Der Schutz der Fremden in China ist eine der schwierigsten Aufgaben, welche die Mächte dort zu lösen haben, um so mehr, als es bisher der Zentralregierung in vielen Fällen thatsächlich an der Kraft und Möglichkeit gefehlt hat, den Fremdenschutz selbst durchzuführen. In Bezug auf die Missionare handelt es sich dabei nicht allein um das religiöse Moment. Was man von dem Vorgehen, der Gesittung und dem Wesen einzelner Gruppen von Missionaren auch halten mag, es darf nicht vergessen werden, daß die Missionare in China, gerade so wie anderwärts, nicht nur die Pioniere des Christentums, sondern auch die Pioniere europäischer Kultur und europäischen Handels sind. Wo die Missionen festen Fuß gefaßt haben, da werden die Chinesen mit europäischem Wesen vertraut, da ist es auch leichter, Handelsposten zu gründen, und zu dem idealen kommt mit der Zeit materieller Gewinn. Mit den Missionen stehen oder fallen die Hoffnungen, friedlichen Eingang in das Reich der Mitte zu erzielen. Schon deshalb verdienen und bedürfen die christlichen Missionen ohne Unterschied des Glaubens den weitgehendsten Schutz der Mächte. Mit Parlamentieren kommt man bei den Chinesen nicht vorwärts, eine Kanonenmündung flößt ihnen größeren Respekt ein als alle Gesandten zusammengenommen.

Seit 1891 sind in China, besonders im Stromgebiet des Jangtsekiang, Dutzende von Missionen zerstört und zahlreiche Missionare ermordet worden; diese Gewaltthaten vermehrten sich noch seit dem Abschluß des chinesisch-japanischen Krieges und erreichten ihren Höhepunkt in dem Ausbruch des Aufstandes in der Provinz Fukien, ja es hat den Anschein, als ob der Feldzug gegen die Missionen in einer Reihe von Provinzen systematisch betrieben würde.

Die englischen Blätter von Shanghai, Tientsin und Hongkong enthalten seit Jahren fast in jeder Woche Berichte über Christenverfolgungen, die sich nicht allein auf die europäischen Missionen beschränken, sondern auch gegen die chinesischen Christen gerichtet sind. Besonders hat man es dabei auf ansässige Missionare und ihre Niederlassungen in größeren Städten abgesehen, also gerade dort, wo sich Behörden und Garnisonen befinden.

Inneres des Taischantempels in Taingan-fu.

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GRÖSSERES BILD]

Als hervorragendstes Beispiel der letzten Jahre können die Gewaltthaten in der Provinz Szetschuen im oberen Stromgebiet des Jangtsekiang an der tibetanischen Grenze gelten. Dort waren seit Jahren etwa dreißig katholische und protestantische Missionen thätig, mit eigenen Kirchen, Kapellen, Hospitälern und Schulen und über zweihundert Missionaren. In der Hauptstadt von Szetschuen, Tscheng-tu, befanden sich elf Missionen, und die katholische Mission war gleichzeitig der Sitz des Bischofs Dunand. Seit dem letzten Maitage des Jahres 1895 sind diese Missionen vom Erdboden verschwunden, mit ihnen wurden auch andere Missionen in den Provinzstädten zerstört, die Missionare angegriffen, verwundet und gewaltsam vertrieben. Der eigentliche Anstifter war kein anderer als der damalige Vicekönig der Provinz, Li-ping-Tschang, ein fanatischer Fremdenhasser. Während seiner neunjährigen Regierung hat er der Verbreitung des Christentums und europäischer Ideen unaufhörlich Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und seinem Widerstand ist es zuzuschreiben, daß der obere Jangtsekiang für die Dampfschiffahrt so lange Zeit nicht freigegeben wurde.

Auch in Schansi, Yünnan, Hunan und Kiangsi gärt es fortwährend unter den Christenfeinden, und was Schantung betrifft, so fanden die Christenverfolgungen nach der Ermordung der deutschen Missionare Nieß und Henle nur eine zeitweilige Unterbrechung durch das energische Auftreten der Deutschen. Wagt man es nicht, den Europäern selbst entgegenzutreten, so wird die einheimische Bevölkerung gegen den Christenglauben aufgehetzt und die Wut der Leute auf die chinesischen Christen gelenkt. Auffällig war es bei all den Angriffen auf die christlichen Missionen, daß sie in verschiedenen Provinzen fast gleichzeitig vorfielen, und daß nach jeder Greuelthat die Telegraphenleitungen zwischen den betreffenden Provinzen und Peking oder Shanghai unterbrochen wurden. Erst nachdem den Ministern in Peking von seiten der fremden Vertreter energisch zu Leibe gegangen worden, waren die Telegraphen rasch wieder in Ordnung. Ebenso auffällig ist es, daß die Edikte zur Beschützung des Christentums, zur Bestrafung von Gouverneuren und Beamten, welche diese Beschützung unterlassen hatten, zur Auszahlung von Schadenersatz und dergleichen sehr selten in die Pekinger Regierungszeitung kommen. Man hat die Regierung deshalb stark in Verdacht, daß sie gegenüber den fremden Vertretern ein doppeltes Spiel treibt und indirekt die Ausschreitungen gegen Christentum und Fremdlinge duldet. Von seiten vieler Mandarine geschieht dies, wie allgemein anerkannt, ziemlich offen.

Der Grund davon liegt teils darin, daß die Mandarine fürchten, durch das Ueberhandnehmen der christlichen Kultur und des fremden Einflusses ihren Halt am Volk zu verlieren, teils darin, daß sie sich dem Fremdenhaß der Geheimbündler nicht offen gegenüberstellen wollen; wissen sie doch, daß ein Widerstand der geheimen Hunggesellschaft oder den Vegetarianern gegenüber die schlimmsten Folgen für sie selbst hätte. Deshalb hüten sie sich auch, selbst wenn ihnen die wahren Missethäter bekannt wären, sich an ihnen zu vergreifen. Um den Befehlen der Pekinger Regierung und den Anforderungen der fremden Vertreter Genüge zu thun, werden ein paar ganz unschuldige Menschen oder im letzten Fall ein paar Sträflinge aus den Gefängnissen um einen Kopf kürzer gemacht, die als Schadenersatz erforderlichen Summen vom Volke erpreßt, und die Sache ist erledigt. So ist es während der letzten Jahrzehnte gegangen, so wird es auch in Zukunft gehen, wenn nicht von seiten der Mächte ganz andere Schritte unternommen werden als bisher. Es genügt nicht, daß die Chinesen für jede zerstörte Mission, für den Kopf jedes ermordeten Missionars eine bestimmte Summe zu zahlen haben; es geht nicht, daß die Schuldigen straflos ausgehen und ein paar Unschuldige dafür ins Gras beißen. Es handelt sich nicht allein um das Leben des Missionars als einzelnen Menschen, das durch eine gewisse Summe gewissermaßen erkauft werden kann. Den Mandarinen würde dies dann immer ein, allerdings kostspieliger, Spaß bleiben, aber immerhin ein Spaß, den sie sich mit irgend einem Missionar heute oder morgen erlauben dürften. In Peking allein ist diesen elenden Verhältnissen durch Proteste der Vertreter und energisches Einschreiten derselben nicht abzuhelfen. Da die Regierung, wie gesagt, nicht immer die Macht oder Mittel hat, die Verbrecher exemplarisch zu bestrafen, so kann dies nur durch die Mächte geschehen.