Herr v. Brandt sagt über die Missionen weiter: „Versucht man die Thätigkeit der katholischen und protestantischen Missionen nach ihrer erzieherischen Thätigkeit zu charakterisieren, so findet man, daß die ersteren mehr Wert auf praktische, die letzteren auf geistige Erfolge zu legen scheinen. Selbstverständlich besitzen beide besondere Schulen und Institute für die Ausbildung der für den Priesterstand bestimmten Chinesen, aber während in den Waisenhäusern und großen Schulen der katholischen Missionen die Knaben mehr für die praktischen Zwecke des Lebens vorgebildet und zu Handwerkern erzogen und die Mädchen in allen für die künftige Hausfrau erforderlichen Gegenständen unterrichtet werden, da die Erfahrung gelehrt hat, daß eine christliche Frau selbst in einer heidnischen Familie einen oft zur Bekehrung derselben führenden Einfluß auszuüben im stande ist, scheinen die protestantischen Missionen größeren Wert auf eine wissenschaftliche Ausbildung zu legen. Man könnte das eine als das System des Labora et ora, das andere als das des Ora et labora bezeichnen.”
Wurde von den englischen und amerikanischen Missionen bisher irgendwo ein thatsächlicher, wenn auch verhältnismäßig nur geringer Erfolg erzielt, so ist vor allem die Provinz Fukien zu nennen, und hier, ebenso wie auch in den andern Provinzen, hauptsächlich unter der Landbevölkerung, nicht in den Städten. So hat beispielsweise die bedeutendste und hervorragendste der protestantischen Missionsgesellschaften in China, die Christian Society in Shanghai, wo sie eine große Missionsanstalt besitzt, während vierzigjähriger Thätigkeit im ganzen 33 Bekehrungen erzielt. Arthur Moule, einer der angesehensten protestantischen Missionare in China, sagt in seinem Buche New China and old, daß in dem Hauptsitze der Church Missionary Society, also in der großen Stadt Futschau, nach elfjähriger angestrengter Thätigkeit die Zahl der Christen sehr gering und fast gar kein Fortschritt wahrzunehmen sei.
Knollys erzählt in seinem Buche English life in China, er sei einem Missionar begegnet, der während zwölf Jahren in China thätig war. Auf die Frage, wieviel Bekehrungen er in dieser Zeit vorgenommen hätte, nannte ihm der Missionar drei.
Ich selbst habe in Taingan-fu, im Herzen von Schantung, aus dem Munde des vielleicht ältesten Missionars, Dr. Crawford, einem Baptisten, vernommen, daß er in seiner sechsundvierzigjährigen Thätigkeit noch keine wahre Bekehrung zu seiner Glaubenssekte aufzuweisen hätte.
In Peking übertrug ein protestantischer Missionar während seiner zeitweiligen Abwesenheit die Besorgung der Kirche und des Gottesdienstes einem chinesischen Christen, an dessen vollständiger Bekehrung er dank siebenjähriger Erfahrung mit ihm nicht zweifeln konnte. Als der Missionar nach Peking zurückkehrte, erfuhr er, daß sein Stellvertreter in der Kirche eine Spielhölle etabliert habe. Mir selbst erzählte ein Prediger der christlichen Missionsgesellschaft, einmal seine Bekehrten dabei angetroffen zu haben, wie sie ihre buddhistischen Götzen verehrten und nach lang anhaltender Dürre um Regen baten. Als er sie darüber zurechtwies, antworteten sie ihm: „Dein Gott hat uns nicht geholfen, wir versuchen es jetzt mit unsern Göttern”. Wiederholt hörte ich von Missionaren die Ansicht aussprechen, daß sich Chinesen aus Spekulation dem Christentum zuwenden, indem sie sagen: „Buddha Gott ist gut, christlicher Gott auch gut, zwei Stück Gott noch besser”. Eine große Zahl Chinesen zeigen sich wenigstens äußerlich dem Christentum nicht abgeneigt, weil sie dann Gelegenheit haben, kostenfrei die Missionsschulen zu besuchen, die englische Sprache, Lesen, Schreiben und andere praktische Kenntnisse sich anzueignen. Sind sie damit fertig, so legen sie das Christentum wieder ab.
Mädchen im katholischen Waisenhaus bei Tsinan-fu.
Aus diesen Beispielen, denen unzählige andere beigefügt werden könnten, ist zu ersehen, daß die Chinesen für das Christentum im allgemeinen bisher keine große Empfänglichkeit gezeigt haben, ja sie stehen den Missionaren, wie überhaupt allen Fremden, feindlicher gegenüber als jemals zuvor. Das beweisen die wiederholten Angriffe auf die Missionen, die Zerstörung von Kirchen, Wohnhäusern und Schulen, die Verfolgung und Niedermetzelung von Missionaren in fast allen Provinzen des weiten Reiches. Aber man braucht daraus nicht zu folgern, daß die Missionare den Chinesen besonders viel verhaßter sind als die übrigen Fremden. Haben die Missionare zunächst unter dieser Fremdenverfolgung zu leiden, so ist es vornehmlich deshalb, weil sie größtenteils mitten im Inlande zerstreut, fern von den offenen Häfen vollständig schutzlos leben und daher feindlichen Angriffen zu jeder Zeit ausgesetzt sind, während die große Zahl anderer Fremder in den offenen Häfen, die dort zeitweilig vorhandenen Kriegsschiffe und die regen Beziehungen mit Nachbarhäfen solche Angriffe viel schwieriger machen.