Die meisten Schäden zeigten die Häuser in den europäischen Quartieren, da sie größtenteils aus Mauerwerk bestehen und ein Stockwerk hoch sind; die japanischen Häuser sind zumeist ebenerdig und aus Holz gebaut, aber während sie auf diese Weise von dem Erdbeben mehr verschont blieben, hatte doch am Tage zuvor eine andere furchtbare Katastrophe unter ihnen gewütet; nicht weniger als tausend Häuser waren einer großen Feuersbrunst zum Opfer gefallen, und noch rauchten die schwarzen verkohlten Reste dieses zerstörten japanischen Stadtviertels.

Rechtzeitig kehrte ich nach der Eisenbahnstation zurück, um den Zug nach Tokio zu benutzen. Während der einstündigen Fahrt sah ich überall Spuren des Erdbebens, eingestürzte Mauern und Häuser, beschädigte Dächer, umgestürzte Toris (Tempelthore) und Statuen. Auf dem Wege von der Schimbaschistation in Tokio nach dem dortigen Imperial Hotel sah ich, daß das Erdbeben hier noch heftiger gewesen sein mußte als in Yokohama, denn noch viel mehr Häuser waren beschädigt, besonders in dem Stadtviertel der Europäer; fast jedes zweite Dach hatte gelitten; die Schornsteine waren überall eingestürzt, die Mauern waren geborsten, der Mörtelanwurf abgefallen, viele Häuser ganz zertrümmert; von den das kaiserliche Palais umgebenden Festungswällen war die aus großen Quadern bestehende Bekleidung auf Strecken von fünfzig Metern abgefallen. Endlich war ich am Imperial Hotel angelangt, und glücklicherweise war unter den Gästen kein Unglücksfall zu beklagen. Dagegen bot der prachtvolle Bau selbst einen schrecklichen Anblick dar. Das große Einfahrtsthor war eingestürzt und lag nebst dem Eisengitter in Trümmern auf dem Boden; die Kamine waren abgestürzt und hatten große Löcher in das Dach geschlagen; die Mauern zeigten durchgehends klaffende Sprünge; mehrere Angestellte waren durch herabfallende Mauerstücke verwundet worden; in den Salons und Wohnzimmern waren Möbel umgestürzt, Bilder, Spiegel, Vasen und Statuen herabgefallen und zertrümmert. Die benachbarten Häuser waren schwer beschädigt und mußten zum Teil ganz abgetragen werden.

Merkwürdigerweise war das kaiserliche Palais durch das Erdbeben nur wenig betroffen, und das Kaiserpaar war mit dem bloßen Schrecken davongekommen; die Paläste der kaiserlichen Prinzen waren teilweise arg beschädigt. In den Straßen waren die Japaner schon überall beschäftigt, die Schuttmassen fortzuräumen, die Verschütteten auszugraben und die Schäden auszubessern. Doch gewärtigte man eine Wiederholung des Erdbebens. Um neun Uhr abends wurde auch ein zweiter Stoß, jedoch von geringerer Heftigkeit, empfunden. Am folgenden Tage hatte sich die allgemeine Furcht etwas gelegt, aber wie wohlbegründet sie war, geht aus der Statistik der Unglücksfälle hervor, welche die japanischen Morgenzeitungen auf Grund der eingelaufenen Meldungen veröffentlichten. In Tokio allein wurden innerhalb der viereinhalb Minuten des Erdbebens 36 Menschen getötet, über 300 verwundet; die Zahl der beschädigten Häuser erreichte 3720, der umgestürzten Mauern 162, der Schornsteine 289, der Risse im Erdboden 96. Seltsamerweise beschränkte sich das Erdbeben auf den zentralen Teil Japans zwischen Yokohama und Tokio; in den entfernteren Städten wurden die Erdstöße nur ganz leicht verspürt und verursachten nur geringe Unglücksfälle. Die Vulkane zeigten während des Erdbebens keine erhöhte Thätigkeit.

Dafür sind sie in den letzten Jahren wieder desto thätiger gewesen, vor allen anderen hatte der schreckliche Bandaisan im Norden Japans im Juli 1900 einen heftigen Ausbruch, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer fielen. Nur der höchste Vulkan Japans, der berühmte heilige Fujiyama, hat seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag seine erhabene Ruhe bewahrt.

Modernes Theaterwesen in Japan.

Frauen auf der japanischen Bühne! Das ist die wichtigste Neuigkeit, die eben aus dem fernen Lande des Sonnenaufganges zu uns herüberdringt. Frauen als Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf den Brettern, welche in Japan, wie bei uns, die Welt bedeuten! Die Kaiserin von Japan hat selbst die Initiative dazu ergriffen, ihren weiblichen Unterthanen diesen neuesten Beruf zu eröffnen, und in Zukunft wird es im Reiche des Mikado auch weibliche Sterne am Theaterhimmel geben. Bisher haben wohl die reizenden Musmis von Japan die dramatische und lyrische Kunst eifrig gepflegt, allein es war ihnen nicht gestattet, im Verein mit ihren männlichen Kollegen öffentlich aufzutreten. Bei uns gefallen sich die Theaterdamen von stattlichem Wuchs darin, in Hosenrollen aufzutreten, in Japan aber, diesem Lande der verkehrten Welt, gefallen sich die schönsten Männer darin, in Unterröcken zu spielen. Alle Weiberrollen, nicht nur die alten, wurden von geschminkten Jünglingen gespielt, ja sogar das japanische Ballett zählte bisher nur männliche Ballerinen. Warum? Wieder die verkehrte Welt: weil es gegen den Anstand und die gute Sitte verstoßen hätte, Mädchen neben jungen Männern öffentlich auftreten zu sehen. Die Japaner haben eben eigentümliche Begriffe von Anstand. Während die kleinen hübschen Mädchen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren, die Frauen im Alter von achtzehn bis dreißig Jahren, die Großmamas im Alter von dreißig bis wer weiß wie viel Jahren ihre Bäder häufig öffentlich auf der Straße nehmen, während die Damen in den fashionabeln Badeorten Ikao oder Karuizawa mit der größten Ungeniertheit im Verein mit fremden Männern in demselben kleinen Baderaum stecken, ohne irgend etwas Schlimmes davon zu denken, dürfen sie in voller Bekleidung auf der japanischen Bühne nicht neben und mit Männern auftreten. Im vergangenen Jahre hat eine amerikanische Sängerin von Weltruf, welche Japan als die erste Primadonna überhaupt besuchte[3], die dortigen Hofkreise auf das Widersinnige dieser Anstandsregeln aufmerksam gemacht und die hohe Stellung erklärt, welche die Frauen der europäischen Bühne nicht nur auf dieser, sondern vielfach auch im gesellschaftlichen Leben einnehmen. In ihrem Streben, es den Europäern auf allen möglichen Gebieten gleichzuthun, haben sie sich nun, gestützt auf diese und andere Berichte, auch die Reform des Theaterwesens zur Aufgabe gestellt, und sie beginnen damit, daß sie den Japanerinnen die Thüre zum Hinterpförtchen der Theater, zum Bühneneingang, öffnen.

Glücklicherweise ist dies eine der wenigen Neuerungen in der japanischen Kultur, die mit dem ganzen Wesen derselben verträglich ist, ja ihrer malerischen Eigentümlichkeit ein neues, glänzendes und erhaltendes Element zuführt. Im übrigen haben die Japaner ja leider aus europäischen Fräcken und Schleppkleidern, Vatermördern und Beinkleidern ein großes Leichentuch für ihre eigene, so ungemein malerische Kultur zusammengenäht. Wer diese letztere in ihrer ganzen Eigenheit, und so wie sie vor Jahrhunderten war, sehen will, muß japanische Theater besuchen. Dort hat sie ihre letzte Zufluchtsstätte gefunden, dort wird sie auch noch von den hochkonservativen aristokratischen Elementen erhalten.

Das japanische Theater ist gar nicht so alt, als man bei einer für asiatische Verhältnisse gewiß hohen und viele Jahrhunderte alten Zivilisation anzunehmen geneigt wäre. Es entwickelte sich aus den religiösen Gesängen und Tänzen, mit denen die buddhistischen Priester in früheren Zeiten ihren Tempeldienst zu begleiten pflegten und wie ich sie noch gelegentlich meiner eigenen Reise in den berühmten Tempeln von Nikko und Nara vorfand. In ähnlicher Weise haben ja auch die alten Griechen und Römer ihre Götter gefeiert, und dieser Kultus hat sich sogar nach Spanien verpflanzt, wo der Ostertanz der Pagen in der Kathedrale von Sevilla ein Ueberbleibsel des heidnischen Götterdienstes sein dürfte. Die großen Feudalfürsten des alten Japan ließen derlei Tänze und Gesänge an ihren Höfen zur Aufführung bringen; allmählich legten sie den ersteren andere Handlungen unter, die sie fast ausschließlich der japanischen Geschichte oder der Märchenwelt entnahmen, und so entstand, dabei immer weltlicher werdend, das japanische Theater von heute. Doch war es nur das gewöhnliche Volk, das an diesen öffentlichen Darstellungen in öffentlichen, auch an die alten Tempel gemahnenden Theatern Gefallen fand. Die Daimios (Fürsten) hielten an den alten Traditionen fest und unterstützen sie auch noch heute. In Tokio hatte ich Gelegenheit, mancher der traditionellen Privatvorstellungen von alten No-Spielen beizuwohnen, die nur vor geladenen Gästen der Aristokratie stattfinden und in denen Schauspieler auftreten, die ihre Kunst gerade so wie ihre herrlichen, kostbaren Kostüme von ihren Vätern und Vorvätern geerbt haben. Manche dieser Schauspielerfamilien haben einen theatralischen Stammbaum von sechs bis zehn Generationen aufzuweisen. Sie allein werden gesellschaftlich geachtet und anerkannt. Die Schauspieler der gewöhnlichen öffentlichen Theater aber waren bisher ebenso geächtet wie bei uns noch zur Zeit der alten Neuberin. Sie wurden geradezu der Klasse der „Eta” (Gesetzlose, Vogelfreie) beigezählt, und noch heute würde es in Japan keinem Aristokraten, Offizier oder Beamten in den Sinn kommen, eines der öffentlichen Theater zu betreten. Nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten, etwa wenn der Lewinsky von Japan, Danjuro, auftritt, oder bei Wohlthätigkeitsvorstellungen erscheinen sie, aber auch nur in zwei oder drei der vornehmsten Theater der Hauptstadt. Der Mikado hat noch niemals ein Theater besucht, und die einzigen Vorstellungen, die er gesehen hat, sind alte klassische No-Stücke, die in seinem Palast aufgeführt werden.