Das gewöhnliche Volk in Japan liebt die Theater über alle Maßen, ja ich kenne unter den Völkern der Erde keines, das mit solcher Begeisterung dem Theater ergeben wäre. Jede größere Stadt hat ihre Theater; Tokio, Kioto und Osaka haben deren eine ganze Anzahl, und wer das japanische Volksleben kennen lernen will, darf den Besuch der Theater, sowie die gewöhnlich ungemein belebten Straßen, in denen sie gelegen sind, mit ihren Theehäusern und Tingeltangeln aller Art nicht versäumen. Man muß sich aber unter den japanischen Theatern nicht etwa solche nach europäischem Muster vorstellen. Für den Japaner, der Europa besucht, dürfte es kaum eine größere Ueberraschung geben, als wenn er die glänzenden Räume unserer hauptstädtischen Opernhäuser betritt. Unsere bescheidensten Provinztheater sind immer noch eleganter und vornehmer in Bezug auf die Ausstattung sowohl wie auf die Masse der Besucher als die schönsten japanischen Theater. Der Mehrzahl nach sind sie große, leichtgebaute Bretterbuden, deren Zuschauerraum für drei- bis fünfhundert Personen Platz bieten dürfte. Vor dem Eingange stehen gewöhnlich acht bis zehn Meter lange Bambusstangen, gegen die Straße zu geneigt, wie riesige Angelruten, und an diesen hängen blaue und rote, mit bunten Inschriften bedeckte Leinwandstreifen. Die amerikanische Reklame mit ihren großen, bunt bemalten Affichen hat auch schon in Japan ihren Einzug gefeiert, die Theaterfronten sind gewöhnlich mit derlei Papierbogen ganz verklebt. An das Theater schließen sich in der Regel zierliche Theehäuser mit halbverdeckten, lampiongeschmückten Balkonen und Galerien an. Die Theaterstraßen der japanischen Großstädte bestehen gewöhnlich nur aus derartigen Theehäusern, Theatern und Schaubuden, in denen allerhand Zauber, ähnlich dem Wiener Wurstlprater oder der Pariser Foire de Neuilly, gegen ein paar Pfennige Eintrittsgeld zu sehen ist. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein herrscht in diesen Straßen reges Leben, denn die Theater Japans sind nicht nur des Abends geöffnet, die Vorstellungen dauern den ganzen Tag über, und die Japaner, die sie besuchen wollen, nehmen Kind und Kegel, ihre ganze Familie mit und bleiben den ganzen Tag im Theater. Andere kommen nur für eine oder mehrere Stunden, um die wichtigsten Scenen oder die beliebtesten Schauspieler zu sehen. Wird ein neues Stück aufgeführt, so spricht es sich bald in der Stadt herum, welche Stunde die sehenswertesten Akte vorkommen, und dann sind die Theater gewöhnlich zum Erdrücken gefüllt. Die vielen Theehäuser mit ihren Kellnerinnen und Gaishamädchen (Sängerinnen) tragen dazu bei, einen dichten Menschenstrom durch die Theaterstraßen zu leiten, so daß dort der Wagen- und Rickshawverkehr verboten ist. Die Theaterbesucher müssen auch bei schlechtem Wetter ihre Rickshaws schon an der Straßenecke verlassen und den Weg zum Theater zu Fuß zurücklegen.

Wohl befinden sich neben den einzelnen Theatern oder am Haupteingange derselben auf der Straße Billetverkäufer, welche den Passanten gegen Erlag weniger Cash ein mit Schriftzeichen bedecktes Holzplättchen einhändigen; allein der Japaner, der für seine ganze Familie Platz haben will, muß sich denselben tags vorher, bei Zugstücken sogar schon mehrere Tage vorher sichern. Gewöhnlich vereinigt sich der Theaterbesitzer mit dem Besitzer des benachbarten Theehauses; dieser ist häufig sein Geldgeber und Kassierer, verkauft die Theaterplätze gegen einen gewissen Prozentsatz und liefert den Theaterbesuchern Speisen und Getränke. Wären die Theater nicht schon an den großen Angelruten kenntlich, die sozusagen die Besucher von der Straße fischen, so würden die Hunderte von Sandalen und Strohschuhen vor den Theatergebäuden dieselben schon als solche kennzeichnen. Keinem Japaner würde es einfallen, mit seinen Sandalen das Innere eines Theaters zu betreten, ebensowenig wie einen Tempel, einen Kaufladen oder sein eigenes Wohnhaus. Vor den Theatern stehen lange Gestelle, auf denen in mehreren Reihen die ganze Theaterfront entlang die plumpen, mit Stelzenstöckchen versehenen Holzsandalen oder Strohschuhe paarweise aufgehängt sind. Am Eingang zieht der Besucher die Füße aus seinen Sandalen und erhält für dieselben von dem Garderobier eine entsprechende Nummer, auf einem kleinen Holzklotz verzeichnet.

Das Innere der japanischen Theater ist von jenem der unserigen vollständig verschieden. Wohl giebt es eine Bühne mit Vorhang, allein Seitenkulissen, Rampenlichter, Souffleurkasten, Schnürboden und dergleichen fehlen. Dafür verlängert sich die Bühne auf beiden Seiten in den Zuschauerraum hinein, und diese etwa zwei Meter breiten, mannshohen Podien laufen, das Parkett zwischen sich einschließend, bis an die hintere Wand des Zuschauerraumes. Von dort gelangen die Schauspieler durch eigene, dem Publikum nicht zugängliche Korridore wieder auf die Bühne zurück. Die Mehrzahl der Theater besitzt über dem Parkett noch eine Galerie, und diese ist gerade so wie das erstere ganz in Logen eingeteilt. Nur der kleine Raum hinter den Logen bis zur Wand zeigt eine Reihe von Sitzbänken für die geringsten Klassen des Theaterpublikums, und in manchen Theatern ist wohl eine, von den übrigen Logen gesonderte Abteilung für europäische Besucher mit Stühlen zum Sitzen versehen. Sonst giebt es in den Theatern keine Sitze, denn das Publikum kauert auf dem Boden. Das ganze Parkett ist bis zu der Rampe durch zwei Fuß hohe Bretterwände in viereckige Räume von etwa vier Quadratmetern Fläche eingeteilt, und diese schachbrettartigen Felder sind die Logen. Wird jemandem eine Loge in der Mitte des Parketts zugewiesen, so muß er über die Abteilungsbretter und durch eine Reihe anderer Logen steigen, um zu der seinigen zu gelangen. Dort angekommen, ist er für den Tag ausschließlicher Besitzer des vollständig kahlen Kastens. Will er Sitzmatten, Ecktischchen, Kohlen- und Aschenkästchen, so muß er sie von den Angestellten eigens entlehnen und erhält für jeden gezahlten Betrag eine entsprechende Quittung, die auf Verlangen der Kontrolleure vorgewiesen werden muß, denn sonst wird der Betrag nochmals abverlangt. Gewöhnlich versammeln sich die Teilnehmer einer Theatre party oder einzelne Familien, welche Logen reserviert haben, in den Morgenstunden im Theater und je vier nehmen in einer Loge auf den Bambusmatten des Bodens Platz. In den Zwischenakten kommen die Kellner und Kellnerinnen des Theehauses, um nach ihren Wünschen zu fragen, Thee, Süßigkeiten, Früchte oder die bestellten Mahlzeiten zu bringen. Ueberdies befinden sich im Theater selbst, nahe dem Eingange, Stände mit Früchten, Tabak, Backwerk und Getränken aller Art, so daß die Besucher tagsüber das Theater gar nicht zu verlassen brauchen. Für die eigenen Familiendiener wird kein Eintrittsgeld berechnet; häufig legen diese oder das Theehaus alle Beträge aus, und am Schlusse der Vorstellung wird die Rechnung überreicht, die in den besseren Theatern für eine Familie von vier Personen etwa folgendermaßen lautet:

Eintrittsgeld

60

Sen

Loge

80