Japaner fehlen in der europäischen Gesellschaft vollständig. Die Japaner haben ihren eigenen Stadtteil und leben dort gerade so wie in irgend einer anderen japanischen Provinzstadt. Nur haben sie durch die fortwährende Berührung mit Europäern doch schon, was ihre Trachten anbelangt, einzelne abendländische Kleidungsstücke, Hüte, Schuhe oder Regenschirme angenommen, sie haben im Verkehr mit den rücksichtslosen, häufig roh auftretenden englischen und amerikanischen Touristen viel von ihrer Höflichkeit eingebüßt, und auch die Bazare haben sich diesem, von den ansässigen Europäern nicht mit Unrecht gehaßten Globetrotterverkehr angepaßt. Wohl sind die Kaufläden ungemein zahlreich, aber sie enthalten doch nur auf den Globetrottergeschmack berechnete Artikel, und feine, altjapanische Kunstsachen oder Antiquitäten wird man nur selten finden. Dennoch gehören die beiden Hauptstraßen des japanischen Stadtteiles, Benten-dori und Hondscho-dori, zu den belebtesten und sehenswertesten von ganz Japan. Die berühmte Isezakicho, die breiteste und belebteste Straße Yokohamas mit ihren fünf großen Theatern, ihren Schießbuden, Akrobaten und Märchenerzählern, mit ihren feinen japanischen Restaurants und Theehäusern, ein beliebter origineller Spaziergang für die Fremden und wohlbekannt bei den Einheimischen, ist im Sommer 1899 einem verheerenden Brande zum Opfer gefallen. Die schönen großen Bazare sind bis auf den Grund zerstört, weit schweifte der Blick auf dem öden Trümmerfeld vom Bahnhof bis zur griechischen Kirche, wo wenige Stunden vorher hohe Häuser standen und viele Tausende von Menschen ihr Heim besaßen. Verbrannt sind auch die Hauptpolizeistation, die große Yoshidaschule, die Musaschibank, Backsteinbauten, die der Gluthitze keinen Widerstand zu leisten vermochten.
Von den anderen Häusern sind, da sie nur aus Holz gebaut waren, der steinerne Kochherd und die Dachziegel übrig geblieben. Auf jedem Platze, wo ein Haus gestanden, wird bei einem Brande gewöhnlich von der Polizei eine Tafel mit dem Namen des Besitzers angebracht, damit derselbe im Schutte nach Gegenständen suchen kann, die die Hitze überdauert haben sollten. Binnen wenigen Stunden wurden 3300 Häuser vom Feuer verzehrt, viele Menschenleben sind verloren gegangen, und der materielle Schaden erreichte viele Millionen.
Glücklicherweise sind wenigstens die anderen Stadtteile Yokohamas, welche ebenfalls bedroht waren, verschont geblieben. Das japanische Yokohama wird von den Europäern eher unterschätzt, denn obschon ich fast alle größeren Städte des Mikadoreiches besucht habe, fand ich in Yokohama doch sehr Sehenswertes, vor allem in der stets belebten Theaterstraße mit ihren unzähligen Schaubuden, Theehäusern, Theatern, Vergnügungen der verschiedensten Art. Dazu ist die Umgebung Yokohamas von fast paradiesischer Schönheit; auf viele Meilen in der Runde gleicht die Landschaft einem wohlgepflegten Herrschaftsgarten mit den entzückendsten Tempelchen und Tempelhainen, mit reizenden, ungemein reinlichen Dörfchen, in denen die Bevölkerung auch noch in paradiesischer Einfachheit lebt; Kamakura mit seiner berühmten kolossalen Bronzestatue des Buddha und seinen alten Tempeln, Enoshima mit seinen Seebädern, Atami mit seinem heißen Hochsee und weiterhin die Gebirgsregion von Hakone mit dem gleichnamigen See und dem fashionabelsten Bade- und Sommeraufenthaltsort der Europäer in Ostasien, Myanoshita. Wie man sieht, leben die Handvoll abendländischer Pioniere im fernen Japan ganz behaglich und entbehren nur wenig von den Genüssen und Annehmlichkeiten unserer europäischen Städte; sie haben sogar ihre eigenen Zeitungen. In diesem Oertchen, das an Einwohnern nicht mehr besitzt als irgend eines unserer größern Dörfer, erscheinen nicht weniger als vier Tagesblätter, durchwegs in englischer Sprache. Obschon die Deutschen an Zahl den Engländern und Amerikanern zunächst stehen, haben sie bis jetzt doch noch keine eigene Zeitung, dafür besteht eine englische Wochenschrift, die Eastern World, welche, von einem Deutschen, Herrn Schröder, herausgegeben, die deutschen Interessen in Japan geschickt und kraftvoll vertritt, zuweilen auch deutsche Aufsätze bringt. Wie die vier englischen Tagesblätter bei einer Auflage von sechzig bis einigen hundert Exemplaren bestehen können, dürfte den meisten Zeitungsleuten Europas wohl ein Rätsel sein, vielleicht ist es auch ihren eigenen Redakteuren ein Rätsel. Dabei sind diese Blätter ganz vortrefflich geschrieben und gedruckt und enthalten täglich die wichtigsten telegraphischen Nachrichten aus Europa. Heute untersteht die europäische Einwohnerschaft leider der japanischen Verwaltung und bildet nicht mehr eine jener eigenartigen Republiken, deren Häupter sich aus den Konsuln und angesehenen Kaufleuten zusammensetzen, wie die chinesischen Vertragshäfen. Die stolzen englischen Kaufherren, die deutschen Reserveoffiziere, die anmaßenden Yankees, dazu die den vornehmsten Ständen angehörigen Touristen aller Herren Länder, ob Minister oder General, sind heute den kleinen schlitzäugigen häßlichen Japanern unterworfen, und leider beuten diese ihre souveräne Stellung, welche ihnen in, man kann wohl sagen, unbesonnener Weise, gewährt worden ist, zum Nachteil der Europäer aus. Die Gerichtspflege läßt sehr viel zu wünschen übrig, und die Klagen über erlittenes Unrecht werden immer zahlreicher. Wieder war es England, das, um seinen gewinnsüchtigen Kaufleuten Handelsvorteile zu sichern, seinen kaukasischen Rassenstolz vor der gelben Rasse gebeugt hat. Auch bezüglich des Zoll- und Postwesens enthalten die Zeitungen seit Jahren fortwährende Klagen über die Unzuverlässigkeit der japanischen Merkure. Selbst die offizielle Regierungszeitung, die Japan Mail, hat sich diesen Klagen angeschlossen.
Im Tempelhain von Asakusa. (Winterbild.)
Die Hauptstadt des Mikadoreiches.
Japan wird gerne das England oder Frankreich von Asien genannt, aber seine Hauptstadt Tokio ist nicht das Paris von Asien. Unter den zahlreichen Reisenden, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches in den seit ihrer Eröffnung vergangenen vier Jahrzehnten besucht haben, dürfte es nur recht wenige geben, die von dieser frühern Residenzstadt der Schogune und jetzigen Kaiserstadt nicht sehr enttäuscht gewesen sind. Tokio ist wohl in Bezug auf seine Ausdehnung und Bevölkerungszahl mit Paris zu vergleichen; aber seiner Einförmigkeit nach ist es ein asiatisches Philadelphia, seiner Unfertigkeit nach ein asiatisches Chicago, vielleicht die häßlichste und ärmlichste aller Millionenstädte des Erdballs. Man kommt gewöhnlich mit großen Erwartungen nach Tokio, das als der vornehmste Sitz des europäischen Wissens und der europäischen Kultur in Asien gilt. Bis zu einem gewissen Grade ist das auch richtig, allein nehme man die paar Dutzend europäischer Monumentalbauten und Villen fort, welche innerhalb der letzten zehn Jahre hier an den Ufern des Sumidagawa entstanden sind, so bleibt von dem vielgerühmten Tokio, der Hauptstadt des Ostens, nicht viel mehr übrig als ein ungeheures Dorf. Vergeblich sucht man hier irgend welche der glänzenden, fremdartigen Prachtbauten, wie sie die alten Großstädte Indiens oder die Hauptstädte von Persien, Aegypten, Siam, Birma, selbst einzelne chinesische in so großer Zahl besitzen. Tokio ist nicht einmal die schönste und interessanteste Stadt des eigenen Landes. Was die Lage und Umgebung anbelangt, habe ich Nagasaki viel malerischer gefunden, die frühere Hauptstadt des Mikadoreiches, Kioto, viel interessanter; Kioto besitzt auch großartigere japanische Paläste, Nikko schönere Tempel, Nagoya schönere Straßen, Osaka mehr Leben und Industrie. Tokio ist nur die volkreichste der japanischen Städte, dazu die besuchteste und bekannteste, die Residenz des Kaisers, der Sitz der Regierung. In seiner Anlage und Bauart aber wirkt es sehr ernüchternd. Es ist keine japanische Stadt mehr und noch nicht eine europäische, in einem keineswegs malerischen Uebergangsstadium begriffen, das, wenn einmal vorüber, aus dem einstigen urjapanischen Sitz der Schogune eine alltägliche Stadt geschaffen haben wird, wie etwa Minneapolis oder Omaha oder sonst eine Stadt des amerikanischen Westens. Allerdings nur dem äußern Rahmen nach, denn glücklicherweise steckt in dem japanischen Volke ein gesunder Sinn, der sich der von oben kommenden Europäisierung mit Erfolg widersetzt. Gerade dieses harte Aufeinanderprallen der beiden einander so fremden Kulturen, der europäischen und japanischen, macht Tokio augenblicklich interessant und sehenswert. Welche von diesen Kulturen die Oberhand gewinnen wird? Vorläufig ist es nicht zu sagen. Der Druck von oben ist stark; die Regierung arbeitet mit den ihr zu Gebote stehenden, bedeutenden Mitteln; die Großen und Reichen des Landes folgen ihr zum Teil aus Klugheit, zum Teil aus Neigung oder Ueberzeugung. Aber auf das Leben und Treiben des Volkes haben sie glücklicherweise noch keinen maßgebenden Einfluß gewonnen, die Japaner sind im großen und ganzen in der Provinz wie in der Hauptstadt, was Sitten und Trachten anbelangt, dieselben geblieben, wie sie vor der Europamanie der Regierung gewesen sind, und so zeigt denn Tokio als einzige Stadt des Mikadoreiches japanisches Leben im europäischen Rahmen, heute und wohl auch noch für viele Jahre hinaus. Tokio liegt an der Mündung des Sumidagawa, die weite, seichte Bucht von Yeddo und seine sumpfigen Ufer gestatten aber den großen Seeschiffen die Annäherung nicht. Der Seehafen von Tokio ist das einige Kilometer weiter südlich gelegene Yokohama, mit dem es eine Eisenbahn nach europäischem Muster verbindet. Von dem Sumidagawa führt ein breiter Kanal in das Hügelland, auf welchem das Häusermeer von Tokio sich befindet, und windet sich in zwei nahezu vollständigen Spiralen um den Stadtmittelpunkt. Die innere Spirale umschließt die Paläste und Gärten der kaiserlichen Residenz, die äußere jene Stadtviertel, in denen sich die hauptsächlichsten Regierungsgebäude, Gesandtschaften, Paläste und Villen der vornehmen Welt befinden, und jenseits dieser äußern Spirale, mit dem Sumidagawa und der Meeresbucht durch zahlreiche Kanäle verbunden, dehnen sich die großen, ärmlichen Dörfer aus, die allmählich miteinander verschmolzen und in das Weichbild von Tokio einbezogen wurden. Die Japaner bauten sich diese Dörfer und Wohnsitze in den weiten Thälern, die sich zwischen dem Kranz der das einstige Yeddo umgebenden Hügel befinden; die letzteren selbst blieben größtenteils von der Ueberbauung verschont und tragen heute noch den alten, herrlichen Waldschmuck. Sie bilden die Parke und Tempelhaine, den Stolz und die schönste Zierde von Tokio. Wenn der alte Hodscho Udschitsuma, der im Jahre 1524 hier auf dem sumpfigen Boden zwischen den vereinzelten, kleinen Dörfern eine Festung angelegt hat, etwa noch einmal zum Leben käme, wie würde er sich wundern, rings um diese Festung eine der größten Städte des Erdballs zu sehen, noch mehr aber darüber, daß an derselben Stelle, wo einst sein Wohnhaus stand, heute der Mikado selbst residiert! Die Macht und der Besitz der Hodschos wurde durch den ersten Schogun Jjejassu gebrochen, der die kleine Festung Yeddo im Jahre 1598 zu seiner Residenz machte. Aber auch das hätte Yeddo nicht zu so großem Wachstum und solcher Blüte verholfen, wenn die Schogune nicht die Feudalfürsten des Landes verpflichtet hätten, in ihrer unmittelbaren Umgebung einen Teil des Jahres zuzubringen. Uneinig untereinander, zu schwach, um der Macht der Schogune aus dem reichen Hause der Tokogawa zu widerstehen, mußten diese Daimios rings um die befestigte Residenz der Schogune eigene Wohnsitze für sich und ihr Gefolge bauen, und so entstanden zwischen dem innern und äußern Festungskanal die Jaschiki von über dreihundert Daimios. Jeder dieser Daimios zog jährlich mit einer Gefolgschaft von zahlreichen Samurai, mitunter mehreren Tausenden, über die Hauptstraße des Reiches, den Tokeido, nach Yeddo, ein Herold schritt diesen prunkvollen Zügen voran und rief dem Volke, mit dem Fächer winkend, die Worte zu: „Schita-ni-Oru”, „nieder auf die Knie!” In der Residenzstadt der Schogune angelangt, bezogen sie mit ihren Familien und stattlichen Heerscharen die Jaschiki, und sollten sie auf Geheiß der Schogune in den Krieg ziehen, so mußten sie dem Schogun als Geisel ihre Familien zurücklassen.