Hier, rings um Peddar Street Wharf, erschien uns Hongkong noch viel englischer, als vom Wasser gesehen. Vor uns eine gerade Straße, zu beiden Seiten von hohen englischen Geschäftshäusern eingefaßt, links an der Ecke ein riesiges englisches Hotel, das uns aufnehmen sollte, rechts eine englische Postoffice, in der Mitte, am Kreuzungspunkt einer zweiten, natürlich Queens Street genannten Straße, ein plumper, englischer Glockenturm; über den Kaufläden nur englische Aufschriften: English Pharmacy, English Book Store, Public House, Drinking Bar, Gin, Brandy, England for ever!

Brr! Welche Enttäuschung! Wir hatten auf den Sundainseln, in Malakka, Siam, Kambodscha, in der malerischen fremdartigen Pracht der Malayenwelt geschwelgt, wir hatten uns schon so sehr auf China gefreut und von Pagoden und Buddhatempeln geträumt. Statt dessen wurden wir durch diese englische Provinzstadt in die nüchterne, schmutzige Alltagswelt zurückversetzt. Im Hongkonghotel gab es schlechte englische Küche, in den weiten Korridoren liefen die Ratten umher, und die Mehrzahl der Zimmer war unbewohnt. Nicht viel besser war der Eindruck, den wir auf unsern ersten Gängen zu jenen Geschäftshäusern erhielten, an welche wir Empfehlungsbriefe abzugeben hatten, englische und deutsche. Im Gegensatz zu dem herzlichen, gastfreien Empfang in Singapore, Colombo, Bangkok, Batavia etc. war die Aufnahme durch die deutschen Kaufherren von Hongkong frostig, von Einladungen, Einführung im Klub u. dergl. gar nicht zu sprechen. Aber die Briefe mußten doch abgegeben werden. Wir waren nun frei und konnten uns nach Herzenslust das, was Hongkong an Interessantem bietet, ansehen.

Da fanden wir denn doch, daß in Hongkong geradezu alles interessant ist. Hongkong ist die Eingangspforte in das gewaltige chinesische Reich, die englisch geschriebene Vorrede zu jenem mit sieben Siegeln verschlossenen Buche, China geheißen, und die beste Einführung in dasselbe. Gleichzeitig ist es aber eine der großartigsten Schöpfungen englischen Unternehmungsgeistes, der hier auf dieser kahlen Granitinsel binnen fünf Jahrzehnten einen der wichtigsten Handelshäfen der Welt geschaffen hat. Noch leben hier chinesische Fischer, welche sich des Tages erinnern, als das erste englische Schiff an ihrer einsamen, gottvergessenen Felseninsel anlegte. Das war im Jahre 1845. Heute ist diese Insel ein wahres Paradies, und an ihrer Nordseite zieht sich in einer Länge von etwa sechs Kilometern eine Großstadt von 300000 Einwohnern hin, während das zwanzig Quadratkilometer große Wasserbecken vor ihr in jedem Jahre 20000 Schiffe mit acht bis neun Millionen Tonnen Gehalt beherbergt. Täglich kommen fünfzig Schiffe, täglich verlassen ebensoviele den Hafen, nach allen Ländern der Alten und Neuen Welt bestimmt, und der Handel, der in dieser kleinsten aller englischen Kolonien getrieben wird, erreicht in jedem Jahre beinahe tausend Millionen Mark!

Das Hongkonghotel und der Klub in Hongkong.

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GRÖSSERES BILD]

Man kommt in Hongkong aus der Verwunderung nicht heraus, teils über die unglaublichen Leistungen der Handvoll Engländer, welche hier ansässig sind, teils über die fremdartige chinesische Kulturwelt, die sie rings umgiebt und durch ihre Masse anscheinend zu erdrücken droht, während sie thatsächlich mit Leichtigkeit durch diese Handvoll Engländer gelenkt und beherrscht wird. Nur auf dem kleinen, eingangs erwähnten Teil von Hongkong, rings um Peddar Street, tritt der englische Provinzialstadtcharakter so unangenehm auf. Die schwere, massige Bauart der Häuser, der Gegensatz zu den luftigen, verandenumgebenen Bungalows von Singapore oder Colombo, hat seine Begründung. Hongkong liegt leider mitten im schlimmsten Taifungebiet, und diese furchtbaren Stürme würden leichtere Häuser, Veranden, Dächer und dergleichen spielend fortreißen. Die Stadt hat das schon mehrfach erfahren. Im Jahre 1874 wurden durch einen Taifun während einer halben Stunde über tausend Häuser vollständig zerstört, und Tausende von Menschen verloren dabei ihr Leben. Deshalb diese steinernen Arkaden an Stelle der luftigen Veranden, deshalb die schweren eisernen oder hölzernen Läden an den Fenstern, die sofort geschlossen werden, wenn von dem Taifunobservatorium auf der gegenüberliegenden Halbinsel Kowloon als Warnungssignal die drei gefürchteten Kanonenschüsse ertönen.

Von meinen Fenstern im fünften Stock des Hongkonghotels zeigte sich am Morgen nach meiner Ankunft Hongkong, seinem Rufe entsprechend, in viel freundlicherer, großartigerer Weise. Die helle, warme Sonne überstrahlte die weite Bucht, die mit Tausenden von Schiffen aller Art, von den winzigen Pantoffelbooten bis zu den größten Ozeandampfern besäet war und sich belebter zeigte als irgend einer der Welthäfen, die ich auf meinen fünfundzwanzigjährigen Reisen durch alle Kontinente gesehen habe. Gegen Norden, jenseit der etwa zwei Seemeilen breiten Bucht, auf dem chinesischen Festlande, leuchteten in einer langen Linie die weißen Warenhäuser, Kasernen und Hongs von Kowloon, umgeben von einem Kranz üppiger Gärten, und über diese erheben sich kahle, steile, zerklüftete Höhen von eigentümlicher roter Färbung, schon zu China gehörig. Zu meinen Füßen lag die Stadt Hongkong oder, wie sie eigentlich heißt, Viktoria. Der 600 Meter hohe, steile Berg, an dessen Fuß sie liegt, hat ihr nicht viel Platz zur Ausbreitung gelassen, und so ziehen sich nur zwei oder drei lange Straßen dem Meeresufer, hier Praya genannt, entlang, zu beiden Seiten mit mehrstöckigen Granithäusern besetzt, die im untersten Stockwerk Arkaden für die Fußgänger besitzen. Zahlreiche Querstraßen führen von der Praya den Berg hinan und verlieren sich dort in dem Grün prachtvoller Gärten mit subtropischer Vegetation. Palmen mit schön geschwungenen Wedeln, Bananen mit ihren mächtigen Blättern, hohe Araukarien, Kakteen und Agaven der verschiedensten Art zeigen sich dort, und inmitten dieser zaubervollen Flora erheben sich stattliche Villen und Paläste, Kirchen mit hohen Türmen. Ganz oben an der Spitze des Peak grüßt von einem hohen Mastbaum die stolze britische Flagge herab. Fürwahr, wenige Häfen der Erde können sich an Schönheit und Großartigkeit mit Hongkong messen, vielleicht Rio de Janeiro, San Francisco, Neapel allein. In seiner Anlage erinnerte mich Hongkong ein wenig an Genua, der Hafen mit seinem stolzen Peak dagegen an Gibraltar; Kowloon ist sein Algeciras. Und ist nicht Hongkong in der That das Gibraltar von China? Wie der Dschebel al Tarik, so ist auch der Peak, der mit seinen Vorbergen und kleinen vorgelagerten Inselchen die Einfahrt nach dem Süden des chinesischen Reiches beherrscht, mit kanonengespickten Festungswerken versehen, und überdies steht eine eigene Flotte im Dienste von Hongkong, während in den drei großen Kasernen einige tausend Mann englischer Linientruppen untergebracht sind. Welch hohen Wert England auf diesen äußersten gegen Osten vorgeschobenen Posten seines Weltreiches legt, geht aus der Thatsache hervor, daß es gegen zwanzig Millionen Mark zu seiner Befestigung verwendet hat; überdies trägt die aus wenigen tausend Europäern bestehende Kolonie jährlich über drei Millionen Mark zu Verteidigungszwecken bei. Unter dem Schutze der Kanonen und Bajonette von Hongkong hat sich nicht nur der englische Handel, sondern auch jener der andern europäischen Staaten, vor allem der deutsche, so mächtig entwickelt, und wir müssen England dafür dankbar sein; denn ohne Hongkong hätte sich dieser deutsche Handel, der hier jenem Englands an Umfang zunächst steht, niemals so ausbreiten können. Die englische Flagge hat auch den deutschen Kaufmann beschützt. Die Engländer haben nicht nur für sich, sondern auch für die andern Nationen die Kastanien aus dem chinesischen Feuer geholt. Ja mehr noch, die Chinesen selbst sind ihnen dankbar; denn nahe an 300000 bezopfte Söhne des Reiches der Mitte haben hier auf dem winzigen Stück englischen Bodens Zuflucht, Sicherheit, Rechtsschutz, Lebensunterhalt, ja Reichtum gefunden. Der großen Mehrzahl nach sind sie loyale Unterthanen der Königin Viktoria geworden, und der Geburtstag dieser Herrscherin wird von den Chinesen in Hongkong ebenso festlich gefeiert wie von den Engländern.

Die Chinesen bilden auch den weitaus größten und merkwürdigsten Teil der Bevölkerung der Kolonie, die sonst auch zahlreiche Angehörige aller Nationen Europas, dann Amerikaner, Malayen, Japaner, Indier, Araber etc. aufweist. Alle die asiatischen Bürger von Hongkong haben dabei ihre eigentümlichen malerischen Trachten beibehalten, so daß man bei einem Spaziergang durch die Hauptstraße, die Queen Street, sozusagen eine lebende Völkerkarte studieren kann. Nur die Peddar Street ist spezifisch englisch; verläßt man aber das Hongkonghotel durch den nach der Queen Street führenden Ausgang, so ist man sofort in dem denkbar internationalsten Verkehr: Parsis mit ihren schwarzen gestickten Cereviskäppchen, Malayen mit ihren schürzenartigen Sarongs, Araber im weißen Burnus, Japaner in ihren Kimonoschlafröcken, Indier mit mächtigen Turbanen. Ein Teil der Polizisten von Hongkong besteht aus baumlangen Indiern, und die europäischen Kolonisten der Stadt unterhalten zu ihrem persönlichen Schutz ein Regiment von Sikhs, die wohl englische Uniform tragen, aber die hohe, brennrote Zuckerhutmütze beibehalten haben; dazwischen englische Soldaten und schottische Hochländer mit nackten Knieen und karrierten Jacken, Matrosen von den Kriegsschiffen aller möglichen Nationen. Man hört die verschiedensten Sprachen sprechen, sieht die verschiedensten Begrüßungsarten, aber der äußere Rahmen, die Straßen, Häuser, städtischen Einrichtungen sind durchaus englisch, was die Seltsamkeit des Eindrucks noch erhöht.

Selbst die Chinesen wohnen in mehrstöckigen Häusern. Man braucht in der Queen Street von dem Glockenturm nur wenige hundert Schritt nach Osten oder nach Westen zu gehen, um mitten in die Chinesenviertel zu kommen. In dem englischen Teil dieser interessanten Völkerstraße sieht man die Chinesen nur als Compradores (Angestellte) in den verschiedenen Geschäftshäusern, hie und da auch einen vornehmen Laden, von Chinesen gehalten, und seine Insassen zeigen durch ihre seidene Kleidung, gute Beschuhung und die unfehlbare Brille auf der Nase, daß sie den wohlhabendern Ständen angehören. Sonst sieht man hier nur Kulis im Dienste der Weißen, Lastträger, Straßenkehrer, Rickshaw Boys und Sänftenträger. Wagenverkehr ist in den steil ansteigenden Straßen Hongkongs unmöglich; ebenso unmöglich wäre er in den wenigen ebenen Straßen wegen des unglaublichen Völkergetümmels, das dort tagsüber herrscht. Er wird durch die japanische Rickshaw, den zweiräderigen, von einem Kuli gezogenen Handwagen ersetzt; an den Straßenecken stehen deren immer eine Anzahl in langen Reihen. Kaum zeigt sich ein Europäer vor seiner Hausthür, so wird er sofort von den wild aussehenden, im Sommer halbnackten Rickshaw-Kulis umringt, die ihre Dienste anbieten, fünf Cents, etwa zwölf Pfennig, für die halbe Stunde. Vertraut man sich wirklich einem dieser menschlichen Zugtiere an und hat ihm die Bestimmung zugerufen, so saust es auch schon pfeilschnell mit dem kleinen Handwagen von dannen. Es fährt seinen Passagier straßenauf straßenab und bleibt endlich vor irgend einem beliebigen Hause stehen, das möglicherweise von dem gewünschten Ziel eine Stunde weit entfernt ist. Die Hongkong besuchenden Fremden wissen eben nicht, daß die meisten dieser Kulis nicht ein Wörtchen Englisch verstehen und daran gewöhnt sind, daß man sie mit dem Spazierstöckchen rechts oder links berührend, in stummer Weise etwa ähnlich zu lenken pflegt wie Pferde durch die Zügel. Man kann sich auch dadurch helfen, daß man in irgend einen Kaufladen tritt und den Inhaber bittet, dem Rickshaw-Kuli auf Chinesisch das Ziel zu nennen. Wird dies unterlassen, so fährt der Kuli seinen Passagier planlos oft stundenlang spazieren.