch. Kaum ist der Kurier aus Peking mit den Regierungsdepeschen und den Zeitungsnummern im Yamen des Generalgouverneurs oder Vizekönigs eingetroffen, so kommt ein Zeitungsexemplar nach der Druckerei, um dort für die Abonnenten und Behörden der Provinz nochmals vervielfältigt zu werden.

Der ganze geschilderte Vorgang nimmt wie gesagt mehrere Tage in Anspruch. Nun liegt es aber im Interesse der Behörden und Gesandtschaften, so rasch als möglich in den Besitz der einzigen offiziellen Regierungsnachrichten zu kommen, und deshalb werden mit stillschweigendem Einverständnis der Postverwaltung in Peking noch zwei andere Ausgaben der Zeitung veranstaltet. Bei der einen, „T’schang peun”, d. h. lange Zeitung (weil das Format etwas länger ist), wird der Text der Dekrete auf Wachsplatten rasch eingeschnitten und von diesen der Druck veranstaltet; für die zweite „Sie’-peun”, d. h. geschriebene Zeitung, wird der Inhalt der Dokumente von Schreibern rasch in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren abgeschrieben. Sie besteht aus einem einfachen Blatt Papier ohne Umschlag. Diese Ausgabe kommt gewöhnlich einige Tage früher als die gedruckte zur Verteilung und kostet, ihrer Herstellungsweise entsprechend, erheblich mehr, d. h. etwa 24 Reichsmark monatlich.

Nehmen wir einmal eines der gelben offiziellen Zeitungshefte zur Hand. Natürlich müssen wir, wie bei arabischen und jüdischen Büchern, von rückwärts beginnen. Jede Seite wird durch violette Linien in sieben vertikale, etwas über einen Centimeter breite Rubriken geteilt, und in jeder Rubrik stehen vierzehn Zeichen, die aber nicht am oberen Rande, sondern etwa fünf Centimeter weiter unten beginnen. Auf jeder Seite bleibt dieser obere Raum als Ausdruck der Achtung für die kaiserlichen Dekrete und Nachrichten frei, gerade so wie wir es in unseren Briefen an Hochgestellte zu thun pflegen.

Die erste Rubrik der ersten Seite, nach unserer Lesart also die letzte, enthält das Datum: Tag, Monat und Regierungsjahr des Kaisers; die zweite die Inhaltsangabe (mu-lu). Dann folgen auf dem Rest der ersten und zuweilen auch der zweiten Seite Hof- und Palastnachrichten. Jeder Ausgang des Kaisers, jedes Gebet, jeder Besuch wird genau mit allen Einzelheiten des Zeremoniells, der Kleidung und des Gefolges verzeichnet. Die dritte Seite enthält den Garnisonsbefehl, d. h. den Stand und die Dienstleistungen der verschiedenen Tatarenbanner von Peking. Auf den folgenden Seiten befinden sich die Edikte des Kaisers, dann die Ernennungen und Verfügungen auf Grund von Meldungen der Zensoren und Provinzgouverneure, schließlich Meldungen aus den verschiedenen Provinzen und Vorkommnisse in Peking, kaiserliche, militärische oder polizeiliche Strafen und dergleichen. Eine eigentümliche Einrichtung der Pekinger Zeitung ist es, daß die Verfügungen des Kaisers gewöhnlich einige Tage früher veröffentlicht werden als die Berichte der Gouverneure, auf welche hin sie getroffen wurden, denn die chinesische Hofetikette schreibt vor, daß die kaiserlichen Worte stets allen andern vorgehen.

Im ganzen und großen ist also die Pekinger Zeitung etwa unseren offiziellen Regierungszeitungen ähnlich, allein man würde sich gewaltig irren, wollte man annehmen, ihr Inhalt wäre auch ähnlich langweilig. Im Gegenteil, die Lektüre derselben oder vielmehr die Uebersetzung ist für den Europäer, welcher Hof und Regierung, Leben und Sitten in China kennen lernen will, eine unerschöpfliche Quelle des Wissens, und ich gestehe offen, ich verdanke dieser Lektüre mehr Nachrichten, Fingerzeige, Aufschlüsse als allen dickbändigen Reisewerken über China. Ich bin zuerst in Siam auf diese offiziellen Veröffentlichungen aufmerksam gemacht worden, und während meiner folgenden Reisen in China, Korea und Japan war es stets meine erste Sorge, möglichst viele Nummern der Regierungszeitungen durchzustudieren. Sie sind die einzigen Bädeker jener Länder. Das ganze China, von Peking bis in die fernsten Grenzländer, vom kaiserlichen Hofleben bis herab zu dem Treiben der Wegelagerer und Seeräuber entrollte sich in diesen kleinen, mit Hieroglyphen gefüllten Blättchen vor meinen Augen: Militär und Marine, Gerichtspflege, Tempelopfer und Ahnenverehrung, Beamtenwesen, Agrikultur, Industrie, Aberglauben und Volksgebräuche, und fürwahr, es könnte kein besseres Buch über China geschrieben werden, als wenn man einen Jahrgang der Pekinger Zeitung übersetzen und durch Erklärungen ergänzen würde.

Das, was man in anderen Ländern gewöhnlich als offizielles Vertuschungssystem bezeichnet, kennen die Chinesen nicht. Ich war auf das höchste erstaunt, als ich in der Pekinger Zeitung alle Missethaten der höchsten Mandarine, Ministerialbeamten, Tatarengenerale ganz offen geschildert fand. Ja sogar Anklagen gegen die Kaiserin-Exregentin, gegen die Kaiserinnen und Prinzen von seiten der Zensoren finden in der Tsing-pao Aufnahme, dazu die Strafen, welche der Kaiser auf Grundlage von Berichten zu erteilen für gut fand. Wo wäre ein ähnliches Vorgehen in europäischen Staaten denkbar?

Die Erklärung dieses merkwürdigen sozialen Phänomens liegt darin, daß es in China keine innere Politik, keine politischen Parteien, keinen Sozialismus und Anarchismus giebt; daß man in China keine absolute, keine despotische Regierung, sondern im wahren Sinne des Wortes nur ein Patriarchat kennt. Die Chinesen werden wie eine Familie betrachtet, deren Patriarch der Kaiser ist, und vor diesem giebt es kein hoch und niedrig, alle werden nach demselben Recht und Gesetz behandelt.

In den dem europäischen Handel geöffneten Vertragshäfen entstanden in den letzten Jahren auch einige chinesische Tageszeitungen, aber sie wurden ursprünglich nicht durch Chinesen, sondern durch Engländer gegründet. In diesen Vertragshäfen spielt das Zeitungswesen eine bedeutende Rolle. Obschon beispielsweise Shanghai nur etwa 6000 europäische Einwohner zählt, hat es fünf Tageszeitungen, davon vier in englischer und eine in französischer Sprache erscheinend, ferner mehrere Wochenblätter, darunter ein deutsches: Der ostasiatische Lloyd, das einzige deutsche Blatt in ganz Asien. Hongkong mit seinen 10000 Europäern besitzt drei englische Tages- und zwei Wochenblätter, Tientsin, Amoy und Futschau je eine Tageszeitung, obschon die europäischen Kolonien dieser Städte kaum einige hundert Einwohner zählen. In der portugiesischen Kolonie Macao giebt es noch einige portugiesische Blätter. Als nun die Herausgeber einiger dieser europäischer Zeitungen das rege Interesse sahen, welches ihre Veröffentlichungen auch unter den englisch sprechenden Chinesen fanden, versuchten sie die Herausgabe chinesischer Tagesblätter, welche gleichzeitig mit den englischen erschienen, und der Erfolg war derartig, daß in den letzten Jahren eine ganze Reihe chinesischer Blätter entstanden. So erscheint in der Redaktion der China Mail in Hongkong die chinesische Wa T’ziat Pao, in jener der Daily Preß die chinesische Tschung Ngoi San Pao. Die größte chinesische Tageszeitung aber wird von der Redaktion der North China Daily News in Shanghai hergestellt und heißt Tschen-Pao (Shanghai-Neuigkeiten); ja die unternehmenden Herausgeber dieser Blätter veröffentlichen seit einiger Zeit sogar ein illustriertes Wochenblatt in chinesischer Sprache, Hu-Pao (litterarische Neuigkeiten), und machen damit vortreffliche Geschäfte. In Tientsin kommt gleichzeitig mit der dortigen Times der Tsche-Pao (etwa die chinesischen Worte für Times) heraus, und in der größten Stadt Chinas, in Canton, gab vor zwölf Jahren der damalige Vizekönig Tschang-Tschi-Tong selbst die Veranlassung zur Gründung einer chinesischen Tageszeitung, zu deren Redakteur er einen seiner Sekretäre ernannte. Diese Zeitung, Kwang-Pao (Neuigkeiten der Provinz Kwangtung), wurde von dem Nachfolger des Vizekönigs eine Zeitlang unterdrückt, erscheint aber jetzt wieder unter dem Namen Tschung si dsche Pao (Tagesneuigkeiten aus China und dem Westen). Ist es nicht bezeichnend für die Zustände in dem Jahrtausende alten Reiche der Mitte, daß der Vizekönig einer der größten Provinzen desselben zum Zeitungsgründer wird? Friedlich und freundschaftlich verträgt sich dieses vizekönigliche Blatt mit seinem einzigen Cantoner Rivalen, dem Ling nam dsche Pao, zu deutsch Tägliche Nachrichten von Ling nam. Canton hieß nämlich in früheren Zeiten Ling nam. Auch in dem durch den Frieden von Shimonoseki eröffneten Hafen Sutschau wurde 1897 eine neue, dreimal monatlich erscheinende Zeitung gegründet, welche den Namen Schiwu Pao, d. h. etwa „die Zeiten”, führt. Ihre Druckerei beschäftigt sich auch mit der Uebersetzung und Herausgabe von nützlichen europäischen Büchern.

Damit sind wohl alle Zeitungen des Vierhundertmillionen-Reiches erschöpft, ein halbes Dutzend von je drei- bis sechstausend Auflage, das Shanghaier Tschen-Pao ausgenommen, das täglich in einer Auflage von zwölftausend Exemplaren gedruckt wird. Aber neben diesen Blättern wirkt schon seit Jahren noch ein anderes, halbwöchentliches Blatt, das an Auflage alle zusammen übertreffen dürfte und bis in die entferntesten Provinzen des Reiches, ja nach Tibet und der Mongolei geht, überall gelesen, überall beachtet wird und ganz im stillen den größten Einfluß unter allen periodischen Veröffentlichungen Chinas ausüben dürfte, ein Blatt, besser gedruckt und von vornehmerem Aussehen als alle anderen, die Pekinger Zeitung nicht ausgenommen. Es führt den Titel Y-wen-lu und wird von den Priestern der katholischen Mission in Zikawei bei Shanghai herausgegeben. In meisterhafter Weise verstehen es die chinesischen Redakteure, katholische Priester, das Volk zu belehren, Auszüge aus der Pekinger Zeitung wie aus den europäischen Blättern zu bringen, dazu gediegene Artikel über Europa und seine Errungenschaften, aber gleichzeitig wird auch für die katholische Religion Propaganda gemacht, und es ist nicht zum geringsten diesem Blatte zuzuschreiben, wenn die katholische Kirche heute in China weit über eine Million Anhänger besitzt.

Die chinesischen Tagesblätter sind in Aussehen und Einteilung nicht etwa das, was wir in Europa als chinesisch zu bezeichnen pflegen, exotisch, eigentümlich, verzwickt, verschnörkelt, denn sie sind ja nicht der chinesischen Kultur entsprungen, sondern der europäischen und wurden nur der chinesischen angepaßt. Der Mehrzahl nach besitzen sie etwa das Format der deutschen Gartenlaube und haben vier Blätter, bei denen auch die Innenseiten bedruckt sind, gerade so wie bei unseren Zeitungen. Auch die Einteilung ist ganz dieselbe, nur umgedreht; dort, wo bei uns die Anzeigen stehen, also auf der letzten Seite, befinden sich Titel und Leitartikel, und das was bei uns die erste Seite ist, ist bei den chinesischen Blättern die letzte, ganz gefüllt mit Reklamen. Da sage man noch, die chinesische Kultur sei seit Jahrtausenden stehengeblieben! Reklamen von Geheimmittelchen, Pillen und Pülverchen, von Schneidern und Schustern, von Theatern und Vergnügungen, Verlustanzeigen, Land-, Häuserverkäufe und dergleichen. Manche dieser Anzeigen sind sogar schon mit kleinen Bilderchen illustriert, um die Aufmerksamkeit besser anzuziehen. Und all diese Dinge findet man nicht nur auf einer Seite. Nein, bei den meisten Blättern sind vier ganze Seiten, also die Hälfte der Ausgabe, mit Anzeigen gefüllt, deren Lektüre einen tiefen Einblick in das wirkliche Volksleben und den Volkscharakter der Chinesen gewährt. Zeigt die Pekinger Zeitung den Hof, das offizielle China und jene Ereignisse, welche zur Kenntnis und Behandlung von seiten der Regierung kommen, so führen die Reklameseiten der lokalen Blätter den Fremden in den chinesischen Kleinverkehr, in die Details des städtischen Lebens ein und zeigen, daß dieses Volk in den Fremdenstädten im großen und ganzen gerade so lebt wie wir Europäer, nur ins Chinesische übertragen.