Das Studium der Frauen (und welches Studium wäre interessanter?) fällt dem Reisenden in Japan viel weniger schwer als in den meisten anderen Ländern des Orients. In der Heimat des Islam werden die Frauen verborgen und streng gehütet, so daß kein fremdes Männerauge sie erblicken kann; in Indien stecken sie in ihren Zenanas, in China hausen jene der besseren Klassen hinter den hohen Umfassungsmauern ihrer weitläufigen Familienwohnungen, in Korea bedecken sie bei der Annäherung eines fremden Mannes die Gesichter oder fliehen. Der Reisende kann also dort gewöhnlich nur die eine, die männliche Hälfte der Bevölkerung in ihrem Thun und Lassen genauer kennen lernen. Anders in Japan. Den Bewohnern des großen asiatischen Inselreiches sind Harems oder Zenanas unbekannt, und die Frauen werden in der Freiheit ihrer Bewegung viel weniger beschränkt. Keine Kopftücher oder Schleier verhüllen ihre Gesichter, ja statt des Verbergens ihrer reizenden, liebenswürdigen Persönlichkeit findet oft das gerade Gegenteil statt, eher ein Zuviel als ein Zuwenig. Die Sprache ist bei weitem nicht so schwierig als jene anderer Völker, und auch in Bezug auf den Verkehr mit den Ausländern werden ihnen ebensowenig Beschränkungen auferlegt als wie mit ihren eigenen Landsleuten des starken Geschlechts. Selbst für denjenigen, der sich nicht die Mühe giebt, die klangvolle, sympathische Sprache der Japaner zu studieren, offenbart sich das Frauenleben bis in viele seiner interessantesten Einzelheiten. Nicht etwa deshalb, weil sich die Japaner in Bezug auf ihre Frauen, oder gar diese selbst, großer Mitteilsamkeit befleißigten. Im Gegenteil. Sie sind darin gerade so schweigsam wie andere orientalische Völker, aber dafür tritt das Familienleben in Japan in vieler Hinsicht ganz offen zu Tage. Im Straßenleben, bei Festlichkeiten, in Theehäusern und Theatern, in Hotels, auf Reisen spielen die Frauen eine fast ebensogroße Rolle wie die Männer, und wer Japan im Sommer besucht, dem gewähren die tagsüber offenen Häuser mit ihren Gärtchen und Höfen einen tiefen Einblick in das häusliche Leben. Die Japaner thun gut daran, denn gerade ihre Frauen verleihen diesem herrlichen Lande den größten Reiz. Gewiß wird jeder Reisende, der einige Monate in Japan verweilt hat, von den Frauen schwärmen, sein Entzücken steigert sich, je länger er dort verweilt.

Eine Reihe von liebenswürdigen Bildern der Erinnerung zieht vor meinen Augen vorüber, während ich diese Zeilen schreibe. Vornehme Damen mit langen schmalen Gesichtern und schwarzen schönen Augen, angethan mit den kostbarsten Seidengewändern, gefolgt von kleinen bescheidenen Dienerinnen; festlich geputzte Mädchen in farbenreichen, blumengestickten Kimonos, den bunten Sonnenschirm in der einen, den einem Schmetterling gleichenden Fächer in der anderen Hand, die Gesichter weiß gepudert, die schwarzen Augen munter und kokett in die Welt blickend, ein ewiges Lächeln um ihre rot geschminkten Lippen; fleißige Frauen in dunkelblauen Schlafröcken beim Kochen, Nähen und Waschen; auf den Feldern andere, die mit hochgeschürztem Kleid bis über die Knie im Schlamm stehend und im höchsten Sonnenbrand sorgsam ein Reispflänzlein um das andere pflanzen, stundenlang ohne Unterlaß; reizende junge Mädchen mit vollen blühenden Gesichtern und üppigen Formen, die, in enge Röckchen und Hosen gekleidet, rittlings auf schwer bepackten Pferden sitzen und sie geschickt über gefahrvolle Bergpfade lenken, die zierlichste Kavallerie, die man sich denken kann; freundliche aufmerksame Dienerinnen in den Hotels, die sich bei meinem Kommen und Gehen ehrfurchtsvoll auf den Boden werfen und ihn mit ihren weißen Stirnen berühren; Damen, kleine Tabakspfeifchen im Munde, in Theaterlogen auf ihren Fersen hockend, Aug’ und Ohr für die grotesken Vorgänge auf der Bühne; einschmeichelnde, putzige, hübsche Wesen, die mir in den Theehäusern die winzigen Schälchen mit Thee und Sake kredenzen und dann mit Samisenspiel und anmutigem Tanz die Zeit vertreiben: Frauen überall, daß man darüber fast die Männer vergessen könnte. Nirgends in Asien erscheinen sie so sehr als die bessere Hälfte wie hier, aber nirgends wird dies auch von den Männern so wenig gewürdigt. Und doch sind sie zeitlebens bestrebt, nur den Männern zu dienen, ihnen zu gefallen, das Leben zu erleichtern und zu verschönern, willig sich selbst dabei aufopfernd. Hier sind die lieblichsten Babies, die muntersten Kinder, die zärtlichsten Töchter, die liebendsten Frauen, die besten Mütter, die man in Ostasien vielleicht finden kann.

Japanerinnen bei der Begrüßung.

Es ist die verkehrte Welt. In Europa würde man derartige Frauen auf den Händen tragen, sie verzärteln und lieben, und hier in ihrer Heimat werden sie von der männlichen Welt mit Geringschätzung als untergeordnete Wesen behandelt, und ihre Aufopferung wird als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen. Niemals gab es in Japan einen Werther, einen Toggenburg, einen Romeo, niemals hat ein Japaner einer schönen Frau zuliebe ritterliche Thaten begangen, ein Turnier ausgefochten oder gar sein Leben eingebüßt. Schillers Lied vom „Handschuh” muß dem Japaner einfach lächerlich erscheinen. In Japan giebt es keinen Ritter Delorges, und das edle Fräulein Kunigunde hätte sich wohl selbst hinabbemühen müssen unter die Löwen und Leoparden, um ihren Handschuh zu holen. Entfällt einem Japaner Fächer oder Pfeife, so wird sich seine Frau eifrig bücken, um den Gegenstand vom Boden aufzuheben. Nicht den Damen wird der Vortritt gelassen, sondern den Männern; Place aux Messieurs ist dort die Parole.

Allerdings wird der Frau von den überaus zuvorkommenden und höflichen Japanern ein gewisser Grad von Höflichkeit gezeigt; die Tochter des Hauses wird von ihrer eigenen Familie O Jo Sama, d. h. junge Dame, genannt, und spricht man von der Hausfrau, so wird ihrem Namen stets O, d. h. ehrenwerte, vorgesetzt. Das will aber nicht viel sagen, denn auch die Kulis werden mit ehrenwert angesprochen. In seinem Buche über Japan erzählt Dr. Kleist, sein europäischer Nachbar habe einen Hund besessen, der auf den nicht ungewöhnlichen Namen Meyer hörte. Riefen ihn die japanischen Diener, so setzten sie jedesmal O vor, also etwa „ehrenwerter Herr Meyer!”

Hat die japanische Frau ihre demütigende Stellung vielleicht selbst verschuldet? Betrachten wir sie näher. Ein ungemein zierliches, reizvolles Wesen von kleiner Gestalt, mit winzigen Händen und Füßen und sorgfältig frisiertem, rabenschwarzem Haar, ihre Augen sind die einer Madonna, ihr Herz das eines Kindes; ihr Lächeln, als würde sie ewig ihren Geliebten vor Augen haben, ihr Benehmen unsagbar einnehmend und höflich; ihr Gesicht nach europäischen Begriffen entschieden hübsch. Die Hautfarbe ist jene der Andalusierin, soweit man die Hautfarbe bei den Damen beider Rassen unter der dicken Puderschicht überhaupt entdecken kann. Sie spricht mit sympathischer, leiser, einschmeichelnder Stimme, und aus ihrem Alter macht sie kein Geheimnis. Im Munde sitzen kleine, regelmäßige weiße Zähne, die sie nach der Verheiratung schwarz färbt, damit sie keinem Manne mehr gefalle. Vergebliches Bemühen, denn bei geschlossenem Munde ist sie gerade so hübsch. Und die Japanerinnen können den Mund geschlossen halten. Sie wissen, daß die Geschwätzigkeit eine der sieben Ursachen der Ehescheidung bildet. Das ganze Persönchen steckt in einem an den Hüften zusammengebundenen Schlafrock von verschiedenen Farben. Setzt sich die Japanerin, so kniet sie zuvor nieder und legt ihren Körper auf ihre Fersen zurück. Liegt sie, so dient ein Holzklotz als ihr Nackenkissen, damit ihre sorgfältige Frisur nicht zu Schaden komme; geht sie, so thut sie das mit einwärts gewandten Füßen, wie die Enten, und neigt den Körper vor, als müsse sie bei jedem Schritt vornüberfallen. Begegnen ihr Bekannte, so verneigt sie sich mehrere Male zeremoniös zur Erde, als wären es lauter Könige, und ihr ganzer gesellschaftlicher Verkehr wird durch die strengste Etikette geregelt; sie trinkt nicht, spielt wenig, dafür raucht sie gerne bei jeder Gelegenheit ihr Pfeifchen, das sie immer nebst Tabaksbeutel und Zündhölzchen in den Aermelsäcken ihres schlafrockartigen Kimono trägt. Reinlichkeit ist eine ihrer schönsten Tugenden; um ihr zu frönen, opfert sie gerne eine andere Tugend, die Schamhaftigkeit. Sie nimmt täglich ein oder mehrere Bäder in oder außer dem Hause, allein oder in Gesellschaft, und zeigt dabei in ihrer naiven Unschuld aller Welt, wie sie gewachsen ist. Sie ist aber entsetzt über die tief ausgeschnittenen Ballkleider unserer Damen. Nur keine verführerischen Halbheiten! Entweder sie ist ganz bekleidet, oder, wo es die Umstände erfordern, wirft sie den Kimono ab und kleidet sich nur in ihren natürlichen Liebreiz, der ihr aber lange nicht so gut steht wie der Kimono. Auch in der heißen Jahreszeit, in ihrem Hause oder bei der Arbeit im Freien, befreit sie häufig ihren Oberkörper von aller Gewandung.

Besonders anregende Unterhaltung, geistige Genüsse, kann man von ihr nicht erwarten, denn sie lernt in ihrer Jugend wohl Singen, Tanzen, Samisen (die japanische Guitarre) spielen, sie lernt notdürftig lesen und schreiben und das Hauswesen führen. Dafür versüßt sie den Männern das Leben durch ihren Liebreiz, ihre Engelsgeduld, ihre Sanftmut und Unterwürfigkeit. Sie versteht es vortrefflich, einen Blumenstrauß in künstlerischer Weise zu binden und ihrem Gatten die Kleider zu flicken. Sie zieht ihre Kinder groß, liebt und verzärtelt sie und verbringt ihr eigenes Leben in Arbeit und Enttäuschungen. Ihre glücklichste Zeit ist ihre Kindheit. Einmal verheiratet, kann sie einen dicken Strich durch ihren Kalender machen. Mit vierzehn, sechzehn Jahren beginnt ihr Ehejoch, das sie schwer durchs ganze Leben trägt.