„Zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags ist jedes lebende Wesen nackt; Kinder, junge Leute, alte Männer, alte Frauen, alles sitzt in einem Bottich irgendwelcher Art und badet. Und das findet wo immer statt, in den Gärten, in den Höfen, in den Kaufläden, selbst auf der Thürschwelle, so daß die Unterhaltung mit den Nachbarn auf der anderen Seite der Straße leichter vor sich gehen kann. In dieser Situation werden Besucher empfangen, und die Badenden verlassen ohne das geringste Zögern die Badewanne, um dem Besucher einen Sitz anzubieten oder mit ihm einige liebenswürdige Redensarten zu wechseln. Indessen, weder die jungen Mädchen noch die alten Frauen gewinnen etwas durch dieses ursprüngliche Auftreten. Eine japanische Frau ohne ihren langen Kimono und ihren breiten, anspruchsvollen Obi (Leibbinde) ist nichts als ein winziges, gelbes Wesen mit krummen Beinen und flacher, formloser Brust; keine Spur bleibt zurück von ihren künstlichen kleinen Reizen, die gleichzeitig mit ihrer Kleidung verschwunden sind.”

Japanerinnen in der Jinrickshaw.

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GRÖSSERES BILD]

Die Wahrheit dieser Bemerkung hat gewiß jeder empfunden, der die Japanerinnen im Bade gesehen hat, und gesehen hat sie jeder Japanbesucher, auch wenn er sie nicht gesucht hat, ja selbst, wenn er getrachtet hätte, ihnen auszuweichen, denn sie sind, wie gesagt, morgens und abends überall zu sehen. Wie beim Schmetterling, so sind es auch bei den Chrysanthèmes von Japan nur die Flügel, die Kleider, welche sie so reizend machen.

Ob denn das Urbild von Madame Chrysanthème, der japanischen Gattin Pierre Lotis, auch eine solche Enttäuschung für ihn war? Mein Schiff fuhr erst spät abends weiter, ich hatte also noch hinlänglich Zeit, ihr meinen Besuch abzustatten. Aber wie sie finden? Ueber den Bund schlendernd, kehrte ich bei dem Konsul einer großen, uns nahestehenden Kontinentalmacht ein, um mich nach ihr zu erkundigen. War sie seit dem Erscheinen von Pierre Lotis Buch zu einer Weltberühmtheit geworden, so wird man sie doch in Nagasaki noch viel besser kennen. Der Konsul war nicht zu Hause, und sein Sekretär hatte gar keine Ahnung von Pierre Loti und kannte weder das Buch noch die Heldin desselben. Vielleicht konnte ich beim französischen Konsul Auskunft in dieser Angelegenheit erhalten. Ich kletterte zwischen schönen, tropischen Gärten hinauf zu dessen Wohnung. Loti? Madame Chrysanthème? Er zuckte die Achseln. „Bedaure. Unbekannt.” Wie sollte er jeden Marineoffizier kennen, der in Nagasaki herumspaziert! Es kommen so viele französische Kriegsschiffe hierher. Gewöhnlich steigen sie bei Madame L., der Besitzerin des Hotels Bellevue, ab.

Das Hotel ist ganz nahe, und ich hatte doch die Absicht dort zu essen. Madame L. ist die dritte Witwe eines französischen Journalisten, der vor einigen Jahren in Tokio eine Zeitung, Courrier du Japan, gegründet hat. Nach einigen Nummern starb die Zeitung, gerade so wie ihr Gründer, an der Auszehrung. Seither warf sich die Witwe auf das Hotelwesen und darbt nicht mehr. Beim Kaffee, den ich auf der Hotelterrasse an ihrem Tisch einnehme, frage ich sie nach Pierre Loti und Madame Chrysanthème. Sie lacht auf. „Mais Monsieur, c’est un farceur! Er war in Nagasaki, hat aber weder Haus noch Frau hier gehabt. Das ist ja alles erdichtet! Er hat bei mir gewohnt und gegessen.” „Und Madame Chrysanthème?” fragte ich weiter. „Quand à ça”, antwortete sie mir, „es giebt Tausende hier. Sie brauchen nur zu pfeifen, und sie kommen. Aber Pierre Loti hat niemals mit einer solchen zusammengewohnt. Das einzige Wahre in seinem Buche ist seine Beschreibung von Nagasaki und seine Bemerkung, daß das vermeintliche Bronzepferd im Osuvatempel aus Jadestein ist.”

Ich empfahl mich und kehrte enttäuscht auf mein Schiff zurück. Ein paar Stunden vorher hatte ich selbst vor dem Bronzepferde gestanden und mich, mit dem Taschenmesser daran kratzend, überzeugt, daß das Pferd aus Bronze sei. Ob die Geschichte mit Pierre Loti, welche mir die Besitzerin des Hotels erzählt hat, ebenso unrichtig ist wie jene mit dem steinernen Pferd?

Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe.