Das erste Gymnasium zu Tokio.

Theehaus in Tokio.

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GRÖSSERES BILD]

Diese Ansammlung des gesamten Adels des Landes in Yeddo ließ die Stadt immer größer und volkreicher werden, und als endlich nach blutigen Kämpfen die Macht der Schogune gebrochen und Yeddo unter dem Namen Tokio zur kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt proklamiert wurde, nahm sie einen noch viel größeren Aufschwung, der noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hat. Aber dies geschah auf Kosten des malerischen Reizes des alten Yeddo, von dem heute nur wenig mehr übrig ist. Zwei Jahrzehnte haben genügt, es von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Wer heute von Yokohama mit der Eisenbahn nach Tokio reist, der trifft nach etwa einstündiger Fahrt auf einem modernen, europäischen Bahnhofe ein, wie etwa in Leipzig, nur daß an Stelle der Droschken lange Reihen von Rickshaws, von japanischen Kulis gezogene Handwägelchen, die Reisenden erwarten. Auch diese Rickshaws sind bereits europäisiert. Die Kulis tragen blaue Jacken, enganliegende Beinkleider und runde Hüte, die Rickshaws selbst zeigen Nummern wie unsere Droschken. Ein Portier in europäischer Uniform besorgt das Gepäck. Man rollt durch breite Straßen, in denen sich Geschäfte mit europäischen Firmentafeln und europäischen Waren befinden, und gelangt endlich zu einem von einem Garten umgebenen europäischen Hotel, dem Imperial, auf japanisch Taikoku Hoteru genannt, das ebensogut in Wiesbaden oder Trouville stehen könnte und dort erst recht die eleganteste und modernste aller Fremdenkarawansereien sein würde. Sogar die freundlichen, hübschen, kleinen Nesans, die in Japan allgemein die Hotelbedienung besorgen, sind der modernen Kultur geopfert worden, und an ihre Stelle sind Kellner getreten. Man schläft in vollständig europäischen Zimmern mit elektrischer Beleuchtung, speist in einem glänzenden Speisesaal nach europäischer Küche und zahlt für Wohnung und Beköstigung, alles einbegriffen, zwölf bis sechzehn Mark für den Tag. Von den Fenstern dieses vornehmsten Hotels nicht nur von Tokio, sondern von ganz Japan, sieht man auch nicht viel mehr, als man etwa in dem Auditorium Hotel in Chicago sehen würde, weite unbebaute Flächen mit einem Dutzend großer, drei- bis vierstöckiger Paläste darüber verstreut, einsame Straßenanlagen, die noch der Häuser harren, und lange Reihen hoher Telegraphenstangen, über die Hunderte von Drähten gespannt sind. Ich zählte deren an manchen Stellen gegen fünfhundert. Selbst auf einer ersten Rundfahrt, die gewöhnlich den Kaiserpalast und die Gesandtschaftsgebäude zum Ziele hat, wird man vergeblich japanisches Wesen, japanische Eigenart suchen. Die breiten, wohlgehaltenen Straßen sind mit Gaslaternen versehen, hie und da gewahrt man eine europäische Villa, von einem Gärtchen umgeben, die Wohnung irgend eines japanischen Prinzen oder irgend eines ausländischen Gesandten; an den Straßenecken stehen kleine, höfliche Polizisten in europäischen Uniformen, möglicherweise mit Brillen auf der Nase; die Menschen, denen man begegnet, tragen zum großen Teil ähnliche Kleider wie wir, die Wagen, Equipagen, das Militär, alles wie in Europa. Die Brücken über die Kanäle und Wallgräben könnten ebensogut über die Spree führen, und als ich bei einer späteren Gelegenheit zur Vorstellung beim Mikado in den Kaiserpalast kam, fand ich auch dort einzelne europäisch eingerichtete Räume, wie in irgend einem Herrscherpalast der Alten Welt. In der Nähe meines Hotels befand sich ein Klub, der Rokumei-Kwan, ähnlich eingerichtet wie St. James oder Grosvenor, mit Billard-, Lese- und Spielsälen, in denen japanische Herrchen in eleganten Pariser Kleidern französisch parlierten oder ihre Whistpartie spielten. Nur eins gemahnt den europäischen Spaziergänger hier daran, daß er sich auf demselben Boden befindet, wo früher die Schogune geherrscht und die Daimios gewohnt haben: die geradezu kyklopischen Festungsmauern, welche die Residenz des Kaisers umgeben. Gewaltigere Bollwerke haben wenige Festungen der Erde aufzuweisen. Dreißig bis vierzig Meter hoch und etwas konkav nach innen gebogen, werden diese Mauern aus lose aufeinandergelegten ungeheuren Quadern gebildet, so groß, daß man sich wundern muß, wie die kleinen japanischen Männlein im stande waren, sie ohne irgend welche Maschine oder unsere modernen europäischen Hilfsmittel in solcher Massenhaftigkeit aufeinander zu türmen. Diese Mauern entlang zieht sich ein fünfzig bis sechzig Meter breiter und stellenweise ebensotiefer Wallgraben hin, an dessen Herstellung Hunderttausende von Menschen jahrelang beschäftigt gewesen sein müssen. Der Wasserspiegel in den Gräben ist zur Sommerszeit mit blühenden Lotospflanzen bedeckt, und auf den Wällen darüber erheben sich ungeheure alte Pinien in phantastischen Formen, mit langen, bis an den Erdboden reichenden Aesten. Während meines Aufenthaltes in Tokio waren diese so malerisch beschatteten Wälle mein liebster Spaziergang. Selten begegnete ich dort einem Menschen, selten sah ich auch in den Straßen jenseits irgend welchen Verkehr, mit Ausnahme eines Nachmittags, als man die Leiche des verstorbenen englischen Gesandten unter großem Pomp und stattlicher Militärbegleitung zu Grabe trug.

Das Universitätsgericht.

Das Gebäude der juristischen und philosophischen Fakultät in Tokio.

Ist das wirklich die Stadt, die vor dreißig Jahren in den Werken von Sir Rutherford Alcock und Lawrence Oliphant so malerisch geschildert wurde? Tokio ist ihnen dann weit vorangeeilt, und was vor dreißig, nein, vor zehn Jahren darüber geschrieben wurde, ist heute nicht mehr richtig. Wo sind die Scenen, welche Alcock folgendermaßen beschreibt: