Im Familienzimmer.
Der Schlüssel zu ihrem ganzen Charakter ist Unterwürfigkeit, Gehorsam. Als Mädchen schuldet sie diesen dem Vater, als Gattin dem Manne, als Witwe ihrem ältesten Sohne. Was immer ihr befohlen wird, hat sie auszuführen, und sie wird einen ihr unsympathischen Gatten nehmen, ohne zu murren. Zieht sie als Hausfrau in die Wohnung ihres Gatten, so ist es nicht, um an seiner Seite dem Hause vorzustehen. Sind ihre Schwiegereltern am Leben, so wird sie sofort deren Dienerin, und selbst ihr eigener Gatte wird sie gegen die Nergeleien ihrer Schwiegermutter nicht schützen können. Alice Bacon ruft in ihrem hübschen Buche über die japanischen Frauen mit Recht aus: „Glücklich die Frau, deren Schwiegereltern nicht mehr am Leben sind!” Das Unglück ihres Gatten gereicht ihr zum Vorteil, denn statt zwei Herren hat sie dann nur einem zu dienen.
Allerdings liegt ihr dann allein die Leitung des ganzen Hauswesens ob, aber nicht als die ebenbürtige Gattin des Mannes, sondern als seine erste Dienerin. Sie erscheint im öffentlichen Leben selten an seiner Seite; auch zu Hause sitzt sie nicht an seinem Tische. Er nimmt die Mahlzeiten allein ein, sie hat ihn dabei zu bedienen. Seine Wünsche sind ihre Befehle, die sie willig und freundlich ausführen muß. Sie muß nicht nur seine Kleider nähen und waschen, sie muß ihm selbst beim An- und Auskleiden behilflich sein; ja häufig setzt sie sogar einen gewissen Stolz darauf, mit eigener Hand Dienste zu leisten, welche sonst der Dienerschaft obliegen. Selbst die Kaiserin ist von diesen Pflichten des persönlichen Dienstes nicht befreit, sondern muß den Kaiser, ihren Gatten, auf verschiedene Weise bedienen.
Wie strenge es mit ihren Pflichten genommen wird, geht aus einem weit verbreiteten Werke des japanischen Moralisten Kaibara hervor. Darin heißt es: „Niemals darf die junge Frau sich gegen die Befehle ihrer Schwiegereltern auflehnen; in jedem Punkte muß sie dieselben befragen und ihnen gehorchen; selbst wenn sie von diesen gehaßt oder beschimpft würde, hat sie zu schweigen. Sie darf nicht selbstsüchtig zuerst an ihre Eltern denken. Jenen ihres Gatten, dann ihren Schwägern und Schwägerinnen gebührt zunächst ihre Achtung, denn die letzteren sind die Geschwister ihres Gatten. Eine Frau soll zu ihrem Gatten emporsehen, als wäre er der Himmel selbst, und niemals soll sie ermüden, ihrem Gatten in allen Dingen zu folgen, um so der himmlischen Züchtigung zu entgehen. Möge sie niemals von Eifersucht auch nur träumen; sie kann sich dadurch ihren Gatten nur noch mehr entfremden und sich in seinen Augen unerträglich machen. Am Morgen muß sie früh aufstehen, am Abend spät zu Bett gehen. Statt in der Muße des Tages zu schlafen, soll sie ihre Haushaltung besorgen und nimmer müde werden zu weben, zu nähen und zu spinnen. Sie darf nicht zu viel Thee und Wein trinken, noch zu vielen Vergnügungen nachgehen. Sie darf sich durch Medien oder Wahrsagerinnen nicht verleiten lassen, in unehrerbietige Vertraulichkeit mit den Göttern zu verfallen, und soll nicht fortwährend mit Beten beschäftigt sein. Wenn sie ihre Pflichten als ein menschliches Wesen zufriedenstellend erfüllt, braucht sie überhaupt nicht zu beten und wird sich doch des göttlichen Schutzes erfreuen. Väter”, so endet Kaibara seine Ausführungen, „lehrt eure Töchter diese Maximen schon von ihrer frühesten Kindheit an!”
Daß diese Mahnungen von den Eltern thatsächlich befolgt werden, zeigen ihre Töchter durch ihr ganzes dornenvolles Leben, und es ist nur erstaunlich, mit welcher Anmut, welcher demutsvollen Hingebung die Frauen die größten Erniedrigungen ertragen. Sie bleiben Kinder so lange, bis sie selbst Mütter werden, und dann wenden sie ihre ganze Liebe, ihr ganzes Leben ihren eigenen Kindern zu, deren Sklaven sie sozusagen werden. Niemals verschwindet das Lächeln von ihren Lippen: ein kindliches Lächeln, solange sie unter der Mutter Obhut sind, ein naiv-fröhliches Lächeln als Mädchen, ein bitteres Lächeln als Frauen. Aber daß es in Gegenwart ihres Gatten von ihren Lippen schwinden würde? Nein. Während mehrmonatlicher Reisen in Japan habe ich viele Tausende von Frauen in allen Lebenslagen gesehen, aber niemals sah ich eine im Zorn, niemals hörte ich eine Frau laut sprechen oder schelten, niemals ein Gezänk mit Männern oder anderen Frauen. Sie wissen, daß die Männer ihre unumschränkten Herren sind und von diesen nur so lange geduldet werden, als sie ihnen gehorchen und angenehm sind. Eifersuchtsscenen, Ungehorsam, Zänkerei, Geschwätzigkeit sind hinreichende Gründe, um sie aus dem Hause zu jagen. Der geringste Anlaß kann als Scheidungsgrund gelten, und sie müssen dann unter Zurücklassung ihrer Kinder enttäuscht und unglücklich in ihr Vaterhaus zurückkehren, ohne von ihren geschiedenen Gatten auch nur den geringsten Beitrag zu ihrem ferneren Lebensunterhalt zu bekommen. Sie fallen dann wieder ihren Eltern und Brüdern zur Last, denn eigenes Vermögen besitzen Japanerinnen niemals. Nur die Söhne sind erbberechtigt, und ist kein eigener Sohn vorhanden, so wird ein fremder adoptiert. Die Frauen besitzen nichts als ihre Kleider und einige Hausgerätschaften. Erwerbszweige stehen ihnen keine offen; was bleibt ihnen also übrig als zu leiden und zu dulden?
Wenn all ihre Mühen und Plagen für ihre Gatten von diesen nur durch Liebe und Zärtlichkeit vergolten würden! Aber ebensowenig wie von ihnen erwartet wird, daß sie den Gatten, denen sie von ihren Eltern gegeben werden, Liebe entgegenbringen, ebensowenig werden sie auch von ihren Gatten wirklich geliebt. Professor Chamberlain, der seit mehr als zwanzig Jahren in Japan weilt, gesteht in seinem Werke Things japanese, er hätte in dieser langen Zeit nur von einer einzigen Liebesheirat gehört, und dabei hatten die beiden jungen Leute ihre Erziehung auch noch in Amerika genossen. Sehr häufig kommt es allerdings vor, daß zwischen den Gatten eine gewisse Neigung herrscht, allein diese ist weit entfernt von Liebe in unserem europäischen Sinne.
Und doch erscheinen diese kleinen, herzigen, zärtlichen Wesen, die hübschesten Mädchen, die geduldigsten Frauen, die aufopferndsten Mütter wie für die Liebe geschaffen. Ist es nicht wie ein Fluch, daß der Himmel diesem intelligenten und zivilisierten Volke das herrlichste aller Gefühle, unsere Liebe, versagt hat? Sogar der Kuß ist ihnen unbekannt. Er erscheint ihnen als etwas Tierisches.
Wenn die Frauen noch wenigstens in ihrem Hause mit Gatten und den Kindern ihr Leben lang allein bleiben würden! Aber bald nach der Geburt des ersten Kindes entfremdet sich ihnen der Gatte nur zu häufig, und sie müssen es geduldig ertragen, daß er eine zweite Frau, vielleicht auch eine dritte, ins Haus nimmt, sie müssen lächeln, während er diesen seine Zärtlichkeit zuwendet, sie müssen schweigen, wenn er sie fürderhin nicht mehr beachtet. Ihr ganzes Wesen sollte sich dagegen aufbäumen, aber die Japanerin hat von frühester Jugend an dulden und leiden gelernt, und sie leidet auch nicht in dem gleichen Maße, wie unsere Frauen, eben deshalb, weil sie die wahre Liebe nicht kennt.
Frauen, Gobang (Sugoroku) spielend.
(Obi von hinten gesehen.)