Dieser Verfall zeigt sich dem Besucher der Stadt nicht so sehr in den Gebäuden, als in der Stille und Geschäftslosigkeit, die in den engen, durchaus südeuropäischen Gäßchen herrscht. „La Cidade do Santo Nome de Deos en China” heißt die Stadt im Portugiesischen, und sie trägt auch ganz den portugiesischen Charakter mit ihren vielen Klöstern und Kirchen, von denen die schönste, im Jahre 1835 durch eine Feuersbrunst eingeäschert, leider heute nur noch eine traurige Ruine ist. Der Name „die Stadt des heiligen Namens Gottes in China” hat leider auf die Bevölkerung keinen besonders günstigen Einfluß gehabt. Ihrem Leben und Treiben nach zu urteilen, scheint sie vielmehr dem Chinesengötzen Ama zu huldigen, dessen Standbild früher auf dem Platze stand; aus diesem Namen Ama, im Verein mit dem chinesischen Kao (Hafen) entstand Ama-Kao, später verkürzt zu „Macao”. Und doch kann sich dieses verkommene Nest, der letzte Rest der früheren portugiesischen Weltherrschaft, rühmen, einen der größten Gotteskämpfer, den kühnsten und eifrigsten Missionar Asiens, den heiligen Franz Xaver, in seinen Mauern beherbergt zu haben. Er starb auch hier, auf einer kleinen Insel nahebei, im Jahre 1552, ein Zeitgenosse des berühmten Dichters der Lusiade, Camoens, der hier in den Jahren 1550 und 1560 zusammen achtzehn Monate zugebracht hat. Mit Andacht stand ich vor dem bescheidenen Denkmal, das die Portugiesen ihrem größten Dichter hier errichtet haben, bei der Grotte, in die er sich zurückzuziehen pflegte, um seinen Träumen, seinen Dichtungen nachzuhängen. Was würde er, der in der Machtperiode seines Vaterlandes gelebt, heute zu Macao sagen, in welchem zu seiner Zeit der Keim zur Beherrschung von China geschlummert hat! Und wie Portugal China verloren hat, so hat es auch mit diesem größten Reiche der Erde das zweitgrößte der Erde, nämlich Indien, verloren. Was Macao in China, das ist Goa in Indien, auch nur ein Denkmal der Unfähigkeit und Habsucht der früheren portugiesischen Machthaber.

Villenviertel von Hongkong auf dem Rücken des Peak.

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GRÖSSERES BILD]

Die malerischen Anhöhen hinter der Stadt emporsteigend, konnte ich die eigentümliche Lage dieser winzigen Kolonie wahrnehmen. Sie erinnerte mich lebhaft an Gibraltar, das den Spaniern gerade so auf der Nase sitzt wie Macao den Chinesen, nur daß die Anhöhen des letzteren sich nicht entfernt mit dem Felsen des Dschebel al Tarik vergleichen lassen. Auch Macao liegt auf einer langen, nach Süden laufenden Halbinsel, die nur durch einen flachen, sandigen Landstreifen von fünfundsiebzig Meter Breite mit dem chinesischen Hinterlande zusammenhängt. Jenseits davon gewahrte ich die Mauern der chinesischen Stadt Tschingan, das die Portugiesen in Casabranca umgetauft haben. Wie groß aber der portugiesische Landbesitz in Wirklichkeit ist, können sie selbst nicht sagen. Sie haben wohl vor lauter Sklavenverkäufen und Spielen in den chinesischen Spielhöllen während der dreiundeinhalb Jahrhunderte ihres Hierseins noch keine Zeit dazu gefunden. Sie behaupten, ihre Kolonie sei einunddreißig Quadratkilometer groß, ein Zehntel von Schaumburg-Lippe, aber die Chinesen geben ihnen nicht einmal das, ja bis zum Jahre 1887 ließen die bezopften Söhne des Himmels überhaupt keine Ansprüche der Portugiesen zu. Ich erkundigte mich über die eigentlichen Besitzverhältnisse in dem monumentalen Regierungsgebäude auf der Praya. Der überaus höfliche Secretario geral do Governo e Secretario de Legaçao (die Portugiesen lieben lange Titel) widersprach den Angaben der meisten Reisewerke, daß Macao gar keine portugiesische Kolonie sei. Bis 1887 hätten die Portugiesen allerdings dem Kaiser von China eine jährliche Miete von 500 Taëls für die Halbinsel gezahlt. In dem Vertrage des genannten Jahres aber wurde der wirkliche Besitz den Portugiesen zuerkannt. Sie haben, um das zu erreichen, dreihundertfünfzig Jahre gebraucht. Kann man sich da über den Rückgang ihres einstigen Weltreiches wundern?

Die heute noch in Macao lebenden Portugiesen, etwa 5000, sind, wie bemerkt, mit wenigen Ausnahmen Mischlinge, denen man die chinesische oder malayische Mutter an den Schlitzaugen und der dunkeln Hautfarbe sofort ansieht. Keine andere Nation Europas hat ein so erstaunliches Anpassungsvermögen, was mit anderen Worten heißt, keine hat sich für die weibliche Hälfte der dunkelhäutigen Menschenrassen so empfänglich gezeigt, so wenig kaukasischen Rassenstolz entwickelt. Ich habe diese Wahrnehmung in Afrika, in Indien, auf den Sundainseln, in Malakka etc. gemacht und sah sie nun auch in China bestätigt.

Wovon die Portugiesen in Macao leben, ist schwer zu sagen. Während in Hongkong und Canton der denkbar regste Handel und Verkehr herrscht, ist es in Macao still, und das ganze noch vorhandene Geschäftsleben liegt in den Händen der 60000 Chinesen, welche das weitaus bedeutendste, lebenskräftigste und wohlhabendste Element in dieser europäischen Kolonie bilden. Das Streben jedes Portugiesen in Macao scheint es zu sein, in irgend einem andern Hafen Ostasiens Unterkunft und Beschäftigung zu finden, oder in Macao selbst irgend eine Regierungsstelle zu ergattern. Es ist gar nicht zu glauben, welches Beamtenheer hier erforderlich ist, um die einunddreißig Quadratkilometer Landes zu verwalten. Das Sprichwort „Viele Köche versalzen die Suppe” hat sich hier glänzend bewährt.

An die europäische Stadt schließt sich jene der Chinesen an, eben so schmutzig, lärmend, belebt wie das Chinesenviertel in Hongkong, aber die Elemente, die sich hier zusammengefunden haben, sind zum Teil noch verlotterter als dort. In früheren Jahrzehnten steckten die chinesischen Kaufleute hier unter einer Decke mit den portugiesischen in Bezug auf den schmachvollen Menschenhandel, der hier getrieben wurde. Harmlose Chinesen wurden unter allerhand falschen Vorspiegelungen angeworben, auch durch Piraten gewaltsam abgefaßt und als Sklaven nach Peru, Kalifornien oder Mexiko verkauft. Eine halbe Million Seelen fielen den Portugiesen so zum Opfer, bevor die chinesische Regierung die Einstellung dieses Kulihandels erwirken konnte. Damit ging die leichteste und ergiebigste Einnahmequelle den Portugiesen verloren, und so warfen sie sich denn im Verein mit ihren chinesischen Freunden auf das Lotteriewesen, das bei einem so spiellustigen Volke, wie die Chinesen, günstigen Boden finden mußte. Wie früher durch den Kulihandel, so wurden nun durch die Lotterie im wahren Sinne des Wortes spielend ungeheure Vermögen erworben, und auch die portugiesische Regierung gewann durch die Abgaben jährlich Millionen. Um das Geld im Lande zu erhalten, hob die chinesische Regierung das Lotterieverbot in China auf, die in Macao befindlichen Lotteriegesellschaften fanden in neugegründeten Anstalten dieser Art in Canton gewaltige Konkurrenten, und damit versiegte auch diese unlautere Einnahmequelle. Statt der früheren Millionen giebt sie heute der Regierung nur etwa 200000 Mark jährlich. Nun warfen sich die guten Bewohner von Macao, dieser Freistätte des Lasters, auf den Opiumschmuggel. Die Chinesen konnten demselben nicht anders beikommen als durch die Gründung einer neuen Zollstation auf der benachbarten Insel Lappa, und so blieben den Portugiesen nur jene Geschäftchen, welche in Macao selbst betrieben werden können, wo sie die Hand der chinesischen Regierung nicht erreichen kann: die Spielhöllen mit Baccarat und dem chinesischen Fan-Tanspiel, das der portugiesischen Regierung immer noch eine jährliche Einnahme von etwa 600000 Mark abwirft. Während die Kaufleute anderer europäischer Nationen in China ihr Augenmerk auf die kommerziellen Bedürfnisse der Chinesen richten, spekulieren die Portugiesen, wie man sieht, hauptsächlich auf deren Laster und Leidenschaften; kein Wunder, daß sie sich unter Chinesen wie Europäern in Asien keiner besonderen Achtung erfreuen.

In den beiden vorzüglichen Hotels von Macao, dem „Boa vista” und dem auf der Praya Grande (der Strandpromenade) gelegenen Hingkeehotel findet der Besucher immer Führer, welche ihn auf seinen Spaziergängen durch die Chinesenstadt begleiten und die hauptsächlichsten Spielhöllen zeigen. So elegant und einladend, wie jene des europäischen Macao, Monte Carlo, sind sie keineswegs, aber dennoch trifft man in ihnen neben Chinesen auch viele Europäer, Portugiesen wie junge englische Clerks, welche auf den „Gambling Steamers” von Hongkong herüberkommen, um ihr Glück zu versuchen. Aus Neugierde setzte ich selbst auch einigemale auf Fan-Tan und — gewann. Die Einrichtung des Fan-Tantisches ist sehr einfach. Die Spieler setzen sich an die mit 1, 2, 3, 4 bezeichneten Seiten des Tisches und legen ihren Einsatz auf eine derselben. In der Mitte wird ein Haufe von kleinen Münzen oder auch Bohnen, Steinchen etc. zusammengeworfen und mit einer Metallschüssel bedeckt. Sind die Einsätze gemacht, so hebt der Bankhalter die Schüssel ab und zählt den Münzen- (oder Bohnen-)haufen, indem er immer vier und vier davon abstreift. Bleiben eine, zwei oder drei Münzen übrig, so haben jene Einsätze gewonnen, welche auf die mit 1, 2 oder 3 bezeichnete Tischseite gelegt wurden. Bleibt kein Stück übrig, war also die Münzenmenge durch vier teilbar, so streicht der Bankhalter alle Einsätze ein. Es kann aber auch auf alle vier Seiten gesetzt werden, und der Bankhalter zieht einen Teil des Gewinstes für sich ein.