Früh morgens werde ich durch ähnlichen Gesang, ähnliches Gelächter aus meinen Träumen geweckt, in denen zierliche Musmis und Tänzerinnen im Gewande Chrysanthemums die wichtigste Rolle gespielt haben. Durch das kleine runde Fensterchen meiner Schiffskabine blickte lächelnd Chrysanthemum selbst herein. Ja, das ist sie! Dieselben schalkhaften Schlitzaugen, derselbe rosige Mund. Aber welcher Anzug, welche Gestalt! Und wie kam sie nur an meine Kabinenluke, die doch gewiß mehr als sechs Meter über dem Wasserspiegel erhaben ist? Nun sehe ich es; ein großes, plumpes Kohlenboot, mit Kohlen schwer beladen, liegt an der Seite unseres Schiffes, und einige hohe, bis aufs untere Verdeck reichende Leitern sind an das Schiff angelehnt worden. Auf den Sprossen dieser Leitern sitzen von oben bis unten lauter Chrysanthemen und gucken neugierig durch die Kabinenluken. Sie sind alle gleich gekleidet: nicht in die schönen, vielfarbigen, faltenreichen Kimonos, sondern sie tragen enganliegende, bis etwas über die Knie reichende Hosen und lose, vorne nur notdürftig schließende Jacken aus dunkelblauem Stoff, ohne irgendwelche Unterkleider. Die Füße sind nackt, dafür umhüllen buntgestreifte Kopftücher den Kopf und lassen nur die hübschen, frischen, freundlichen Gesichtchen frei. Ein Kohlenschiff nach dem andern legt sich an unsere Seite, ganze Reihen von Leitern stehen nun nebeneinander, viele Dutzende von kleinen putzigen, prallen japanischen Mädchen sitzen auf den Sprossen, alle lächeln, schäkern und schwatzen miteinander. Die älteste mag kaum siebzehn, achtzehn Jahre zählen. Unten in den Kohlenschiffen werden endlich große Körbe mit Steinkohlen gefüllt und den Mädchen, die zu unterst auf der Leiter stehen, gereicht. Diese heben sie über ihre Köpfchen zu den nächsten Sprossen empor, und so passieren sie von Hand zu Hand, bis sie auf das Verdeck kommen. Dort nehmen andere Mädchen die Körbe in Empfang, schütten den Inhalt in den Kohlenschacht und schleudern die leeren Körbe mit kräftigem Schwung auf die Kohlenschiffe zurück. Der Kohlenstaub bedeckt sie bald vom Kopf bis zum Fuß, schwärzt die Gesichter, die winzigen Händchen und die Brüste, denn sie haben der Hitze wegen die Jäckchen geöffnet. Darunter erkennt man nicht einmal mehr das stereotype Lächeln, und gar bald sehen sie aus wie kleine, kohlschwarze Teufelchen. Man sollte es kaum für möglich halten! Diese zarten, blutjungen Geschöpfchen, die höchstens zum Guitarrezupfen, zu Spiel und Tanz geboren scheinen, sind in diesem Lande der Phäaken Lastenträger, Kohlenarbeiter!

Um den Bug unseres Riesenschiffes tummeln sich dicht neben und zwischen den rußigen, schmutzigen Kohlenbarken hindurch blendend weiße, so rein gescheuerte Sampans (Ruderboote) herum, daß man glauben könnte, sie wären alle erst vor einer Stunde aus den Werkstätten gekommen. Halbnackte Japaner mit bronzefarbigen, sehnigen Gliedern handhaben sie geschickt und führen die Passagiere des Dampfers ans Land. Ein langes Ruder ist am Steuer befestigt, und mit diesem machen sie ähnliche Bewegungen wie der Fisch mit seinen Schwanzflossen. Die Japaner haben bei ihren kleinen Fahrzeugen die Kunst der Fortbewegung den Fischen abgelauscht. Vor mir dehnt sich auf der Ostseite der weiten paradiesischen Bucht eine lange Reihe einstöckiger Häuser in europäischem Stil aus, die das europäische Settlement von Nagasaki bilden. Dieser reizende Hafen gehört nämlich mit vier anderen zu den für Europäer offenen Häfen des japanischen Reiches, und auf dem wenige Hektare großen Flächenraum, den die Japaner den Weißen zur Verfügung gestellt haben, dürfen sie ihre Häuser bauen, ihren Geschäften nachgehen. Nagasaki ist der älteste dieser Häfen, denn schon vor beinahe dreihundert Jahren hatten die damaligen Herren der Ozeane, die Holländer, die Bewilligung erhalten, hier ein Settlement zu gründen. Davon ist freilich nichts mehr vorhanden. Die den Hafen entlang laufende Bundstraße hat nur moderne, bescheidene Häuser aufzuweisen, ebenso ihre Parallelstraße landeinwärts und die Verbindungsgassen, in denen die Chinesen ihre Wohnungen aufgeschlagen haben. Kaum hundert Europäer, die Konsuln der fremden Mächte mit eingerechnet, wohnen hier, aber doch haben sie ihren eigenen Klub mit Billard-, Spiel- und Lesesälen, wo man sich irgendwo im Herzen von Europa, nur nicht in Japan fühlen könnte. Weiter südlich gegen das Meer zu liegt, versteckt zwischen üppigen Gartenanlagen, ein bescheidenes Hotel, dessen Name Bellevue durch die wunderbare Aussicht auf das japanische Nagasaki sehr wohl begründet ist.

An der Landungsstelle erwarten ganze Batterien von Rickshaws die ankommenden Reisenden. Weiß der Leser, was eine Rickshaw ist? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er sie schon längst in Europa zur Einführung gebracht. Die Rickshaw ist das bequemste, angenehmste, schnellste und billigste Fuhrwerk, das je zur Beförderung der Menschen erschaffen wurde. Helios hätte in keinem bequemeren zur Sonne, der Teufel in keinem luftigeren zur Hölle fahren können. Die Rickshaw ist eine offene, niedrige Viktoria ohne Kutschersitz, auf zwei Rädern und für einen Menschen Raum gewährend, der sie mit derselben Leichtigkeit besteigt, als wolle er sich in einen Armstuhl setzen. Vorn ist eine Gabeldeichsel angebracht. Ein japanischer Kuli stellt sich dazwischen, hebt die Deichsel mit den Händen auf und galoppiert mit der Rickshaw und ihrem Insassen davon. Der gewöhnliche Fahrpreis für eine Fahrt ist zehn bis zwanzig Pfennige, und die Miete für einen halben Tag von sechs Stunden beläuft sich auf fünfzig Pfennige (fünfundzwanzig Sen). Deshalb fällt es in Japan auch keinem Europäer ein zu gehen. Die Rickshaw ist ihr allgemeines Beförderungsmittel. Jede Rickshaw und jeder dazugehörige Kuli hat seine Nummer, gerade so wie unsere Droschken, und alle stehen unter polizeilicher Kontrolle.

Nummer 415 ist leider nicht zu sehen. Ich hätte gar zu gerne Nummer 415 gewählt, denn wer Pierre Lotis Madame Chrysanthème gelesen hat, der weiß, daß 415 Pierre Lotis Schwager war. Indessen Nummer vier hat eben so kräftige Lungen und eben so kräftige Beine. Kaum sitze ich in seiner Rickshaw, so läuft er auch schon im Galopp von dannen. Die Frühlingshitze ist groß, und auf die Gefahr hin, von einem schlitzäugigen Polizisten eingesteckt zu werden, hat sich Nummer vier seiner zwei Kleidungsstücke, ähnlich wie sie die vorgeschilderten Kohlenjungfrauen tragen, entledigt. Um den Anstand einigermaßen zu wahren, thut er es seinen Rickshawkollegen gleich und legt um den Leib einen weißen Leinwandstreifen, so groß wie eine weiße Ballkravatte. Sein muskelreicher Rücken glänzt von Schweiß wie polierte Bronze; das Wasser läuft ihm von den Schultern und Beinen herunter, er keucht und pustet, aber die Beine tragen ihn und seinen Wagen und mich federleicht den Bund entlang nach dem alten japanischen Stadtteil, dem eigentlichen Nagasaki.

Der erste Eindruck, den die langen, engen Gäßchen mit den bescheidenen, einstöckigen Häuschen jetzt in den späten Vormittagsstunden machen, ist enttäuschend. Straßen auf, Straßen ab dasselbe ewige Einerlei; gutes, mit peinlicher Sorgfalt reingehaltenes Pflaster, mit dem Trottoir nicht längs der Häuser, sondern in der Mitte der Straße; Matten- und Leinwanddächer schützen die langen Reihen von Kaufläden gegen die brennende Sonnenhitze; die Kaufläden nehmen die ganzen Häuserfronten ein, die weder Thüren noch Fenster haben; der ganze verfügbare Raum ist mit Waren der verschiedensten Gattung belegt, hier kostbare Bronzen und Porzellane, dort Rüstungen, Schwerter und Helme, daran anstoßend Papierwaren, Lampions, Schmetterlinge, Drachen; dann wieder Seidenwaren oder allerhand Artikel aus Schildpatt, eine der Hauptindustrien von Nagasaki. Ebensowenig wie nach vorne, haben die hölzernen Häuschen nach hinten eine Mauer; während ich durch die Straßen fliege, kann ich das Innere der Häuser von einem Ende zum andern sehen; alles ist offen, auf den ungemein reinlichen Strohmatten des erhöhten Fußbodens kauern schläfrige Japaner, Männlein und Weiblein, der Hitze wegen in tiefem Negligé, und rauchen ihre winzigen Pfeifchen, mit Köpfen, die kaum groß genug sind, um unseren zartesten Damen als Fingerhut zu dienen; oder sie schlafen, auf die Matten hingestreckt, einen Holzklotz als Kissen unter dem Kopf; oder sie hocken auf ihren Waden, die beliebteste Stellung, und schlürfen Thee aus winzigen Täßchen, den Theetopf vor sich auf dem Boden. Mitten durch die Häuser durch gewahre ich hier und dort ein winziges Gärtchen mit kurios gebogenen und verschlungenen Fichten, mit Wassertümpeln und winzigen Brücken darüber; auf den tischgroßen Rasenflächen stehen allerhand Bronze- und Steinfiguren, die reine Spielerei, denn viele der Gärtchen nehmen nicht mehr Raum ein als eines unserer europäischen Wohnzimmer. Plätze, Squares, öffentliche Gärten giebt es in dem alten Nagasaki keine; alles ist uralt, klein, niedlich und, was mich seltsam, aber angenehm berührte, durchaus japanisch. Von der Modernisierung des alten Japan, die sich dem Besucher von Yokohama, Osaka, Tokio und anderen Städten so unangenehm aufdrängt, sind in Nagasaki nur wenige Spuren zu sehen, und doch war gerade dieser Hafen den Kaukasiern schon über zwei Jahrhunderte geöffnet, als die anderen jedem Europäer noch hermetisch verschlossen waren. Damals, im alten Japan, war Nagasaki der moderne, europäische Hafen; jetzt im modernen, europäischen Japan ist Nagasaki derjenige, der am meisten Alt-Japan bewahrt hat. Nirgends sieht man in den Kaufläden so gute, alte Prachtstücke der japanischen Kunst wie hier; nirgends so echtes und schönes Satsuma- und Hizenporzellan; alte Seidenstoffe und Stickereien, Rüstungen und Bronzen. Man könnte sein Vermögen opfern, um all diese entzückenden Produkte einer fremdartigen Kunst zusammenzukaufen; trete ich in einen Kaufladen, flugs liegen die Händler, Vater, Mutter und Tochter, vor mir auf allen Vieren und berühren aus lauter Artigkeit mit der Stirn den Boden, und während der Papa die kostbarsten Stücke aus Schachteln und Papier, Baumwolle und Seidentüchern herauswickelt, um sie mir zu zeigen, bereitet ein Fräulein Chrysanthemum, seine Tochter, mit ihren zarten Fingerchen Thee und überreicht mir kniend eine Tasse. Dabei ist sie so niedlich und hübsch und lächelt so einschmeichelnd kokett, daß man viel eher vor ihr auf die Knie fallen möchte.

Am jenseitigen Ende der eigenartigen alten Stadt mit ihren schnurgeraden, sich rechtwinklig schneidenden Straßen, die wohl noch selten, wenn überhaupt jemals, von einem Lastwagen oder einer Equipage befahren worden sind, zieht sich die Vorstadt Dschudschendschi die reich mit alten Kampferbäumen besetzten Höhen empor. Dort, in einem der niedlichen Häuschen mit den offenen Veranden und den hübschen Gärten mit blühenden Wisterias, hat auch Pierre Loti mit seiner Frau Chrysanthème gewohnt; welches der Häuschen es wohl sein mag? Gegen die Meeresbucht zu sind die Berghänge mit Tausenden von Grabdenkmälern, alten, mit Farnkraut und Myrten überwucherten Steinen bedeckt, und zwischen beiden führt eine wundervolle Treppenanlage mit gewaltigen steinernen Thorbogen die Anhöhen empor zu dem berühmten Osuwatempel, einem der schönsten Shintotempel Japans. Nummer vier macht vor der Riesentreppe Halt, wischt sich mit den Händen den triefenden Schweiß von den Gliedern und ladet mich ein, den Tempel zu besuchen.

Es ist eher eine ganze Reihe von Tempeln, die dort oben inmitten eines Waldes von kolossalsten Kampferbäumen und Kryptomerien vor langer, langer Zeit errichtet wurden: kleine, einfache Holzhäuser mit schweren, grauen, bemoosten Dächern und weiten, von Galerien umgebenen Vorhöfen, in denen fromme Daimios im Laufe der Jahrhunderte Opferlaternen, steinerne Wasserbecken, Drachen- und Götzengestalten, ja sogar ein bronzenes Pferd haben aufstellen lassen. Das letztere ist eine Berühmtheit Japans, wohl wegen seiner für dortige Verhältnisse selten schönen Ausführung. Pierre Loti behauptete, es wäre aus Jade (Nephritstein), indessen sein reizendes Buch Madame Chrysanthème ist so voll von Unrichtigkeiten, daß man ihm auch wohl das steinerne Pferd hingehen lassen muß. Nur seine Chrysanthème, diese Gattin auf Zeit, hat er richtig geschildert, dann auch die Tänzerinnen und Sängerinnen.

Bei jedem Treppenabsatz haben die Japaner hier Tempelchen und Shintoschreine errichtet; über jedem Thor sind die charakteristischen Neujahrs-Hanfseile gespannt, mit langen, herabhängenden Papierfetzen, zur Abwehr der bösen Geister. Die Treppe scheint gar kein Ende zu nehmen. Weißgekleidete Priester mit kahlgeschorenen Schädeln huschen in den Gängen auf und nieder, verschwinden hinter weißen Vorhängen; andere halten eben unter allerhand geheimnisvollem Zeremoniell ihren Götterdienst; wieder andere ruhen in den Nischen und Seitengebäuden und schmauchen ihre Pfeifchen, deren Rauch sich mit jenem der Weihrauchhölzchen vermengt, die in ungezählten Mengen vor den bronzenen, steinernen und hölzernen Götzenbildern brennen.

Zur Linken führt ein Thor nach einem großen schattigen Garten. Welche Ueberraschung! Unter den riesigen Kampferbäumen stehen hier eine Anzahl Theehäuser, und vor jedem derselben laden uns buntgekleidete Musmis mit freundlichem Lächeln zum Besuch ein, Musmis in roten, blauen und rosenfarbigen Kimonos, mit Blumen besäet, Blumen auch in dem üppigen schwarzen Haar, den Samisen, die japanische Guitarre, in der Hand, und treten wir ein, flugs werfen sie sich zu Boden und harren der Befehle. Dann bringen sie, immer lächelnd, Stuhl und Tischchen herbei, es folgen Aschenbehälter mit glühenden Kohlen, dann die zierlichsten kleinen Porzellanschüsselchen mit den seltsamsten Eßbarkeiten. Sie drücken einem in reizend naiver Weise die japanischen Chop-Sticks (Eßhölzchen) in die Hand und lachen über unsere Ungeschicklichkeit. Drei, vier, fünf von diesen zierlichen Geschöpfchen kauern rings um mich auf dem Boden und befühlen meine Kleider, zupfen an meiner Uhrkette, nötigen mich zu essen und zu trinken. Ob ich nicht möchte, daß sie tanzten? Gewiß. Sofort wird der Samisku herbeigeholt, und während eine an den Saiten zupft, tanzen die anderen die eigentümlichen japanischen Tänze, den Manzai, Kisku und Ogurayama, tanzen sie mit den Händen, den Hüften, den Köpfchen und Knieen, nur nicht mit den Füßen. Dabei sehen sie so reizend aus, so verführerisch, so jung, vierzehn, fünfzehn Jahre, daß man nicht französischer Seeoffizier zu sein braucht, um sich in diese Chrysanthèmes zu vergucken. Und reißt man sich endlich los von den kleinen Zauberinnen, dann fallen sie nieder auf alle Viere und berühren ganz demütig mit der Stirne den Boden. Sayonara, Sayonara!

Am andern Tage trete ich den Rückweg nach der Stadt an, und unten angekommen zeigt sich mir in den Seitenstraßen der Vorstädte vereinzelt das seltsame, kaum glaubliche Schauspiel, das Pierre Loti in der Heimat von Fräulein Chrysanthème so oft gesehen hat: