Geld- und Bankwesen.
So sehr der Außenhandel Chinas in den letzten Jahrzehnten auch gestiegen ist, so bildet er noch heute nur einen kleinen Prozentsatz des Binnenhandels dieses ungeheuren, an Größe den ganzen europäischen Kontinent weit übertreffenden Reiches. China ist so überaus reich an Naturprodukten aller Art, daß es bis auf die jüngste Zeit ausländische Produkte kaum gebraucht hat; die Produkte des Südens gehen nach dem Norden, jene des Nordens nach dem Süden. Im ganzen Reiche findet der regste Austausch der eigenen Erzeugnisse statt. Die Flüsse, Kanäle, Straßen, Pfade sind jahraus jahrein mit Frachtladungen bevölkert, und wohl kein einziges Reich der Erde dürfte einen so großen Binnenhandel besitzen wie China.
Vier-Tiau-Banknote in Shanghai
(halbe Größe).
Dabei hat China noch immer keine von jenen Erleichterungen des Verkehrs, die wir heute bei uns als unerläßlich für den letzteren ansehen: wenige Eisenbahnen, nur teilweise geregeltes Postwesen und kein Münzwesen. Während in allen zivilisierten Staaten der Erde Banknoten, Gold- oder Silbermünzen den Handel vermitteln, giebt es in dem chinesischen Reiche keine solchen; nicht Gold und Silber, sondern Kupfer ist der Standard, und was die Banknoten betrifft, die von den Chinesen erfunden wurden und deren Einführung in den Handelsverkehr schon der alte Marco Polo auf seinen Reisen in China vor sechshundert Jahren gepriesen hat, so sind sogar diese in dem Reiche der Mitte außer Kurs gekommen und nur noch in größeren Städten in lokalem Gebrauch. Statt Pfund Sterling, Dollars, Napoleons, Mark und Gulden giebt es in China nur kleine durchlochte Kupferscheiben als gesetzliche Münze; sie sind es, die dem Tausende von Millionen Mark erreichenden Geschäftsverkehr als Grundlage dienen.
Auf welche Weise geschieht dies nun? Wie können die Kaufleute in Canton und Formosa mit jenen in der Mandschurei oder in Tibet auf Tausende von Kilometern Entfernung den Geschäftsverkehr unterhalten? Wie können sie selbst in den einzelnen Provinzen oder Städten ihre Waren bezahlen, wollen sie es nicht mit ganzen Maultierladungen von Kupfer thun?
Und doch sind diese Kupfermünzen, wie gesagt, die einzigen Münzen des Reiches und waren es schon vor Jahrtausenden. In Mittel-Schantung fand ich Münzen, die zweitausend Jahre alt waren, und im chinesischen Museum zu Hongkong habe ich Kupfermünzen gesehen, die viereinhalb Jahrtausende alt waren. Münzen, nicht von runder Form, sondern viereckige Scheiben mit einem Loch am obern und zwei fingerartigen Ansätzen am untern Rande; die aufgeprägten Schriftzeichen besagten, daß sie im Jahre 2800 vor Christi Geburt unter der Dynastie Wuti zirkulierten; andere Münzen von ähnlicher Form stammen aus der Zeit der Hia-Dynastie, also zweitausend Jahre vor Christi Geburt. Ich selbst besitze chinesische Münzen in der Form und Größe unserer Rasiermesserklingen, die über zweitausend Jahre alt sind, andere runde von etwa sechs Centimeter Durchmesser stammen aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung und besitzen schon die viereckige Durchlochung in der Mitte, welche alle chinesischen Kupfermünzen ohne Ausnahme noch heute zeigen. Ohne Loch keine Münze. Wie ist es nun möglich, daß diese Münzen bei so ungeheuren Summen, um die es sich zuweilen handelt, als Zahlungsmittel dienen?
Nun war freilich in der letzten Zeit in europäischen Blättern viel von den chinesischen Taels zu lesen, in denen Zahlungen geleistet werden und welche nach ihrem Kurse beiläufig drei Reichsmark entsprechen; auch der Briefmarkensammler findet auf den von der chinesischen Zollbehörde herausgegebenen Briefmarken als Wertangabe einen, zwei oder drei Candarins, und fragt er, was der Candarin für einen Wert besitzt, so wird ihm zur Antwort, daß zehn Sapeken oder, wie sie im Chinesischen heißen, Li, einen Candarin ausmachen; allein Taels, Candarins und Li sind nur fiktive Werte, als Münzen bestehen sie nicht, ebensowenig wie heute die englischen Guineen. Der Tael ist einfach eine chinesische Unze reines Silber, und soll eine bestimmte Summe in Silber bezahlt werden, so wird die beiläufige Menge von einem Silberbarren abgeschlagen, das Zuviel abgeschnitten oder das Fehlende durch kleine Stückchen ergänzt. Auch wird das Silber in sogenannte Shoes von der Form einer Badewanne im Gewichte von 5, 10, 20 oder mehr Taels gegossen. Die wirkliche Münze des Kleinverkehrs in ganz China ist der Cash, und etwa 1350 bis 1450 dieser Cash bilden einen Tael. Es befinden sich nämlich unter den Cash so viele falsche oder schlecht geprägte, abgegriffene Münzen, daß nicht einmal die gesetzliche Zahl von 1350 eingehalten wird, sondern je nach der Güte der Münzen 1350 bis 1450 Cash dazu gehören, um einen Tael zu machen. Wie die Kupfermünzen, so haben auch die Taels selbst nicht im ganzen Lande den gleichen Wert. Am wertvollsten ist wohl der Haikwan-Tael, in welchem die Zollabgaben geleistet werden. Daneben hat jede Provinz ihren eigenen Tael, und will ein Kaufmann in Shanghai etwa 100 Taels nach Hankau oder Tientsin oder Nütschwang remittieren, so gelten diese 100 Taels in Hankau vielleicht 101, in Tientsin 98, in Nütschwang 103 Taels, bei beständig wechselndem Kurs.