Jede der genannten Banken besitzt einen Beamtenstand von sechs bis zwölf, ja bis zu zwanzig Leuten, welche feste Summen monatlich beziehen und außerdem noch an dem Gewinn der Bank beteiligt sind. Eine Ausnahme machen die Schansibanken. Wird ein Beamter in irgend einem Zweighause im Innern des Landes angestellt, so geschieht dies gewöhnlich auf die Dauer von drei Jahren, während welcher Zeit die Familie des Betreffenden als Pfand unter der Aufsicht des Haupthauses bleibt und von diesem allen Lebensbedarf erhält, der genau verrechnet wird. Auch der Beamte erhält während der drei Jahre keinen Gehalt, er entnimmt den Bankgeldern alles, was er für Nahrung, Wohnung, Kleidung, für Repräsentationskosten, Bankette und dergleichen bedarf, und bucht jeden Betrag unter den Bankausgaben. Unterbeamte erhalten ihren Bedarf an Kleidung, Nahrung und dergleichen von dem Bankchef. Während der ganzen Dienstzeit dürfen sie mit ihren Familien nur durch das Hauptbankhaus verkehren, d. h. ihre Briefe an die Familie werden zuerst von den Chefs gelesen, bevor sie in die Hände der Familie gelangen. Nach Ablauf der drei Jahre werden sie von anderen Beamten abgelöst und kehren mit ihren Büchern nach dem Hauptsitz der Bank zurück. Dort werden die letzteren geprüft, und hat sich neben ehrlicher Verwaltung der Gelder auch noch ein ansehnlicher Gewinn gezeigt, so erhalten die Beamten eine bedeutende Summe als Belohnung und dürfen zu ihren Familien zurückkehren. Werden Unterschleife entdeckt, so müssen sich die Betreffenden vor dem Gericht verantworten und werden gegebenenfalls eingesperrt.
Diese großen Banken haben es hauptsächlich mit der Regierung, mit reichen Kaufleuten, Zöllen, Salz- und Opiumsteuern, Likin (Wegezöllen) und anderem zu thun. In den Hafenstädten sind das Hauptzahlungsmittel mexikanische, japanische, spanische, Hongkong- und Canton-Dollars, selbst den Jangtsekiang aufwärts bis nach Tschunking werden sie überall als Zahlung angenommen. So z. B. ist in Wuhu der Carolus oder spanische Dollar allgemein eingeführt, und es sind davon auch in der ganzen Provinz über eine Million verbreitet. Im Innern des Landes aber sind es nicht Münzen, sondern Silberbarren, mit denen Zahlungen geleistet werden. Ihrer dem chinesischen Schuh nicht unähnlichen Form nach werden diese Barren allgemein mit dem englischen Namen Shoe bezeichnet. Der gewöhnliche Shoe hat einen Wert von 50 Taels, es giebt aber auch solche von 20, 10 und 5 Taels, welche wohl die kleinsten sind. Im Chinesischen heißt dieses ungeprägte Silber Sycee (Seisieh). Um Fälschungen der Barren zu vermeiden, bestehen in den größeren Städten eigene Probierämter oder Kung-ku, die aber keineswegs Staatsämter sind, sondern von den Bankhäusern und großen Geschäftsfirmen unterhalten werden. Für die Prüfung und Bestimmung eines Shoes von 50 Taels wird eine Gebühr von 50 Cash bezahlt. Da sich Silber auf dem Probierstein je nach dem Silbergehalt mehr oder weniger entfärbt, so werden die Shoes nach der Farbe (im Chinesischen Se) geprüft, und man sagt „der Shoe hat 97 oder 98 Farbe”. Sobald der gewöhnlich sehr hohe Silbergehalt bestimmt ist, wird der Shoe gewogen, und das Probieramt schreibt mit roter Farbe den Inhalt und den Wert des Barrens in Taels auf denselben. Diese Bestimmung wird von den Handelsleuten selten in Zweifel gezogen und gewöhnlich in gutem Glauben angenommen.
Die Banken beschäftigen sich nicht nur mit der Verwaltung, Verzinsung und Versendung von Geldern, sie gewähren auch Darlehen, bezahlen für Kaufleute die Steuern und Abgaben, und ein höchst seltsames Geschäft ist das Spekulieren in Beamtenstellen. Hat einer oder der andere gelehrte Chinese seine Prüfungen gut bestanden, so hat er Anwartschaft auf irgend einen Beamtenposten, den er nach Monaten oder nach Jahren in Peking wirklich erhält. Während dieser Wartezeit werden ihm von Banken, selbst von den Schansibanken, Vorschüsse geleistet, ja bei der elenden Mandarinwirtschaft und der Käuflichkeit der Stellen schießen die Banken die Gelder zum Ankauf einer Stellung vor, senden sie nach Peking, und das Diplom, die Amtsinsignien und dergleichen werden auch nicht dem Beamten, sondern der Bank zugesandt, welche sie dem neuen Regierungsangestellten aushändigt. Die Bank zieht dann die Vorschüsse von dem Gehalt der Beamten ratenweise ab. Der Geldverkehr zwischen den einzelnen Städten wird gewöhnlich durch Wechsel besorgt, und die Banken haben eigene, ich möchte sagen lokale Handlungsreisende, die von Zeit zu Zeit oder auch täglich in den großen Geschäftshäusern vorsprechen, um sich auf dem Laufenden zu erhalten. Sind beispielsweise von vier verschiedenen Häusern in Futschau Gelder an ebensoviele Häuser in Ningpo zu senden, so werden die Banken die Gesamtsumme an ein europäisches Bankhaus in Futschau einzahlen, welches dafür einen Wechsel an ein europäisches Haus in Ningpo sendet. Gleichzeitig benachrichtigt die chinesische Bank in Futschau ihren Korrespondenten in Ningpo, daß der an sie gelangende Wechsel in vier einzelnen Beträgen an die vier bestimmten Handelshäuser zu zahlen sei. Kommt es vor, daß Kaufleute in Ningpo bestimmte Summen an chinesische Kaufleute in Futschau zu zahlen haben, so verständigen sich die Banken, und es wird nur die Differenz übermittelt, also etwa das Prinzip unserer „Clearing Houses”, aber par distance.
Der Mittelpunkt dieses clearing für ganz China ist jedoch unzweifelhaft nicht Canton oder Hongkong, sondern Shanghai. Die Bankhäuser in Shanghai haben allerorts ihre Korrespondenten, und der größte Teil des Geld- und Wechselverkehrs spielt sich dort ab. All dies zeigt entschieden ein großes gegenseitiges Vertrauen, eine Ehrlichkeit und Anständigkeit des Geschäftsverkehrs, von welcher man in Europa bisher viel zu wenig Kenntnis hatte, und beweist, daß man die Chinesen in dieser Hinsicht auch viel zu sehr unterschätzt, wie man bisher gewohnt war, die Japaner zu überschätzen. Die geschilderten Verhältnisse zerstören auch gründlich die immer noch in vielen Kreisen bestehende Annahme, China besitze kein Geld, keinen Geschäftsverkehr, das Land wäre seit Jahrtausenden erstarrt und verlottert.
Wie die Chinesen ihre Briefe befördern.
Der Umstand, daß in den Briefmarkenalbums nur chinesische Zollbriefmarken, aber keine eigentlichen Reichspostmarken vorkommen, hat in Europa die Meinung aufkommen lassen, China besitze überhaupt kein Postwesen. Das mag richtig sein, wenn man sich darunter das moderne Postwesen nach Stephanschem Muster vorstellt, mit seinen regelmäßigen Versendungs- und Lieferzeiten, mit Briefmarken, Postkarten und internationalen Einrichtungen. Man würde aber gewaltig fehlgehen, wollte man annehmen, daß es in dem großen Reiche der Mitte überhaupt keine Post gäbe. Im Gegenteil. Briefe, Pakete und Gelder können in China heute von einem Ende des viele Millionen Quadratkilometer großen Landes zum andern befördert werden, und diese Sendungen gelangen mit erstaunlicher Sicherheit in die Hände der Adressaten. Städte und Dörfer aller achtzehn Provinzen sind durch die chinesische Post erreichbar, und unsere europäischen Kaufleute können mit dem Dalai Lama von Tibet oder dem Vizekönig der Mandschurei beinahe ebenso einfach korrespondieren, als wäre China ein Glied des Weltpostvereins.
Dabei sind die postalischen Einrichtungen Chinas nicht etwa Errungenschaften der Neuzeit, den Europäern abgelauscht, wie es beispielsweise in Japan der Fall ist. Das chinesische Postwesen ist das älteste des Erdballs, älter als jenes der Aegypter und Chaldäer, ebenso wie ja auch die chinesische Schriftsprache die älteste ist. Schon vor fünftausend Jahren haben die Chinesen Briefe geschrieben und durch ihre Post befördern lassen. Vor einem Jahrtausend besaßen sie schon ihre Regierungszeitung, die durch Postboten an ihre Abonnenten bestellt wurde, und da sage man, die Chinesen hätten keine Post! Marco Polo hat in seinen Werken die erste Schilderung dieser Post entworfen, und hätten die Europäer damals (etwa im dreizehnten Jahrhundert) mehr Unternehmungsgeist besessen, es wäre, gestützt auf die Ausführungen Marco Polos, vielleicht schon zu jener Zeit unserm Kontinent ein Thurn und Taxis erstanden.
Erst im siebzehnten Jahrhundert gelangte das Postwesen in Europa auf dieselbe Stufe, auf der es in China schon zu Anfang der christlichen Zeitrechnung war. Seither ist es den Chinesen freilich in ungeahnter Weise vorausgeeilt, während es bei den letztern beinahe auf derselben Stufe wie zur Zeit Christi stehen geblieben ist. Bis vor wenigen Jahren verschloß sich ja China sogar dem Telegraphen.