Indessen kommen in Japan Fälle vor, wo auch das Mädchen sich einen Gatten wählen kann. Giebt es in einer Familie beispielsweise keine Söhne, sondern nur Töchter, so wird dies von dem Vater als ein großes Unglück angesehen. Es ist niemand da, der seinen Namen, sein Geschäft erben kann, niemand, der die Ahnenopfer bringen kann, denn nur Männer können zu ihren Vorfahren beten und ihnen Opfer darbringen. Deshalb wird der Vater bestrebt sein, unter den jungen Männern seiner Bekanntschaft einen passenden Gatten für seine Aelteste auszuwählen, und dann wird auch diese zu Rate gezogen, ob ihr Zukünftiger auch hübsch und liebenswürdig genug sei. Ist sie einverstanden, so wird geheiratet. Der Mann muß aber dann ganz dieselbe traurige Rolle spielen wie sonst die Frau. Er muß seinen Namen ablegen und jenen der Familie seiner Braut annehmen, er muß in das Haus der letzteren ziehen und hübsch stille halten, sonst wird er gerade so davongejagt wie eine Frau. Natürlich geben sich zu solchen Geschäften nur arme Junggesellen her, denn „c’est alors Madame, qui porte les pantalons”.

Oeffentlich badende Japanerinnen.

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GRÖSSERES BILD]

Eine Erdbebenkatastrophe.

Zwei Jahrzehnte lang waren Tokio, die Hauptstadt, und Yokohama, der Haupthafen des Mikadoreiches, von den furchtbarsten Schrecken der Elemente, von den Erdbeben, verschont geblieben. Der große Fudschiyama, dieser zum Teil mit ewigem Schnee bedeckte Riesenvulkan, schlummert seit Generationen, und die Reisenden, die von den beiden Städten aus mit stummer Bewunderung den herrlichsten aller Berge Japans betrachten, denken fast gar nicht mehr an die Möglichkeit eines Ausbruches. Für die letzte Juniwoche 1894 hatte ich eine Partie auf den Fudschi in Aussicht genommen, denn nachdem ich vor Jahren auf der Spitze des höchsten Vulkans Nordamerikas, des Popokatepetl, gestanden, war es ein begreiflicher Wunsch, auch den höchsten Vulkan Ostasiens zu besteigen. Da kam die Kunde, daß die schlummernden Geister des heiligen Fudschiyama sich wieder zu regen begonnen hätten; in seinem nördlichen Zwillingsberge, dem Asamayama, brodelte und grollte es fürchterlich, und aus seinem großen Krater stürzten gewaltige Lavamassen hervor. Desto interessanter dürfte die Besteigung werden, dachte ich mir, und fuhr von Tokio nach Yokohama, um die Vorbereitungen für meinen Ausflug zu treffen.

Der Tag war furchtbar heiß; drückende Schwüle lag über den weiten Reisfeldern der Tokiobucht; der Himmel zeigte bleierne Färbung, und mit Sehnsucht erwarteten wir Passagiere einen Regenguß. In Yokohama angekommen, fand ich unter den Gästen des Grand Hotel dasselbe Unbehagen, das ich selbst empfand; das Tiffin (Gabelfrühstück) wurde kaum genossen, und wir zogen uns gegen zwei Uhr nachmittags in unsere Zimmer zurück. Kaum hatte ich mich auf das Ruhebett geworfen, als plötzlich die Möbel rings um mich zu tanzen begannen; die Kommode fiel um, die Wände und der Fußboden krachten und schwankten wie auf bewegter See. Ein furchtbares Poltern und Dröhnen ließ mich vermuten, es wäre irgend ein Pulvermagazin in die Luft geflogen; als ich aber, zum Fenster hinausblickend, die Kamine von den Hausdächern fallen und diese selbst einstürzen sah, da wußte ich sofort den wahren Grund dieser Erscheinung. Hatte ich doch schon ein heftiges Erdbeben in Venezuela durchgemacht. Mit einem Satze war ich zur Thüre hinaus und eilte über die krachenden Treppen zwischen den heftig schwankenden Mauern hinab ins Freie an den Meeresstrand; Dachziegel, Mörtelstücke, Trümmer der Gesimse fielen rings um mich zu Boden. Das noch vor wenigen Minuten spiegelglatte Meer war wild aufgeregt und sandte hohe Brandungswellen den Strand empor; die schweren Dampfer und Kriegsschiffe draußen schaukelten heftig; eine ungeheure Rauch- und Staubwolke erhob sich über dem Weichbilde der Stadt, und man konnte sich bei dem schwankenden Boden kaum aufrecht erhalten. Während solcher Katastrophen ist es schwer, Beobachtungen zu machen; ich erinnere mich nur an das furchtbare unterirdische Dröhnen, an die einstürzenden Schornsteine und Dächer, das Rasseln der Fenster und das Abstürzen großer Felstrümmer von den Klippen des nahen Bluff; ich weiß nur, daß rings um mich Damen ohnmächtig auf dem Boden lagen, daß die Einwohnerschaft der Häuser längs der ganzen Straße des Bundes entsetzt aus ihren vier Mauern hinaus ins Freie stürzte, daß die Häuser ebenso schwankten wie die Schiffe draußen in der Bucht.

Wie lange die schreckliche Katastrophe währte, wußten wir nicht; erst nachträglich erfuhren wir, daß die Erschütterungen viereinhalb Minuten gedauert hatten. Endlich beruhigte sich der Boden, aber die wenigsten Menschen waren zu bewegen, in ihre Häuser zurückzukehren, da sie eine Wiederholung des Erdbebens befürchteten. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn mit Bangen dachte ich an meine in Tokio weilenden Lieben. Ueber die Schuttmassen zwischen den geborstenen Wänden hinweg eilte ich nach meinem Zimmer, um meine Effekten zusammenzupacken, und ließ mich in einer Jinrickshaw nach dem Bahnhof führen. Dort erfuhr ich, daß infolge des Erdbebens der nächste Zug erst in einer Stunde abgelassen würde, und so benutzte ich diese letztere zu einer Rundfahrt durch die Stadt. Schuttmassen lagen in den Straßen, größtenteils von der abgeworfenen Bedachung, dem Maueranwurf und den Schornsteinen der Häuser herrührend; manche Häuser waren ganz eingestürzt, andere drohten einzufallen, und eine große Zahl zeigte weitklaffende Risse und Sprünge in den Mauern; bei einer Theefabrik waren Polizisten und Feuerwehrleute beschäftigt, Trümmer fortzuräumen, unter denen gegen dreißig Menschen begraben waren; auf Strohmatten oder notdürftig zusammengebundenen Tragbahren wurden Verwundete fortgetragen. Viele Dächer waren von den einstürzenden gemauerten Schornsteinen durchschlagen worden und zeigten große Löcher; im Straßenboden waren hier und dort klaffende Risse bemerkbar; in den Bazars, hauptsächlich in den vielen Läden mit den schönen japanischen Porzellan- und Emailwaren hatte das Erdbeben furchtbaren Schaden angerichtet; die prächtigsten, kostbarsten Sachen lagen zertrümmert auf der Erde.