Die christlichen Missionsanstalten in China.

Die ziemlich verbreitete Ansicht, die Missionen in China stammten erst aus neuerer Zeit und fielen beiläufig mit der Eröffnung chinesischer Häfen für den europäischen Handel zusammen, ist irrig. In China wurde das Christentum schon viel früher gepredigt als in so manchem europäischen Lande. Der Tradition nach soll sogar der Apostel Thomas nach China gekommen sein. Sicher ist es, daß die Nestorianer dieses große Reich zum Felde ihrer Missionsthätigkeit ausersehen haben und schon in den ersten Jahren des sechsten Jahrhunderts, etwa um das Jahr 505, dorthin gelangten. Williams sagt in seinem großen Werke über China u. a.: „Eines der interessantesten alten Denkmäler in China, und gleichzeitig die älteste christliche Inschrift in Asien, rührt von den Nestorianern her und stammt aus dem Jahre 781”. Diese Inschrift wurde 1625 in Schang-an, einer Stadt der Provinz Schensi, entdeckt und beschreibt die Ankunft der christlichen Missionare, sowie den Schutz, den die chinesischen Kaiser der neuen Lehre während anderthalb Jahrhunderten angedeihen ließen. Ein Priester, Olopun, wurde im Jahre 635 vom Kaiser in seinem Palaste empfangen, und in dem gleichen Jahre wurde ein kaiserliches Edikt erlassen, das mit dem Satze schließt: „Laßt den neuen Glauben freien Lauf nehmen durch das ganze Reich”. Nachfolgende Herrscher schützten die christliche Religion, und Klöster erhoben sich bald in hundert Städten. Zu Ende des achten und in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts wetteiferten die buddhistischen Missionare mit den Christen. Im Jahre 841 gelang es der Sekte der Taoisten, den Kaiser zu bewegen, ein Edikt gegen den Buddhismus zu erlassen, und mit diesem litt auch das Christentum. Kirchen und Klöster wurden zerstört, und die Nestorianer konnten sich von diesem Schlage nicht mehr ganz erholen. Wohl erwähnt Marco Polo noch christliche Kirchen in China, allein es wird bezweifelt, daß sie aus der Zeit der Nestorianer stammten. Doch gelang es im Jahre 1307 dem Pater Johannes von Monte Corvino in Peking, oder wie es damals hieß, Khanbalik, festen Fuß zu fassen. Papst Clement V. ernannte ihn zum Erzbischof von Peking, und als solcher wirkte er beinahe zwei Jahrzehnte lang. Sein einziger europäischer Gefährte war ein Deutscher, Bruder Arnold von Köln. Als bald darauf die mongolische Dynastie gestürzt wurde, fand auch die neubegründete Mission ein Ende.

Drei Jahrhunderte nach Marco Polo, in den Jahren 1579 und 1581, erreichten die ersten römisch-katholischen Missionare, die Jesuiten Michael Ruggiero und Matteo Ricci, das chinesische Reich. Von Canton wanderte Ricci nordwärts bis nach Nanking, wo er 1610 starb. Der Kaiser empfing ihn freundlich, und unter seinem Schutz bekehrte Ricci eine beträchtliche Anzahl vornehmer Chinesen zum Christentum; die Tochter eines von ihnen, in der Geschichte unter dem Namen Candida bekannt, erbaute 39 Kirchen, ließ auf ihre Kosten 130 Bücher drucken und sandte zahlreiche eingeborene Missionare in die Provinzen, um den neuen Glauben zu predigen. Bald folgten den ersten Jesuitenvätern eine Anzahl anderer, darunter die berühmten Adam Schaal, Verbiest, Regis, die unter dem Schutz des letzten Kaisers der Mingdynastie, sowie unter den beiden ersten Kaisern der neuen Mandschudynastie Hervorragendes leisteten. Das astronomische Observatorium in Peking, eine Kanonengießerei und eine Anzahl großer geographischer Werke über China legen davon noch heute Zeugnis ab. Unter dem mächtigen Schutz des Hofes und der Regierung machte der Katholizismus in China überaus rasche Fortschritte, bis es aus Anlaß religiöser Fragen zum Zwiespalt zwischen dem Kaiser und den dem Papst gehorchenden Missionaren kam. Den Chinesen leuchtete es nicht ein, daß sie einer außerhalb Chinas residierenden höheren Autorität als jener ihres eigenen Kaisers gehorchen sollten, und 1724 wurde ein Edikt erlassen, wodurch die Verbreitung des katholischen Glaubens in China verboten wurde. Alle Missionare, ausgenommen einige in Peking thätige Gelehrte, wurden des Landes verwiesen. Viele folgten dem Befehl, andere blieben im geheimen und befestigten die Uebergetretenen in ihrem neuen Glauben. Bis zum Jahre 1842 machte der Katholizismus nur geringe Fortschritte. In diesem Jahre jedoch wurde das Christentum in China durch die Verträge mit den europäischen Mächten gestattet; zahlreiche Missionare trafen bald darauf wieder in China ein, und heute giebt es unter den Chinesen weit über eine Million Katholiken. Die in Hongkong erscheinende katholische Zeitschrift „The Roman Catholic Register” gab vor kurzem folgende Statistik der katholischen Missionen in China: 41 Bischöfe, 664 europäische und 559 chinesische Priester; gegen 2000 niedere und 34 höhere Schulen; 34 Klöster, 3000 Kirchen und Kapellen und 1092818 Bekehrte. Es kommt also auf je 400 Chinesen ein Katholik. Neben den Schulen sind in vielen der über alle Provinzen Chinas verbreiteten Missionen auch Hospitäler und Waisenhäuser errichtet worden, die nicht wenig zur Bekehrung der Chinesen beitragen. Am wirksamsten ist jedoch immer noch die Propaganda vermittelst Zeitschriften, Büchern und Flugblättern in chinesischer Sprache geblieben; diese stammen hauptsächlich aus der großen Druckerei der Jesuitenmission in Zikawei, wohl die bedeutendste Druckerei in ganz China.

Von den acht in dem Reiche der Mitte thätigen katholischen Missionen sind jene des Pariser Seminars die zahlreichsten, mit zehn Vikariaten, gegen 250 christlichen Missionaren und gegen 175000 Christen. Erst dann kommt der seit 1660 in China thätige Jesuitenorden mit zwei Vikariaten, 130 Missionaren und etwa 140000 Christen. Dann schließen sich an die Lazaristen, Franziskaner und Dominikaner, deren Mission aus dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts stammen; ferner das belgische Seminar, das Mailänder Seminar seit der Mitte dieses Jahrhunderts und endlich der Augustinerorden, der 1879 eine Mission errichtete. Als letzte kam im Jahre 1887 die deutsche katholische Mission von Südschantung, die binnen kurzer Zeit sehr große Erfolge erzielt hat. Bemerkenswert ist es, daß die beiden Kathedralen von Canton und Peking zu den größten Bauten dieser Städte gehören und daß die katholischen Missionare vielfach die Kleidung der Chinesen und sogar den langen chinesischen Haarzopf annehmen.

Der gewiß überraschende Erfolg der katholischen Missionen wäre nach der Ansicht zahlreicher Katholiken in Ostasien noch großartiger, wenn Frankreich sich nicht so auffällig als der alleinige und rechtmäßige Beschützer aller Katholiken in Asien, vor allem in China, aufspielen würde. Die Sache hat viel zu sehr einen politischen Beigeschmack, und die Chinesen, die von den Franzosen schon wiederholt bekriegt worden sind, fürchten, daß die Franzosen diesen Schutz über die Katholiken nur als Deckmantel für politische Zwecke benützen. Ich habe das von einflußreichen Chinesen selbst wiederholt aussprechen hören, und sie trauen der Aufrichtigkeit der Franzosen in dieser Sache um so weniger, als sie erfahren haben, mit welchem Eifer die Franzosen in Frankreich selbst gegen alle katholischen Institute vorgehen. Viel lieber sehen sie hinter Katholiken in China den Papst als die Franzosen stehen, und es geschah wohl, um ihrem Einfluß möglichst vorzubeugen, daß sie sich herbeiließen, einen päpstlichen Delegaten in Peking zu empfangen. Gleichzeitig wurde aber von der obersten Stelle das sogenannte Duldungsedikt erlassen, worin den Chinesen, die zum Christentum übertreten, wiederholt eingeschärft wird, daß sie dadurch nicht aufhören, Chinesen zu sein, und als solche unter dem Schutz der eigenen Regierung stehen, der allein sie Gehorsam schuldig sind. Von den vorgenannten Bischöfen, oder wie sie in China heißen, apostolischen Vikaren, sind die weitaus große Mehrzahl auch Franzosen, und zwar Jesuiten, Lazaristen oder Priester der schon 1663 gegründeten Gesellschaft der Missions etrangères in Paris, neun Vikare sind Italiener, der Rest verteilt sich auf Spanier und Belgier. Als im Jahre 1887 die deutsche (Steyler) Mission in Südschantung gegründet wurde, ist dort auch ein deutscher Vikar, Bischof von Anzer thätig, und eine der ersten Maßnahmen dieses eifrigen Mannes war es, seine Mission unter deutschen Schutz zu stellen. Alle anderen katholischen Missionen in China stehen auch heute noch unter französischem Schutz.

Der erste protestantische Missionar, der China besuchte, war Doktor Robert Morrison im Jahre 1807, und er blieb bis auf den heutigen Tag auch der verdienstvollste. Damals war der Fremdenhaß in China so stark, daß er an ein Bekehrungswerk nicht denken konnte; dafür unternahm er die Herausgabe eines großen chinesischen Wörterbuchs und die Uebersetzung der ganzen Bibel ins Chinesische, Werke, die seinen Namen für alle Sinologen unsterblich machen. Nach dem Vertrag von Nanking 1842, in welchem Hongkong an England abgetreten und fünf Häfen den Europäern geöffnet wurden, kamen eine Anzahl protestantischer Missionare nach China und begannen ihre Bekehrungsthätigkeit. Damals gab es nur sehr wenige chinesische Protestanten, kaum einige Dutzend. Seither wurde das Reisen im ganzen Reiche freigegeben, andere Häfen wurden eröffnet, den Missionaren der ständige Aufenthalt und die Errichtung von Kirchen, Schulen und Spitälern in einer Reihe von Inlandstädten gestattet. Heute giebt es nach der offiziellen Statistik im ganzen 40 verschiedene protestantische Missionsgesellschaften, die in fast allen Provinzen Chinas thätig sind und ein Personal von 1300 Europäern (darunter 700 Frauen) und 1657 chinesischen Missionaren besitzen. Während die katholischen Missionare europäischer Abstammung größtenteils der französischen Nation angehören, sind die protestantischen zumeist Engländer und Amerikaner, dann auch Deutsche und Schweden. Die Zahl der zum Protestantismus bekehrten Chinesen, Methodisten, Baptisten, Lutheraner, Presbyterianer und dergleichen beträgt im ganzen etwa 50000. Berücksichtigt man die große Zahl der Missionare und die Zeit, die ihnen zur Verfügung stand, so entfällt auf die Thätigkeit jedes protestantischen Missionars nicht viel mehr als jährlich eine bekehrte Seele.

Die Ursachen dieser spärlichen Resultate zu beleuchten, ist hier nicht der Platz. Wer darüber näheres zu erfahren wünscht, lese die Werke der, nebenbei bemerkt, protestantischen Reisenden Cummings, Williams, Moules, Knollys, Spencers, Percivals, Exners und anderer. Die darin enthaltenen Ausführungen lassen es sehr wünschenswert erscheinen, daß das ganze System der protestantischen Missionen eine gründliche Umgestaltung erfahren möge, sollen die ungeheuren Summen, die für Missionszwecke in China geopfert werden, wirklich wenigstens einigermaßen Nutzen bringen.

Der frühere kaiserliche Gesandte in China, Herr v. Brandt, sagt darüber: „Manche Widersprüche würden sich bei gemäßigterem Vorgehen der Missionare vielleicht vermeiden oder ausgleichen lassen, aber wie der Zelotismus der Bettelorden im siebzehnten Jahrhundert das klug begonnene Werk der Jesuiten zerstörte, so tritt jetzt der Fanatismus protestantischer Eiferer einer Annäherung hindernd in den Weg; es kann nur gewünscht werden, daß das zwanzigste Jahrhundert nicht einen Rückschlag zeitigen möge, wie das siebzehnte ihn gesehen.”

Rühmenswerte Ausnahmen bilden nach dem allgemeinen Urteil, das man in China zu hören bekommt, die vier deutschen protestantischen Missionen, die seit 1847 thätige Rheinische Missionsgesellschaft, die Berliner Gesellschaft zur Beförderung evangelischer Missionen, der Allgemeine evangelische Missionsverein und der Berliner Frauen-Missionsverein für China. Die drei erstgenannten Missionsgesellschaften, von denen die Berliner die größte und erfolgreichste ist, haben zusammen etwa 1500 bis 1800 chinesische Gemeindemitglieder aufzuweisen.