Besehen wir uns die letzten, d. h. also die ersten Seiten der chinesischen Zeitungen. Der Kopf ist ganz wie bei unseren Blättern; der Titel recht groß, daneben in kleineren Zeichen die Stellen, wo man in der Hauptstadt wie in den Provinzen abonnieren kann, darunter das chinesische Datum. Der Preis einer Nummer ist durchschnittlich etwa fünf bis sechs Sapeken, beiläufig anderthalb Pfennig. Dann folgen vortrefflich geschriebene Leitartikel über in- und ausländische Dinge, und die chinesischen Redakteure nehmen gar keinen Anstand, der Regierung allerhand gutgemeinte Ratschläge zu geben. Die zweite Seite enthält Auszüge aus der Pekinger Zeitung, Ernennungen, kaiserliche Edikte, welche sich die Zeitungen von ihren hauptstädtischen Korrespondenten, die es auch in China schon giebt, telegraphieren lassen. Daran schließen sich Uebersetzungen der Reuterschen Depeschen über die wichtigsten Ereignisse der westlichen Welt, denn Reuter hat auch in Ostasien seine Abonnenten. Den interessantesten Teil der chinesischen Zeitungen bilden indessen die letzten Textseiten: Lokalnachrichten, Feuilleton, kleine Korrespondenzen aus der Provinz, Personalsachen, Gerichtspflege. Wie man sieht, haben sich die chinesischen Ritter der Feder oder vielmehr des Pinsels, denn man schreibt in China mit einem Pinsel, die europäischen Zeitungsredaktionen ganz zum Vorbilde genommen. Nun kommen in den englischen Blättern, aus welchen sie einen großen Teil ihrer Weisheit schöpfen, eine ganze Menge von Begriffen und Dingen vor, für welche es begreiflicherweise keine chinesischen Wörter giebt, wie z. B. Telephon, Telegraph. Statt lange Umschreibungen zu gebrauchen, nehmen sie ähnlich klingende chinesische Wörter zu Hilfe, die an und für sich ganz andere Dinge bedeuten, was anfänglich dem chinesischen Leser recht chinesisch vorkommen mag. In ihrer Art sind sie wie unsere Bilderrätsel. So z. B. wird das Wort Ultimatum von den chinesischen Redakteuren durch die Zeichen U-li-ma-tung gebildet, Telephon aus den drei Zeichen to-li-fung, und status quo aus ße-ta-tu-ko. Ebenso schwierig ist es für sie, in den Anzeigen europäischer Kaufleute deren Namen zu schreiben. Deshalb besitzt jedes europäische Haus einen eigenen chinesischen Namen, so z. B. heißt Ehlers E-li-si, Golding Go-ting, Morrison Ma-li-sun, Wolf Wa-fu, Wilkinson Way-king-sun. Nur Meier oder Mayer giebt es wie allüberall auf unserm Erdball, auch sogar in China, Meyer bleibt Meyer, wohin er kommt, nur wird der Name im Chinesischen Mei-ier geschrieben.

Trotz all dieser Anpassungen der chinesischen Redakteure an ihre englischen Vorbilder in Ostasien zeigt sich in ihren Berichten doch ein naiver Geist, Aberglauben und Leichtgläubigkeit, die dem Leser unwillkürlich ein Lächeln entlocken. Beim Lesen der einfältigen Lokalberichte und Korrespondenzen aus der Provinz fiel mir die merkwürdige Uebereinstimmung mit ähnlichen Berichten auf, wie sie bei uns noch im letzten Jahrhundert häufig zu lesen waren und allgemein Glauben fanden. Die Geschichte wiederholt sich eben, und man kann die einzelnen Phasen unserer eigenen Kulturentwickelung heute noch in fernen Ländern bei anderen Völkern wiederfinden, unser Altertum, unser Mittelalter, unsere neuere Zeit. Das habe ich auf meinen Reisen in allen Weltteilen in tausenderlei Einzelheiten gesehen, das fand ich, wie gesagt, auch in der chinesischen Presse. Ich erwähne hier nur einige den Cantoner Blättern entnommene Nachrichten, z. B. vom 8. Mai 1894:

„Eine Jungfrau hatte in einem Rocke unvorsichtigerweise eine Nadel stecken lassen, die ihr beim Ankleiden in die Haut drang. Ratlos standen die herbeigerufenen chinesischen Aerzte, ohne Mittel, zu helfen und den Schmerz zu lindern. Da rief ihr Bruder einen Freund herbei, der sich auf dergleichen verstand. Er legte dem Mädchen ein mit geheimen Zeichen beschriebenes Papier auf die Brust, und am folgenden Tage kam die Nadel richtig zum Vorschein, so daß sie entfernt werden konnte.”

9. Mai: „In Schuntak kamen bei einem starken Regenguß zwei Fischlein vom Himmel nieder. Sie sahen so lieblich aus, daß die Bevölkerung sie nicht zu speisen wagte. Sie wurden deshalb sorgfältig in den Fluß gesetzt, wo sie lustig davonschwammen.”

10. Mai: „In der Pu-Tschi-Tschiaostraße mietete jemand ein Haus und machte bekannt, daß er von den Heiligen zum Erlöser der leidenden Menschheit bestimmt sei. Er fand starken Zuspruch, besonders von Frauen. Da thaten sich die Nachbarn zusammen und jagten ihn davon.”

11. Mai: „In einem Gebäude des Panyü-Ritters wuchs vor einigen Tagen ein Bambus hervor, der in einem Vormittag die Höhe von sieben Fuß erreichte, das Dach durchbrach und in drei Tagen siebzig Fuß hoch war. Es giebt Leute, die das wunder finden, obschon eigentlich nichts natürlicher ist. Der Boden ist dort schwefelhaltig, und Schwefel ist bekannt wegen seiner Expansivkraft.”

Derartige Mitteilungen fand ich in jeder Zeitungsnummer, zuweilen auf derselben Seite mit Reuterdepeschen. Das alte und das moderne China begegnen sich in diesen Blättern, aber es wird gar nicht mehr so lange dauern, bis die Bewohner der Hauptstädte derlei naive Nachrichten gar nicht mehr lesen werden. Dafür werden sie größere Aufmerksamkeit den Bank- und Verkehrsnachrichten, den Wechsel- und Aktienkursen zuwenden, die von Jahr zu Jahr in den wenigen bestehenden Blättern immer mehr Platz einnehmen. Der Keim für den neuen Kurs ist auch in China gelegt, und in zwei Jahrzehnten dürfte jede größere Stadt des Reiches der Mitte ihre Zeitung besitzen.

Tabakspfeife der Schantungleute (⅓ der natürlichen Größe).