Es mag sein, daß sich die Japaner, als sie den tollkühnen Entschluß faßten, den chinesischen Koloß zu bekriegen, nicht ihre eigenen Erfahrungen vor Augen hielten, sondern jene der Franzosen und Engländer, die dasselbe Wagnis noch unter viel ungünstigeren Umständen und mit noch viel geringeren Mitteln ausführten. Zehntausend Franzosen und Engländer waren vor etwa vier Jahrzehnten im stande, selbst Peking einzunehmen und den Chinesen in ihrer eigenen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. In ihrem Dünkel hielten die Japaner ihre Truppen thatsächlich jenen der europäischen Mächte für gleichwertig, und möglicherweise sagten sie sich, wenn so geringe Truppenmengen aus so großen Entfernungen derartige Erfolge zu erzielen vermochten, so konnte der Sieg der so viel größeren Armee ihres, China so nahe gelegenen Heimatlandes nicht ausbleiben.

In der That haben die Japaner in der Organisierung und Ausbildung ihrer kleinen Armee Staunenswertes geleistet, ja, wer die japanischen Truppen auf dem Exerzierplatz oder auf dem Manöverfeld gesehen hat, dem muß es geradezu unglaublich erscheinen, daß dieselben Leute, die heute so stramm und nach allen Regeln europäischer Kriegskunst exerzieren, noch vor fünfunddreißig Jahren in mittelalterlichen Rüstungen steckten, daß sie an Stelle von modernen Hinterladergewehren und gezogenen Feldgeschützen mit Bogen und Pfeil bewaffnet waren.

Die Zustände in Japan waren damals jenen ähnlich, die in Deutschland vor der Erfindung des Schießpulvers herrschten. Das Land war in den Händen der feudalen Edelleute, die in ihren Ritterburgen saßen und ihre eigenen Fähnlein von Knappen und gerüsteten Kriegsleuten, die Samurai, unterhielten. Jeder dieser Daimios war ein kleiner, nahezu unabhängiger Fürst, der Kaiser aber war machtlos. Heute ist er der Herrscher, die Daimios sind mediatisiert, ihre Staaten sind in Dai Nipon, d. h. Großjapan, aufgegangen, ihre Armeen aufgelöst, und die alten Samurai stecken in Uniformen nach europäischem Muster.

Wenn man heute in Japan einer, wenn auch kleinen, so doch vollständig modernen Armee begegnet, die innerhalb der letzten zwanzig Jahre geschaffen wurde, wenn man erfährt, daß ihre Bewaffnung und Ausrüstung im Lande gefertigt und dort große Arsenale, Schiffbauwerkstätten, Militärschulen und Akademien sozusagen aus dem Boden gestampft wurden, so muß dies bei dem militärischen Fachmanne gerechtes Erstaunen, wenn nicht Bewunderung erwecken. Aber die Leistung ist in Wirklichkeit noch großartiger, als sie für den ersten Augenblick erscheint; denn die Soldaten hatten nicht etwa wie unsere Rekruten den Zivilrock aus- und den Militärrock anzuziehen. Sie mußten, figürlich gesprochen, die altjapanische Zivilisation ausziehen und in die moderne europäische Zivilisation hineinschlüpfen, denn das moderne Soldatentum ist mit den alten Sitten und Trachten der Japaner vollständig unverträglich. Bei den alten Samurai und Daimios war der asiatische, streng ausgesprochene Kastengeist seit vielen Generationen in Fleisch und Blut übergegangen. In die moderne Armee eintretend, fanden sich viele Samurai plötzlich ihren einstigen Untergebenen untergeordnet. Anscheinend war dies ein geradezu unübersteigbares Hindernis für die Disziplin des Heeres. Die übergroße, für europäische Augen geradezu lächerliche Höflichkeit der alten Zeit ist bis auf den heutigen Tag in Japan allgemein wahrnehmbar.

Unter Männern verschiedener, nie gleicher Stellung herrscht ein fortwährendes Verbeugen und Komplimentieren, der Untergebene wirft sich vor dem Höheren bei Besuchen in seinem Hause auf die Knie und berührt mit der Stirn den Boden. Gestern that er es noch und heute, nachdem er den Soldatenrock angezogen, soll er stramm und steif vor demselben Höheren dastehen und möglicherweise ihm scharf ins Auge blicken. Gestern bestand seine einzige Kleidung in einem losen, an den Hüften umgürteten Schlafrock, dem Kimono, und einem Paar Schlappschuhen oder Strohpantoffeln. Hals und Brust, Arme und Beine waren bloß. Heute hat er die stramme Militäruniform zu tragen mit dem beengenden Halskragen und den vielen, ihm vollständig ungewohnten, ja sogar unbekannten Knöpfen; statt des leichten Strohhutes muß er den schweren Tschako, statt des kleinen Fächers das Gewehr, statt der Strohpantoffel die schlimmsten Marterinstrumente der Japaner, Röhrenstiefel, anziehen, in denen er sich fühlen muß wie in den spanischen Stiefeln der Inquisition.

Gestern schlüpfte er beim Betreten eines Hauses aus seinen Strohpantoffeln und betrat die schönen reinen, teppichgleichen Matten mit bloßen Füßen oder in Strümpfen. Heute wird nun gerade das Gegenteil von dem Soldat gewordenen Japaner verlangt: er darf seine Stiefel nicht ausziehen, wenn er Wohnräume betritt. Gestern waren ihm Tische und Stühle unbekannte Dinge. Er saß und lag und aß auf dem Boden. Heute muß er auf Betten liegen, auf Stühlen sitzen, an Tischen seine Mahlzeiten einnehmen.

Diese wenigen Beispiele genügen, um zu zeigen, daß der Japaner beim Eintritt in die Armee seine ganze bisherige Lebensweise, ja sein Japanertum aufgeben muß, und es kann der japanischen Armee deshalb kein größeres Kompliment gemacht werden, als wenn gesagt wird, daß sie sich diesen ihr fremden, steifen, ja geradezu abstoßenden Vorschriften ohne Murren fügte und daß Insubordination nur selten vorkommt. Wie ich von europäischen Offizieren in Japan erfuhr, sind in den Kasernen gar keine Arrestlokale vorhanden; die wenigen, die hie und da zu finden sind, stehen meistens leer. Die Leute gewöhnen sich überraschend schnell an die europäisch-militärische Erziehung, sie lernen rasch und sehen in den reinlich gehaltenen, gut sitzenden Uniformen ganz martialisch aus.

Diese Thatsachen sind viel überraschender als das Vorhandensein der europäischen Militäreinrichtungen selbst. Die letzteren wurden einfach mit affenartiger Leichtigkeit und Genauigkeit Europa abgelernt. Die Japaner schickten zahlreiche Offiziere und Techniker nach Europa, wo ihnen mit etwas zu weit gehender Liebenswürdigkeit Thüren und Thore geöffnet wurden; sie beriefen Offiziere aus den europäischen Armeen, Ingenieure und Werkleute aus den europäischen Arsenalen, erwarben europäische Waffen, Gewehre, Geschütze, Ausrüstungsgegenstände, Maschinen und dergleichen, aber diese letzteren wurden nicht etwa in der erforderlichen Zahl bezogen, sondern nur als Modelle, um darnach andere in Japan selbst herzustellen. Die Europäer zeigten ihnen das Wie, und als die Japaner ihnen alles genau abgeguckt hatten, gab man den Europäern den Laufpaß. Selbst mit den Patenten wurde weitgehender Mißbrauch getrieben; man veränderte nur irgend einen Bestandteil und gab dann den betreffenden Gegenstand als eigene Erfindung aus. So z. B. ist die Infanterie mit Hinterladergewehren System Murata bewaffnet, die nichts anderes sind als französische Grasgewehre, von dem findigen japanischen Oberst Murata etwas verändert. Dank diesem recht fragwürdigen Vorgehen findet man heute in Tokio ein Arsenal, das vollständig den europäischen Waffenfabriken nachgemacht ist, und das von den Japanern mit so viel Stolz gezeigte Arsenal in Osaka ist im ganzen wie in allen Details eine verkleinerte Kopie des Arsenals von Woolwich; dieselbe Einteilung, dieselben Maschinen, dieselbe Arbeit, nur daß sich die guten Japaner aus anderen Arsenalen die modernsten Erfindungen und Verbesserungen absahen oder vielmehr abstahlen und in Osaka zur Anwendung brachten. Der Europäer aber, der diese Kriegswerkstätten, diese Militärschulen und Akademien, diese Kasernen und militärischen Einrichtungen besichtigt, wird von den stolzen Japanern mit dem Zaunpfahl eingeladen, alles rückhaltlos zu bewundern, und sie sind höchst ungehalten, wenn man ihnen vorwirft, daß das alles andere, nur nicht japanisch ist. Dank der Nachsicht und dem Entgegenkommen der europäischen Militärbehörden ist es den Japanern gelungen, diese letzteren und damit auch die europäischen Industrien über den Löffel zu barbieren. Mit diesen geborgten Einrichtungen haben die Japaner nun ein vortreffliches Heer geschaffen, das auf allgemeiner Wehrpflicht fußt. Vom siebzehnten bis zum vierzigsten Lebensjahre ist jeder Japaner auf Grund der 1889 etwas umgeänderten Militärgesetze des Jahres 1872 wehrpflichtig. Die Armee besteht aus dem stehenden Heere, der ersten Reserve, der zweiten Reserve und der Territorialarmee. In dem stehenden Heere beträgt die Dienstzeit drei Jahre, in der ersten und zweiten Reserve vier Jahre und in der Territorialarmee fünf Jahre. Die letztere wird nur im Kriegsfalle einberufen, die erste und zweite Reserve nur während sechzig Tagen im Jahre.

Nun beträgt die festgesetzte Friedensstärke der Armee auf dem Papier etwa 70000, in Wirklichkeit aber nur 40000 Mann. Bei einer Bevölkerung von 41 Millionen Seelen werden jedoch im Jahre über 200000 junge Leute dienstpflichtig. Was geschieht mit den Ueberzähligen?

Vor allem wurde das System der Einjährig-Freiwilligen ganz nach deutschem Muster eingeführt; ferner werden vom aktiven Militärdienst ausgenommen: Personen, die unter 4 Fuß 11½ Zoll groß sind, und das scheidet bei der kleinen Körperstatur der Japaner schon einen ganz beträchtlichen Prozentsatz der Rekruten aus.