Der Gouverneurspalast in Hongkong.

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Besser sind die Tragstühle, welche von den Europäern Hongkongs mit Vorliebe benutzt werden; jede Familie, jedes Handlungshaus oder Hotel besitzt einen eigenen „Marstall” von Kulis und mehrere Tragstühle, die mitunter sehr kostbar ausgestattet sind. Die Kulis tragen eigene Uniformen; bald sind es blaue Hemden und Beinkleider mit weißen Rändern, bald weiße mit roten Rändern, bald verschiedene Ornamente, Kreise, Quadrate, Monogramme, welche die Tragstuhleigentümer auf Brust und Rücken der Kuli-Uniformen aufnähen lassen. Je wohlhabender oder angesehener die Bürger, desto größer ist die Zahl ihrer Chairkulis; gewöhnlich aber werden die Stühle von zwei bis vier Kulis getragen. Die an den Straßenecken zum beliebigen Vermieten stehenden Stühle werden von zwei Kulis bedient. Die Europäer von Hongkong haben diese Art der Fortbewegung wohl den Chinesen abgesehen. In Canton und allen anderen Städten bedienen sich die Civilmandarine und wohlhabenderen Chinesen, besonders die Frauen, stets eigentümlicher verschlossener Sänften, die auf drei bis vier Meter langen Bambusstangen ruhen. An Stelle der geschlossenen Sänften treten in Hongkong offene Armstühle aus Rattangeflecht, mit einer kleinen an Seilen hängenden Fußbank darunter. Man setzt sich in den Stuhl, die Kulis heben die Tragstangen auf ihre Schultern, und fort geht es in leichtem, raschem Schritt, für 20 Cents (etwa 45 Pfennig) die Stunde. Die Menschen sind hier billiger als die Tiere. Sie erleichtern den Verkehr ungemein, denn in den heißen Sommermonaten ist das Gehen, überhaupt jede Körperbewegung mit großer Anstrengung und Schweißerguß verbunden. Dieser Hitze entsprechend ist auch die Kleidung der Europäer, Herren wie Damen, von Ende Mai bis Mitte September durchweg schneeweiß, und nur im Winter, der zuweilen recht empfindlich kalt sein kann, werden dunkele Kleider getragen. Im Jahre 1892 beispielsweise waren die Abhänge des, wie bemerkt, etwa 600 Meter hohen Peak bis auf die Hälfte herab mit Schnee und Eis bedeckt, dagegen gewährt das breite Plateau auf seinem Gipfel im Sommer stets kühlen, frischen Aufenthalt, und es ist auch dort oben und an den Abhängen eine ganze Stadt prächtiger Villen und Hotels mit Gärten entstanden, welche von dem hier herrschenden Wohlstand und der Leichtigkeit des Erwerbs Zeugnis ablegen. Eine Drahtseilbahn nach schweizerischem Muster verbindet die Geschäftsstadt unten mit diesen Residential Suburbs, in welchen die Familien der Geschäftsleute, hohen Beamten und Offiziere wohnen. Täglich fuhr ich mit dieser durch die schönsten Parkanlagen führenden Bahn hinauf, um der Einladung eines englischen Kaufherrn oder des kommandierenden Generals Folge zu leisten, bis wir schließlich in das reizende Haus des Chefs der größten Handelsfirma von China, Messrs. Butterfield & Swire, übersiedelten. Von dort oben genießt man einen Rundblick über Land und Meer, einzig in seiner Art, und das Bild, welches der mit Tausenden von hellerleuchteten Schiffen und Booten bedeckte Hafen tief unter mir, sowie die Straßen der Stadt mit ihren langen Reihen vielfarbiger riesiger Lampions darboten, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Welche Großstadt von 300000 Einwohnern besäße auch auf der einen Seite einen solchen Hafen, auf der andern einen so gewaltigen Berg?

Interessant ist es auch zuweilen, auf den gut gepflegten Wegen zu Fuß nach Hongkong herabzusteigen, an Palästen vorüber, welche die Europäer mit chinesischem Gelde sich hier errichtet haben, und durch üppige Gärten, von denen jene des Gouverneurs und des Militärbefehlshabers wohl die schönsten sind. In ihrer Mitte erheben sich die durch Pracht und Eleganz gleich ausgezeichneten Residenzen dieser beiden Beamten, das Government House und das Headquarter House. Anschließend an sie breitet sich auf einer Terrasse der entzückende Botanical Garden aus, eine öffentliche Parkanlage, wie geschaffen für den Sammelplatz der vornehmen Welt. An ihrer Statt begegnete ich auf meinen Spaziergängen gewöhnlich nur Fremden, welche sich diesen aus dem nackten Granitboden gezauberten Feengarten ansehen wollten. Sonst bleiben diese von chinesischen Gärtnern mit Liebe und peinlichster Sorgfalt gepflegten Anlagen nur blassen, schwachen Kindern von Weißen oder Mischlingen überlassen, die unter der Obhut chinesischer oder indischer Wärterinnen hier mit Steinchen oder Federball spielten. Höchstens daß zuweilen chinesische Damen der bessern Stände mit ihren verkrüppelten, Ziegenhufen nicht unähnlichen Füßchen hier im Schatten herrlicher Koniferen mühsam einherhumpeln. Die „Fashionables” der Kolonie aber meiden den Botanischen Garten und versammeln sich dafür an bestimmten Tagen auf den neben der City Hall, dem anspruchsvollen Rathause, gelegenen Cricket Grounds, um unter den Klängen einer Militärmusik den Cricketmatch anzusehen. Von den Deutschen behauptet man, daß, wenn ihrer zwei irgendwo in Afrika oder Asien zusammenkommen, sie sofort einen Gesangverein gründen. Dasselbe kann man von den Engländern in Bezug auf Cricket sagen. Auf dem Hongkonger Cricket Ground, dem einzigen ebenen Platz der Stadt, wird von den merkantilen Gentlemen der Kolonie im Verein mit den Offizieren Cricket mit einem Eifer gespielt, als wären sie auf den Grounds von St. John’s Wood oder im Hurlingham Club. Unter großen Feldschirmen sitzen die Damen in den elegantesten Toiletten und sehen stundenlang dem Spiele zu oder nehmen in dem reizenden Pavillon der Grounds Erfrischungen, ein Bild, das man wohl in London zu sehen gewohnt ist, das aber hier in China geradezu befremdet. Beliebte Ausflüge der fashionablen Welt sind auch die mit ungeheuren Kosten aus den Granitfelsen gesprengten und mit Koniferen beschatteten Wege, die nach dem Happy Valley mit seinen Friedhöfen und dem Pferderennplatz führen. Dort hinauf, auf den Kennedy Road oder Bowen Road, lassen sich die Damen nachmittags in ihren eleganten, in der kühleren Jahreszeit mit Pelzen und Teppichen bedeckten Chairs tragen; dort, in den reizenden Parkanlagen, bringen sie Stunden mit Lektüre oder Geplauder zu, während ihre uniformierten Kulis in der Nähe auf dem Rasen lagern. Am Ende dieser beiden Roads liegt das breiteste Thal der Insel, das Happy Valley, wohl in Erinnerung an die geflügelten Worte so benannt, welche Solon an den Krösus richtete: Nemo ante mortem beatus. Fürwahr, die Friedhöfe von Hongkong sind die schönsten Plätzchen der ganzen Insel, die schönsten auch, die ich in China gesehen habe. Bambushecken, mit Stämmen, die bis über fünfundzwanzig Meter emporschießen, umgeben diese Ruhestätten der Toten. Jede Religion besitzt hier ihren eigenen Friedhof. Der erste ist jener der Mohammedaner, dann folgt der mit besonderer Sorgfalt gepflegte der Katholiken, prachtvolle Monumente enthaltend, dann jener der Protestanten, der größte von allen; in einiger Entfernung schließt sich daran der Friedhof der Parsen, dann jener der Hindu, und schließlich der jüdische, während der Friedhof der Chinesen auf der entgegengesetzten Seite sich die Anhöhe hinaufzieht. Mit Ausnahme des letztgenannten zeigen sich diese Ruhestätten eher wie wohlgepflegte, schattige Parks, eine Fortsetzung der Palmenhaine des vor ihnen gelegenen Rennplatzes, auf dem zur Zeit der Wettrennen (mit chinesischen Ponies) ein ähnliches großstädtisches Leben herrscht wie in unseren europäischen Hauptstädten.

Der Peak in Hongkong mit einem Teil der Stadt.

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Eine breite Fahrstraße führt von dort längs des Hafens nach Hongkong zurück, auf der Landseite mit Fabriken, Maschinenwerkstätten und Kasernen besetzt. Hier liegt das Militärspital, umgeben von einem Garten, anschließend daran das Marinearsenal, weiter der große, palastartige Bau, welcher die Offizierswohnungen enthält. Jedes irgendwie verfügbare Plätzchen ist von stattlichen Bauten eingenommen, die auch einer europäischen Großstadt Ehre machen würden. Da sich aber Hongkong von Jahr zu Jahr mit Riesenschritten weiter entwickelt, so ist man eben daran, dem Hafen längs des ganzen Ufers von Hongkong einen breiten Landstreifen abzugewinnen. Vor dem Hongkonghotel ist dies bereits geschehen, und dort erhebt sich eine große Statue zu Ehren der Königin Viktoria, für die man sonst gar kein Plätzchen mehr gefunden hätte.

Ja, die guten Europäer, die auf diesem Stück chinesischen Bodens eine neue Heimat gefunden haben, verstehen es zu leben und das, was ihnen durch die große Entfernung von ihrem europäischen Mutterlande abgeht, durch eigene Schöpfungen reichlich zu ersetzen. Ihre Einkünfte sind groß und werden leicht verdient. Die Geschäftsstunden beginnen spät am Tage und sind um fünf Uhr abends wieder vorüber; nur an „Steamer Days”, d. h. an den Tagen der ein- und auslaufenden Postdampfer ist die Arbeit anhaltender. Die Europäer sind die Herren der Insel. Alle körperlichen Verrichtungen werden ihnen durch Kulis, Diener, Aufwärter chinesischer Rasse abgenommen, und selbst dem ärmsten Irländer würde es hier nicht im Traum einfallen, irgend eine Dienerstelle zu bekleiden, wäre es auch beim Gouverneur. Die Europäer haben ihre Klubs, ihre Vereine, Gesellschaften, Konzerthallen und Theater, in welchem zuweilen Wandertruppen ihre Vorstellungen geben, und in den unteren Räumen des Rathauses haben sie sogar ein reichhaltiges Museum von chinesischen Merkwürdigkeiten gegründet.