Meine erste Erfahrung mit chinesischem Geld in China selbst machte ich in Canton. Ich hatte mir von Hongkong einige hundert Silberdollars mitgenommen, da man mir sagte, Banknoten würden in Canton von den Chinesen nicht angenommen. Bei meinen ersten Einkäufen in Cantoner Juwelierläden bemerkte ich auf jedem Tische eine kleine Wage. Sobald ich meine Silberdollars auf den Tisch gelegt hatte, nahm der Händler die Münzen in eine Hand und legte der Reihe nach jede einzelne auf den aufrecht gehaltenen Zeigefinger der anderen Hand; dann schlug er mit einer zweiten Münze leicht an die erste an, und befriedigte ihn der Silberklang, so ließ er die erste Münze in den Schoß gleiten, legte die zweite auf den Finger und schlug mit der dritten auf die zweite. So ging dies fort, bis alle Münzen geprüft waren. Zwei hatte er ausgeschieden, für die ich ihm andere geben mußte. Damit war aber die Prüfung noch nicht beendigt. Die ganze Menge wurde auf die Wage gelegt, gewogen, und da sich eine Differenz von etwa einem halben Dollar herausstellte, mußte ich ihm auch noch diesen bezahlen. In den anderen Kaufläden ging es mir ebenso, und bei meiner Abfahrt von Canton hatte ich eine ganze Menge zurückgewiesener, schlechter Dollars in der Tasche.
In den großen Bankhäusern von Hongkong und Shanghai bewunderte ich die unglaubliche Fertigkeit, mit welcher die Schroffs (chinesische Unterbeamten) die einzelnen Dollars nach ihrer Güte prüfen. Die Banken Ostasiens, darunter mehrere deutsche, haben nämlich wohl Europäer als Leiter, Kassierer, Korrespondenten und Buchführer, welche die eigentlichen Bankgeschäfte führen, allein Banknoten und klingende Münze sind ausschließlich unter der Obhut der Chinesen. Die langbezopften, bartlosen, mitunter recht ausgemästeten Gestalten, mit ungeheuren kreisrunden Brillen auf der Nase, haben in den Bankhäusern eigene Lokale, wo auf Zähltischen Massen von Banknoten und Geldrollen liegen, wo schwere Kisten, mit Silberdollars gefüllt, bis zu Manneshöhe aufgetürmt stehen und Haufen von Silberbarren auf den Fußböden liegen, oft Hunderttausende von Dollars im Wert. Wird Silbergeld eingezahlt, so übernehmen die Schroffs die Rollen und prüfen jeden einzelnen Dollar, indem sie ihn äußerst geschickt mit den Fingern der einen Hand emporschnellen und mit der anderen auffangen, und jede, deren Klang den Schroff nicht befriedigt, wird zurückgewiesen. Dann werden diese minderwertigen Dollars eigens berechnet, die anderen, um ihr Gewicht zu prüfen, gewogen, und der Eigentümer erhält eine Anweisung an die europäischen Bankbeamten für die entsprechende Summe, die ihm von diesen in einem Check oder, wenn er Banknoten will, von Chinesen in solchen ausbezahlt wird.
Der oberste Beamte der chinesischen Angestellten, selbst ein Chinese, heißt Komprador. Derartige Kompradores besitzt gewiß jede europäische Firma in China, von Hongkong hinauf bis nach Nintschuang, Hankau oder Tschunking, im Innern des Landes, nahe der tibetanischen Grenze. Ohne Komprador wäre der Verkehr mit den Chinesen überhaupt nicht möglich. Alle Kompradores sprechen das eigentümliche, in ganz Ostasien gebräuchliche Pidschen-Englisch, und in dieser, selbst dem englisch sprechenden Fremden ziemlich unverständlichen Sprache verkehrt der ostasiatische Kaufmann mit dem Komprador, der seinerseits den ganzen Bargeldverkehr seines Kaufmanns leitet, das Bargeld in seinen Händen hat und seine Bücher in chinesischer Sprache führt. Die Kompradores erlegen bei ihrem Eintritt in das Geschäft eine Bürgschaft, aber auch ohne diese würden sie das Vertrauen ihrer Firma selten mißbrauchen, ja ihre Ehrlichkeit ist im gewissen Sinne sprichwörtlich. Nicht nur der europäische Kaufmann in China, auch der Privatmann hält sich einen Komprador, der alle Geldgeschäfte seines Herrn unter sich hat. Der Europäer führt gewöhnlich überhaupt kein Geld bei sich, höchstens einige kupferne Cash, um sie gelegentlich einem Bettler zu geben. Bei Einkäufen irgendwelcher Art, auf den Märkten, in Kaufläden, Gasthöfen und Klubs werden alle Rechnungen mit „Chits” bezahlt.
Der Chit (sprich Tschitt) ist ein leeres Blatt Papier von etwa zehn Centimeter ins Geviert, mit der Firma des Eigentümers als Kopf. Gewöhnlich sind deren fünfzig oder hundert zu einem Block zusammengeklebt. Kauft der europäische Kaufmann einen Anzug oder ein Buch oder irgend einen Gegenstand, so wird der Verkäufer den Betrag auf ein Blatt des „Chitbook” schreiben, und der Käufer unterzeichnet es. Will der Europäer in irgend einem Gasthofe oder Klub ein Glas Wein oder eine Flasche Sekt trinken, so wird ihm der Kellner (stets ein Chinese) das Chitbook vorlegen. Der Konsument schreibt den Betrag mit Bleistift darauf, setzt seinen Namen darunter und entfernt sich. Selbst mir, dem Fremden, der in jeder Stadt höchstens ein paar Wochen weilte, wurde nicht Barzahlung abgefordert, sondern einfach das Chitbook vorgelegt. Diese Papierblättchen werden von den Handelsleuten in bestimmten Zeiträumen den Firmen nach gesondert und dann von dem eigenen Komprador den Kompradores der betreffenden Firmen zur Zahlung unterbreitet. Meine eigenen Chits wurden den Kompradores des Hotels, wo ich eben wohnte, gesandt, und diese bezahlten die Beträge ohne weitere Frage. Zahlte ich in größeren Kaufläden mit einer Banknote, auf die ich einen Betrag herauszubekommen hatte, so erhielt ich von dem Verkäufer einen Chit für den Komprador des Geschäftes, der irgendwo in der Ecke hinter seinem Zahltische saß, und dieser zahlte mir den Betrag gegen Abgabe des Chits. Will eine Hausfrau bare Münze haben, so wendet sie sich nicht an ihren Gatten, sondern giebt ihrem Komprador einen Chit, und dieser zahlt ihr den darauf verzeichneten Betrag in bar. Niemand in diesen Großstädten Chinas hat Bargeld in der Tasche, nur der Komprador hat es stets. Er ist die lebendige Geldlade. Er kassiert Beiträge ein, zahlt sie aus, führt Ueberschüsse an die Bank ab und legt zeitweise die Bücher seinem Brotherrn zur Prüfung vor. Das ist alles, was dieser mit Geld überhaupt zu thun hat.
Unter den Chinesen dagegen ist im Lokalverkehr, ausgenommen bei größeren Beträgen, nur Barzahlung gebräuchlich, und deshalb hat auch jeder Kaufmann seine Goldwage und seinen Probierstein für Silber neben sich auf dem Kauftisch stehen, um die Münzen nach ihrer Güte zu prüfen. Goldmünzen hat es in China niemals gegeben und giebt es auch heute nicht. Gold ist in China überhaupt selten zu sehen. Empfängt der chinesische Kaufmann einen Silberdollar in Zahlung, und findet er ihn gut, so prägt er sofort seinen Stempel darauf, den sogenannten „Chop”, und hat er keinen, so drückt er den Farbenstempel auf oder malt seine Unterschrift in roter Farbe auf den Dollar. Als ich das erste Mal in Hongkong Banknoten in Silberdollars umwechselte, erhielt ich in Papier gewickelte Münzenrollen, die ihrer Länge nach zu schließen, den doppelten Betrag enthalten mußten. Ich fürchtete, der betreffende Schroff hätte sich zu seinem Nachteil geirrt, und öffnete die Rolle, um nachzuzählen. Als ich die Dollarmünzen vor mir sah, war auch die verdächtige Länge der Rollen erklärt. Von den hundert Dollars, welche sich in jeder Rolle befanden, waren nicht zehn unversehrt. Alle anderen zeigten mehrere tiefe Eindrücke von chinesischen Firmennamen, jeder etwa zweimal so groß als die Stempelzeichen auf unseren Silber- oder Goldwaren. Bei einzelnen war von der Prägung gar nichts mehr zu sehen, und durch diese Dutzende, ja vielleicht Hunderte von Stempeln waren aus den flachen Münzen silberne Hohlgefäße geworden im Verhältnis so tief wie unsere flachen Theeschalen. Nur die Randprägung war noch erkenntlich und besagte, daß diese Silberschalen einst Münzen waren. Diese Hohlprägungen also waren die Ursache, daß die Geldrollen eine so ungewöhnliche Länge zeigten.
Aber nicht genug damit. In manchen Kaufläden und Wechselstuben Cantons fand ich auf den Tischen kleine Körbe, gefüllt mit kleinen Silberstückchen und Silberringen, und als ich sie näher besah, entpuppten sich die Ringe als die Ränder von Silberdollars, welche so viele Stempel empfangen hatten, daß endlich Stück für Stück aus der Mitte herausgefallen und nur der äußere Rand der Münze übrig geblieben war. Die einzelnen Silberstückchen im Korbe aber waren derartige Teile der Dollars. Auch sie sind noch gangbare Münzen. Sie werden einfach abgewogen, und ihr Wert wird nach dem Gewicht berechnet.
Wie die Wage und der Probierstein, so ist dem chinesischen Kaufmann noch ein dritter Gegenstand für den geschäftlichen Verkehr absolut unentbehrlich, nämlich das Rechenbrett. Ohne Rechenbrett ist der Chinese einfach hilflos und nicht im stande, die kleinsten Rechenexempel auszuführen. Bei jeder gewöhnlichen Addierung, sagen wir, um 5, 7 und 11 zusammenzuzählen, nimmt er das Rechenbrett zu Hilfe und fingert darauf herum, wie auf den Saiten einer Zither. Das Rechenbrett, im Chinesischen Swampan genannt, besteht aus einem Rahmen von der Größe eines Papierbogens, zwischen den eine Anzahl paralleler Stäbchen eingesetzt sind. Diese sind durch ein Querstäbchen in zwei Teile geteilt. Auf der einen Hälfte jedes Stäbchens stecken je fünf kleine Holzkugeln, auf der anderen je zwei. Jede der fünf Kugeln zählt eins, jede der zwei Kugeln fünf. Will der Chinese zählen, so schiebt er zunächst alle Kugeln an die Rahmenwände zurück. Um dann beispielsweise sechs und acht zusammenzuzählen schiebt er eine einzelne der fünf Kugeln und eine der zwei Kugeln desselben Stäbchens gegen den mittleren Teilstab zusammen und hat so sechs; dann schiebt er, um acht dazu zu bekommen, drei weitere Einserkugeln desselben Stäbchens und die zweite Fünferkugel zusammen; zwei Fünfer bilden aber eine Zehn; diese werden durch die auf dem nächsten Stäbchen zur Linken sitzenden Kugeln dargestellt; er schiebt also wieder beide Fünferkugeln an die Wand zurück, dafür eine Zehnerkugel vor und hat so zehn und vier, also vierzehn. Die Kugeln des zweitnächsten Stäbchens stellen die Hunderte, jene des drittnächsten die Tausende dar. Ich habe nicht nur in China und Japan, sondern in allen ausländischen Kolonien der Chinesen, in Siam, Singapore, Japan, Korea, Nord- und Südamerika in jedem einzelnen chinesischen Kaufladen ausnahmslos derlei Rechenbretter gefunden, und die Chinesen hängen mit einem gewissen Aberglauben an ihnen. Werden beispielsweise in Canton morgens die Kaufläden geöffnet, so ist es das erste Werk der Händler, ihren Swampan zur Hand zu nehmen und allmählich immer heftiger zu schütteln, daß die Kugeln lärmend aneinander klappern. Das bringt ihrer Meinung nach gute Geschäfte mit sich.
Im Straßenverkehr der chinesischen Städte spielen die Cashwechsler eine große Rolle. In den Geschäftsstraßen kauern sie zuweilen dutzendweise längs der Häuser, vor sich ein Tischchen mit Haufen von Kupfermünzen, neben sich einen Korb mit einigen zwanzig oder dreißig Strängen von Cash, ihr ganzes Arbeitskapital. Es war mir immer ein Wunder, wie diese langbezopften Leutchen ihr Leben fristen konnten, denn ihr ganzes Barkapital würde einem Europäer mit bescheidenen Bedürfnissen nicht länger als eine Woche genügen. Und diese Wechsler leben damit nicht nur Jahr aus Jahr ein, sie verdienen sich auch noch ganz hübsche Sümmchen. Hat einer der vielen ambulanten Frucht- oder Gemüsehändler, Barbiere, Restaurateure einen Sack voll kupferner Cash verdient, so tauscht er sich diese losen Münzen gegen die entsprechende Anzahl Cashstränge, sogenannte Tiao, ein. Er leert seinen Geldschrank vor dem Wechsler, und dieser untersucht und zählt die Mengen großer und kleiner, alter und neuer, guter und schlechter Kupfermünzen, wie sie eben in dem täglichen Verkehr in ganz China durch so und so viele Hände wandern. Nach längerem Feilschen werden Händler und Wechsler einig, und der letztere giebt dem ersteren für den vollen Münzenhaufen schön zusammengebundene Geldwürste, aus einiger Entfernung betrachtet, einem Pärchen Frankfurter nicht unähnlich.
Jede Wurst, von je 30 Centimeter Länge, enthält etwa 250 durchlochte Bronzemünzen; das Gewicht des Wurstpaares beträgt durchschnittlich 2 Kilo, und der Wert beläuft sich auf etwa 1 Mark 20 Pfennig. Da es im Innern Chinas häufig schwer fällt, Silberbarren gegen derartige Bronzemünzen umzutauschen, so mußte ich auf meinen Reisen, um nicht in Zahlungsverlegenheiten zu kommen, gewöhnlich 30 bis 40 Tiao, also 60 bis 80 Kilo Münzen mit mir führen, und meine Geldbörse war ein zweispänniger Reisekarren.
Während die Zölle und Steuern in Taels bezahlt werden, entsprechen die Cashstränge aber nicht den Taels, sondern t’scha-pu-to (beiläufig) eher dem Dollar. In China ist alles t’scha-pu-to, sogar das Geld. Um einen Strang zu machen, sucht der Wechsler aus seinen Münzhaufen zuerst zehn Säulen von je 100 Cash zusammen, wobei er aber auch eine gewisse Anzahl schlechter, durch Falschmünzer zur Verbreitung gelangter Cash einschmuggelt. In jedem Strange werden sich immerhin 30 bis 50 derartig minderwertige Cash befinden, und darin liegt das Geheimnis des Verdienstes der Wechsler. Dann dreht er ein Hanfseil fest zusammen, macht einen Knoten in der Mitte und fädelt nun 100 Cash auf den Strang; hierauf wird ein kleiner Knoten gemacht, abermals eine Säule von 100 Cash aufgefädelt, bis der Strang zehn derartige Abteilungen von je 100 Cash enthält. Er wird nun fest zu einem Kranz zusammengebunden und repräsentiert t’scha-pu-to einen Dollar spanischer, japanischer, mexikanischer oder Hongkonger Münze. Aber die letzte Abteilung enthält nicht 100, sondern 74 Cash. 20 werden abgezogen, weil es so Sitte ist, und die übrigen 6 Cash sind für den Hanfstrick. Der Wechsler hat also von jedem Dollar 26 Cash offiziell, außerdem etwa 30 bis 50 andere, da er schlechte Cash eingeschmuggelt hat, und überdies läßt er sich für diesen Strang von dem Kunden nicht 1000, sondern vielleicht 1050 bis 1070 Cash zahlen unter dem Vorwande, daß sich unter dessen Münzen eine große Anzahl schlechter Cash befänden. Er mag also bei jedem Strang bis zu 100 Cash verdienen, d. h. bei jedem Dollar ein Zehntel. Verkauft er im Tage 10 bis 20 Dollar, so hat er sich ein für einen Chinesen recht annehmbares Sümmchen verdient. Deshalb also die vielen Wechsler in den Straßen.