Japanerinnen beim Thee.

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GRÖSSERES BILD]

Wie Paris und Wien, so hat auch Tokio seine gesellschaftliche Wintersaison, die gewöhnlich vom Oktober bis Mai, d. h. bis zum Eintritt der heißen Jahreszeit dauert, und während dieser Saison geht der soziale Eiertanz noch viel peinlicher und zeremoniöser vor sich als in den großen Residenzen Europas. Staats-, Diners- und sonstige Visiten müssen genau innerhalb einer gewissen Zeit gemacht werden, und der Europäer, der eine Wintersaison in der Gesellschaft von Tokio zubringt, kommt vor Visitenkartenabgabe kaum zum Atemholen. Und fügen muß er sich, will er nicht aus den Gesellschaftslisten gestrichen werden. Sogar das Tanzen nach europäischer Mode hat die junge Welt Japans schon erlernt, und auf den zahlreichen Bällen bei den Ministern, Hofwürdenträgern und Gesandten tanzen die schlitzäugigen Komtessen und Baronessen mit einer Präzision, gehen durch die Figuren der Quadrille und der Lanciers mit einer Kenntnis der Details wie alte pommersche Grenadiere auf dem Exerzierplatz. Wehe dem Europäer, der da irgend einen falschen Schritt macht! Er wird nicht durch Scherze oder huldvolles Lächeln, sondern im Gegenteil, durch tiefen Ernst zurechtgewiesen und könnte vor Scham über die Kenntnis seiner Tänzerinnen unter den Parkettboden versinken. In den Tänzen auf japanischen Bällen wird der Europäer zumeist nur militärischen Drill finden, und es ist kaum anzunehmen, daß die japanischen Damen besonderen Gefallen daran haben. Aber es ist eben europäische Sitte, und ihr muß gefolgt werden. Die Festlichkeiten am Kaiserhofe beschränken sich auf einige Staatsbankette an besonderen Festtagen und auf zwei Garden parties, bei welchen die Majestäten zu erscheinen pflegen. Dagegen giebt der Premierminister gewöhnlich am Vorabend des kaiserlichen Geburtsfestes einen Staatsball, und ihm folgt kurze Zeit darauf der Gouverneur von Tokio mit einem zweiten. Auch in den Gesandtschaften der europäischen Großmächte finden zahlreiche Festlichkeiten, Soirées dansantes, Diners und Garden parties statt, dann bei den Prinzen und Mitgliedern der hohen Aristokratie. Nur mit musikalischen Unterhaltungen war es bisher sehr schlecht bestellt. Neben diesen europäischen Kreisen giebt es in Tokio jedoch immer noch altjapanische Kreise, ja dieselben nehmen in der letzten Zeit eher zu als ab. Sie stellen sich die Erhaltung ererbter Sitten und Gebräuche zur Aufgabe, pflegen die alte Musik und das alte Theater und stellen sich auch in der Kleiderreform auf die Seite der feudalen Trachten. Die glänzenden, goldstrotzenden und gestickten Daimiokostüme sowie die Waffen haben sie wohl abgelegt, aber der nationale Kimono und der Obi sind in diesen Kreisen des legitimistischen Adels alleinherrschend. Daß sie diesem Adel angehören, lernt der Europäer schon nach kurzem Aufenthalte erkennen, denn die Japaner beiderlei Geschlechts tragen auf den Kimonos ihr Familienwappen aufgestickt. Gewöhnlich sieht man rückwärts auf dem Kragen, dann auf beiden Aermeln und auf der Brust weiße Kreise in der Größe unserer Damenuhren und innerhalb dieser Kreise weißgestickte Figuren, Blätter und Blüten verschiedener Pflanzen, Schmetterlinge, Vögel. Dies sind die alten Daimiowappen, an ihnen erkennt man die Angehörigen der Tokugawa, der Satsuma, Fujiwara und anderer großer Familien. Selbst die Samurai tragen derartige Wappen als das einzige, was die europäische Kultur von dem alten Japan noch nicht weggeschwemmt hat. In mancher Hinsicht ist dies bedauerlich. Eine Verbindung der altjapanischen mit der modernen europäischen Kultur wäre gewiß zweckentsprechender gewesen und hätte auch bei den Japanern selbst größeren Beifall gefunden.

Das Wappen der Schogune
der Familie Tokugawa.

Spielen mit Sand-, Papier- und Seidenformen.

Die Japanerin.