Chinesischer Briefumschlag.

Schantungpflug mit Dreigespann.

Die künftige Bedeutung Chinas für den europäischen Handel.

Angesichts der neuesten Unruhen in China, der ewigen Gefahr, in der die Fremden dort leben, der großen Opfer an Menschen und Geld, der kostspieligen militärischen Expeditionen, welche die Beziehungen Europas mit dem Reiche der Mitte zur Folge gehabt haben und voraussichtlich noch in Zukunft haben werden, hört man die Frage: Hat der Handel mit China überhaupt eine so große Bedeutung, daß er diese Opfer rechtfertigt; wäre es nicht besser, sich anderen Gebieten zuzuwenden und deren Erschließung anzustreben?

Wie groß ist dieser Handel? Im Jahre 1898 belief sich im Gesamtwert die Ein- und Ausfuhr, soweit die in den Vertragshäfen bestehenden Zollbehörden ihn kontrollieren, auf etwa elfhundert Millionen Mark. Diese Summe erscheint nicht groß, wenn man bedenkt, daß der Außenhandel des kleinen Belgien einen Wert von über zweiundzwanzighundert Millionen besitzt, also das Doppelte des Außenhandels von China. Selbst Argentinien hat trotz seiner Jugend als Staat bereits einen Außenhandel von nahezu tausend Millionen Mark. In einer Reihe anderer Staaten entwickeln sich die Handelsbeziehungen mit Europa ruhig, ohne besondere Schwierigkeiten, ohne jedwede Opfer und militärische Expeditionen. Warum, so hört man fragen, sollen also die Steuerzahler wegen des verhältnismäßig geringen Handels so tief in den Säckel greifen?

Und dennoch geschieht dies seitens fast aller Seemächte. Neben dem Deutschen Reiche sind bei den letzten Unruhen England, Frankreich, Oesterreich-Ungarn, Italien, Rußland, Holland, selbst das kleine Belgien an der Expedition gegen China beteiligt gewesen, dazu die Vereinigten Staaten und Japan. Freilich stand dabei zunächst die Aufgabe im Vordergrunde: Bestrafung des Bruchs des Völkerrechts durch die Mißhandlung der Gesandten seitens der chinesischen Machthaber, man könnte besser sagen, der chinesischen Ohnmachtshaber, Sühne für die vielen Menschenleben, die schweren Verluste an Hab und Gut der fremden Einwohner. Aber dabei wurden doch auch geschäftliche Interessen verfolgt, und man dachte auch an den Nutzen, welchen die Expedition nach dem Friedensschluß für die verschiedenen Mächte bringen soll.

Ebenso sicher, wie die endliche Niederwerfung Chinas durch die verbündeten Streitkräfte, ist es auch, daß eine Aufteilung Chinas in absehbarer Zeit nicht stattfinden wird. Im Gegenteile, statt als Kriegsbeute verschiedene Provinzen und Länderstriche einzuheimsen, haben die Mächte alles Interesse daran, das chinesische Reich intakt zu erhalten und ihm eine feste, starke Regierung zu geben, sogar unter der Leitung eines Kaisers aus der gegenwärtig herrschenden Dynastie. Ganz abgesehen von der Eifersucht unter den Mächten bei einer Aufteilung und der Unmöglichkeit einer Einigung über die von jeder Macht beanspruchten Gebiete, hat man sich gewiß schon in jedem Kabinette gefragt, auf welche Weise und zu welchem Zwecke die verschiedenen Provinzen des aufgeteilten Vierhundertmillionenreiches von den Mächten regiert und verwaltet werden sollten. Es ist ja hinlänglich bekannt, welchen Aufwand an Geld, Beamten, Militär, Schiffen und dergleichen schon ein Landgebiet von der Größe einiger hundert Quadratkilometer, etwa wie Deutsch-China, erfordert. Wie viele Hunderte Millionen, Zehntausende von Soldaten, Hunderte von Beamten würde erst die Verwaltung einer ganzen Provinz bedürfen! Es handelt sich bei den chinesischen Provinzen um Ländergebiete so groß wie Preußen oder ganz Süddeutschland, mit Einwohnerzahlen von zwanzig bis vierzig Millionen. Selbst wenn solche Gebiete an die erobernden Reiche angrenzen würden, wie etwa Nordchina an Sibirien, würden solche Bissen in Anbetracht der heterogenen feindlichen Bevölkerung nicht zu verdauen sein. Wie erst, wenn man die ungeheure Entfernung Chinas von den mitteleuropäischen Reichen in Betracht zieht! Der Krieg der Amerikaner gegen das im Vergleich mit den Chinesen verschwindend kleine Völkchen der Philippiner, der Frankreichs gegen Tonkin und Englands gegen die handvoll Boeren sprechen deutlicher, als es alle Argumente vermögen.