Für die Jungen ist das größte Fest das Flaggenfest am fünften Tage des fünften Monats; in jeder Familie, welche Söhne besitzt, werden an diesem Tage papierne Fische von ungeheurer Größe auf Bambusstangen gebunden und diese am Hause aufgestellt. Der Wind bläst die Papierfische wie Luftballons auf, und dann sieht man über dem Häusermeer der Städte Zehntausende derartiger Fische schweben. Die Jungen aber ziehen, womöglich als Soldaten oder Samurai (Zweischwertermänner) gekleidet, bunte Flaggen in der Hand, umher und stopfen sich mit Süßigkeiten voll. Große Freudentage sind es jedesmal, wenn die Eltern ihre Kinder mit in das Theater nehmen, Freudentage im wahren Sinne des Wortes, denn die Familien pflegen morgens ins Theater zu gehen und es erst spät abends zu verlassen. Die Kinder hören andächtig den geschichtlichen Darstellungen zu, und was daran häßlich und gemein ist, thut ihrer Ehrfurcht vor den Eltern keinen Abbruch. Nichts dürfte dem europäischen Besucher japanischer Inselstädte mehr auffallen als dieser schönste Zug des japanischen Charakters. Er wird so weit getrieben, daß sich alle Kinder und Diener eines Hauses jedesmal auf die Knie werfen und mit der Stirne den Boden berühren, wenn ihre Eltern ausgehen oder nach Hause kommen; nirgends ist Gehorsam so sehr die erste Kindespflicht wie in Japan, und in dieser Hinsicht könnten sich die Kinder in andern Ländern die Japaner zum Beispiel nehmen.
Kleidermachen.
Hymens Fesseln bei den Japanern.
Für die junge, unverheiratete Japanerin ist die Zeit, welche sie in ihrem Elternhause zubringt, wohl die glücklichste. Eltern und Geschwister hängen mit großer Zärtlichkeit und Liebe an ihr und erfüllen nach Thunlichkeit alle ihre Wünsche; sie freut sich ihrer Kindheit und genießt bis zu ihrer Vermählung zwischen dem vierzehnten und siebzehnten Jahre weit größere Freiheiten als die Töchter anderer Völker. Man kann es diesen kleinen, munteren, bemalten und bepuderten Püppchen in ihren bunten Kleidern auf den ersten Blick auch ansehen, daß sie glücklich sind. Ein ewiges Lächeln schwebt um ihre rotbemalten Lippen, freundlich blicken ihre schwarzen, großen Augen in die Welt, und mögen sie auch schon längst in die Geheimnisse des Ehelebens eingeweiht worden sein, sie sind doch Kinder geblieben, die sich mit ihren jüngeren Geschwistern an allerhand Spielen erfreuen.
All diese Freuden und diese kindliche Selbständigkeit müssen sie aufgeben, sobald sie heiraten. Wenn sie sich nur ihre zukünftigen Gatten selbst auswählen dürften! Wenn es ihnen nur gestattet würde, ihre Herzen zu Rate zu ziehen, umworben und in unserem Sinne geliebt zu werden! Aber das Liebesleben unserer Völker ist den Japanern unbekannt.
Hat das junge Mädchen das genannte heiratsfähige Alter erreicht, so trachten die Eltern, sie sobald als möglich unter die Haube zu bringen. Aber die einleitenden Schritte werden selten von der Familie des Mädchens unternommen. In der Regel wendet sich der heiratslustige junge Mann an einen schon verehelichten Freund, der unter den jungen Musmis seiner Bekanntschaft Umschau hält; hat er eine gefunden, die ihm für seinen Freund passend erscheint, so trägt er die Sache ihren Eltern vor. Diese erkundigen sich nun ihrerseits nach den Verhältnissen des jungen Mannes, und sind sie geneigt, ihm ihre Tochter zu geben, so wird gewöhnlich im Hause des Vermittlers oder bei einer Theegesellschaft oder bei einer Theatre party eine Begegnung der jungen Leute zu stande gebracht. Des jungen Mädchens Wille wird dabei nicht besonders berücksichtigt, und es scheint ihr auch gar nicht so sehr daran gelegen zu sein. Sie weiß, daß sie der Ehe ebensowenig entgehen kann wie dem Tode, und so kann es sich ihr dabei hauptsächlich nur darum handeln, von allen Uebeln das kleinste zu wählen, d. h. einen Mann zu finden, gegen den sie nicht gerade Abneigung empfindet. Wärmere Gefühle, Sympathie oder gar Liebe werden von ihr nicht erwartet. Hat auch der Freier nichts Besonderes an ihr auszusetzen, so wird die Sache gleich in Ordnung gebracht. Er hat ja nicht viel dabei zu verlieren, da er sie nach ein paar Monaten Probezeit ohne weiteres ihren Eltern wieder zurückschicken kann. Zum Zeichen seines Einverständnisses sendet er seiner Zukünftigen gewöhnlich ein Stück Seidenstoff, das die Stelle des Verlobungsringes vertritt. Die Familie des Mädchens dagegen sendet ihm ein ähnliches Stück Stoff für einen Kimono. Nun wird mit Brautstand und Hochzeitsvorbereitungen nicht mehr viel Zeit verloren. Die Freunde des Bräutigams lassen sich bei Wahrsagern einen glücklichen Tag für die Hochzeit nennen, und am Abend dieses Tages begiebt sich die Braut in das Haus ihres Bräutigams.
Religiöse oder gesetzliche Förmlichkeiten sind bei japanischen Heiraten nicht erforderlich. Der ganze Vorgang ist nicht viel mehr als die Uebersiedelung des Mädchens aus ihrem Elternhause in jenes des jungen Mannes. Ihre Kleider, ein Schreibtischchen, ihr Arbeitskorb, das Kästchen mit ihren Schminken und Pomaden, dann zwei Eßtischchen und ein paar Teller aus lackiertem Holz bilden die gewöhnliche Aussteuer. Je wohlhabender die Familie, desto größer ist die Last ihrer Kleider, und häufig kommt es vor, daß junge Mädchen davon mehr in die Ehe bringen, als sie für ihr ganzes Leben brauchen. Auch ihre persönliche Dienerin, wenn sie solche besitzen, pflegt ihnen in das neue Haus zu folgen.