Auf den Weltreisenden wird das europäische Hongkong weniger Anziehungskraft ausüben als das chinesische. Die ganze chinesische Kultur in allen ihren höchst merkwürdigen Phasen und Einzelheiten zeigt sich ihm hier, ohne daß er zu reisen oder auf seine europäische Bequemlichkeit zu verzichten braucht. In den Kaufläden der Queen Street findet er alle Produkte Chinas in Hülle und Fülle; er kann die schönsten Porzellane, die kostbarsten Silberarbeiten, Holzschnitzereien, Stoffe und Stickereien erwerben, er kann das chinesische Post- und Bankwesen, die Opium- und Spielhöllen, Theater, Vergnügungen kennen lernen; er wird chinesische Hochzeitszüge, Prozessionen, Leichenbegängnisse, Festlichkeiten sehen, ohne daß er sein Hotelfenster zu verlassen braucht. Und wandert er wirklich durch das Gewirr der engsten, schmutzigsten Gäßchen, die Zufluchtsstätten des schlimmsten Gesindels, so kann er es in vollkommener Sicherheit thun; denn überall befinden sich europäische, indische und chinesische Polizisten, die, bei Tag mit Stöcken, zur Nachtzeit mit Gewehren bewaffnet, für seine Sicherheit sorgen. Die Chinesen wissen dies wohl und fügen sich, ja sie werden von den jungen Hongkonger Herrchen in ihrem Uebermut häufig mit Roheit behandelt, ohne sich darüber aufzuhalten. Ich habe mehrfach gesehen, wie diese Europäer, darunter leider auch Deutsche, Chinesen ohne alle Ursache, vielleicht nur weil sie nicht schnell genug aus dem Wege gingen, mit Püffen, Stockschlägen und Fußtritten bearbeiteten. Freilich ist Hongkong auch der Sammelplatz sehr böser Elemente, die Zufluchtsstätte des Gesindels von Canton, Swatau, Futschau und anderer Häfen. Die chinesischen Wohnungen in den hohen europäischen Häusern, welche die mitunter kaum zwei Meter breiten Gäßchen einfassen, starren vor Schmutz; in den Gäßchen selbst ist übelriechender Unrat aufgehäuft, und die gräßlichste Verkommenheit, das größte Elend, treten einem entgegen. Die Kolonialregierung hat dort vieles versäumt und ist viel zu nachsichtig vorgegangen; gerade während meiner Anwesenheit in Hongkong bildete dieses Chinesenviertel einen dankbaren Herd für die furchtbare Beulenpest, die, von Canton ausgehend, sich über das südliche China verbreitete. Aehnlich wie es in der vornehmen, glänzenden Hauptstadt des englischen Weltreiches, in London, Stadtteile giebt, die als eine Schmach europäischer Kultur bezeichnet werden können, ebenso zeigt sich neben dem stolzen, glänzenden europäischen Hongkong das chinesische als eine wahre Brutstätte des Lasters, mit Spelunken, Spielhöllen und Orten der größten Verworfenheit, die leider von den Matrosen der europäischen Schiffe nur zu häufig aufgesucht werden. Im Jahre 1894 konnte die Verwaltung der Kolonie der Beulenpest, die in diesem Stadtviertel wütet, nicht anders Herr werden, als indem sie einen Teil einäschern, einen anderen vollständig neu umbauen ließ. Aber diese Maßregeln hätten vorher, nicht nachher ergriffen werden müssen. Durch die Sorglosigkeit und den Leichtsinn der europäischen Stadtverwaltung hat der Handel Hongkongs zeitweilig sehr gelitten. Ueber 80000 Chinesen flüchteten sich während der Epidemie aus der verpesteten Stadt; viele Tausende wurden dahingerafft. In diesem Chinesenviertel umherwandernd, wunderte ich mich, wie die Söhne des Reiches der Mitte gerade einem solchen Orte den Namen „wohlriechendes Wasser” gegeben haben konnten; denn das ist die Bedeutung des Wortes Hiang Kiang. Der Name Hongkong ist nur der Cantoner Dialekt dafür, und diesen haben die Europäer angenommen.

Chinesische Spielkarten.

Macao.

In Hongkong wurde mir der Besuch von Macao von jedem Menschen, mit dem ich darüber sprach, abgeraten. Macao sei heute ein altes, dem vollständigen Verfalle rasch entgegeneilendes Nest ohne irgendwelches Interesse. Was in Macao zu sehen wäre, würde man viel besser in Hongkong selbst, oder in der berühmten Zweimillionenstadt Canton sehen, und jeder Tag, den man Macao widme, sei ein verlorener Tag. Hongkong hatte eine Zeit lang gute Ursache, auf die alte Portugiesenstadt an der Mündung des Perlflusses eifersüchtig zu sein, damals, als es selbst noch in den Kinderschuhen steckte, während Macao der größte und herrschende fremde Hafen von China war. Aber diese Zeiten sind vorüber, und die guten Hongkonger sollten den von ihrer Größe gefallenen Rivalen ein freundlicheres Andenken bewahren. Es thut besonders den Chinesen gegenüber nicht gut, wenn Europäer verschiedener Nationen so schlimm voneinander sprechen, wie es die Bewohner Hongkongs von jenen Macaos thun. Dieser Zwiespalt und diese kleinlichen Eifersüchteleien waren schon vor dreihundert Jahren die Ursache, daß sich die Chinesen die unangenehme streitsüchtige Gesellschaft verbaten und sich gegen alle Europäer ohne Unterschied der Nation absperrten. Ohne sie wäre China vielleicht schon seit Jahrhunderten geöffnet und dem europäischen Verkehr ergeben.

Ich ließ mich von den Hongkongern nicht abhalten, Macao doch einen Besuch zu machen, denn Macao ist nicht allein eine Stadt von größtem historischen Interesse, sondern hat auch heute noch unableugbare Bedeutung. Wohin mich meine Reisen in Ostasien auch führen mochten, von Singapore und Batavia bis nach dem nördlichen Japan und Korea, überall traf ich Portugiesen aus Macao als Geschäftsleute an. Sie waren nicht immer reine Portugiesen, sondern vielfach vermischt mit chinesischem, arabischem, malayischem, japanischem Blut, eine merkwürdig abenteuerliche, unstäte, leidenschaftliche Mischlingsgesellschaft, aber man nennt sie in Ostasien doch allgemein, wenn auch mit Unrecht, Portugiesen und giebt Macao als ihre Heimat an.

Macao wurde schon im Jahre 1557 von den Portugiesen gegründet, die, damals auf ihrer kommerziellen Höhe stehend, den Handel nicht nur mit China, sondern mit der ganzen ostasiatischen Welt beherrschten. Durch die Schaffung eines festen Stützpunktes in China waren ihnen die Mittel in die Hand gegeben, diese Herrschaft auch in späteren Zeiten aufrecht zu erhalten. Aber sie haben es nicht verstanden. In ihrem Uebermut, in der Leichtigkeit, mit welcher sie damals große Vermögen erwerben konnten, in dem Bewußtsein ihrer militärischen Kraft gegenüber den ostasiatischen Völkern ließen sie sich zu unvernünftigen Bedrückungen, Roheiten und willkürlichen, ungerechten Schritten verleiten. Als die Holländer und Engländer in Ostasien erschienen, wurden mit diesen Händel angefangen, statt einig mit ihnen vorzugehen, wie es heute geschieht, und diese unkluge, abenteuerliche Politik hat dem europäischen Handel einen Schaden zugefügt, der in seinem Umfang ganz unberechenbar ist. Ist Macao die Wiege dieses Handels zwischen Europa und Ostasien, so ist es auch gleichzeitig sein Grab, und die heutige verfallene Portugiesenstadt im Süden Chinas zeigt in ihren verlassenen Warenhäusern und vereinsamten Palästen die Grabsteine ihrer einstigen Größe. Hongkong und Canton haben die Erbschaft angetreten. Die Tausende von Schiffen, welche jährlich in die weite Bucht des Perlflusses einlaufen, dampfen an Macao vorüber, um ihre Schätze in dem englischen Emporium abzuladen, das auf der östlichen Seite dieser Bucht, Macao gegenüber, liegt. Mit Macao wird nur noch spärlicher Verkehr unterhalten. Täglich läuft ein kleiner Dampfer von Hongkong in mehreren Stunden nach der Portugiesenstadt, um am nächsten Tage nach Hongkong zurückzukehren. Leicht könnte der Ausflug in einem Tage gemacht werden, wenn nicht zwischen den Schiffskapitänen und den Hotels von Macao ein zärtliches Einvernehmen bestände, durch welches die Besucher dieser portugiesischen Kolonie veranlaßt werden, dort eine Nacht zuzubringen. Aber diese gewährt ihnen dafür Gelegenheit, eine der interessantesten Eigenheiten Macaos kennen zu lernen, nämlich die zahlreichen Spielhöllen. Sie haben Macao zu dem Namen „das Monte Carlo von Ostasien”, dem berüchtigten Baccaratspiel zu dem Namen „Macao”, den Dampfern zu dem Spitznamen „Gambling Steamers” und, last not least, der Verwaltung von Macao zu der reichsten Einnahme verholfen.

Wenn man sich nach zuweilen recht stürmischer Fahrt zwischen zahlreichen Dampfern, chinesischen Dschunken und Fischerbooten hindurch Macao nähert, so gewährt diese Stadt einen ungemein malerischen, um nicht zu sagen großartigen Anblick. Amphitheatralisch ziehen sich die Häuser, überhöht von zahlreichen Kirchen und Türmen, eine sanfte Anhöhe empor, gegen die Küste zu von einer Palastreihe begrenzt, wie sie wohl keine andere Stadt Chinas aufzuweisen hat. An beiden Enden von alten Festungswerken beschützt, zieht sich diese Praya grande anderthalb Kilometer dem Meeresstrand entlang, das Regierungsgebäude, das Rathaus und andere öffentliche Gebäude enthaltend. Leider können die Passagiere größerer Dampfer das herrliche Panorama der Stadt mit ihrem Kranz grüner Berge dahinter nur aus der Ferne bewundern, denn der Hafen versandet immer mehr und ist nur kleinen Dampfern, sowie Dschunken zugänglich. Die großen Ostasiendampfer müssen sechs bis acht Kilometer weit draußen in der Bucht vor Anker gehen, und mit der schlechten Verwaltung und der Konkurrenz von Hongkong hat wohl auch dieser Umstand am meisten zu dem Verfall von Macao beigetragen.