Ein anderes Spiel, das die portugiesische Regierung als Monopol einer Gesellschaft abgetreten hat und aus dem sie eine Einnahme von etwa zweihunderttausend Mark jährlich bezieht, ist das Pak-kap-piu. Die ersten achtzig Schriftzeichen, welche in dem Schulbuche der Chinesen „Die tausend Schriftzeichen Klassiker” enthalten sind, befinden sich auf Papierstreifen aufgedruckt, welche unter die Spieler verteilt werden. Der Bankhalter verkauft nun Karten, welche, auf die Papierstreifen aufgelegt, gerade zehn der achtzig verschiedenen Schriftzeichen bedecken. Bei dem Spiele, an welchem ich in einer der Spielhöllen teilnahm, kostete jede Karte hundert Reis (Macao besitzt die portugiesische Goldwährung). Ich legte meine Karte auf die ersten zehn Schriftzeichen. Der Bankhalter zog nun aus einer verdeckten Schüssel zwanzig Täfelchen und legte sie vor sich auf den Tisch, so daß alle Mitspielenden sie sehen konnten. Jedes Täfelchen enthielt ein Zeichen. Mein Führer hob nun meine Karte auf und sah nach, welche dieser zwanzig gewinnenden Zeichen unter meiner Karte waren. Er zählte deren drei. Ich hatte meinen Einsatz verloren. Hätte meine Karte deren sechs bedeckt, so wäre mir ein Gewinst von hundert Reis zugefallen; bei sieben Schriftzeichen zweihundert, bei allen zehn etwa zehntausend.

Diese beiden Spiele waren in den Spielhöllen, die ich besuchte, die beliebtesten. Aber es wurden deren noch Dutzende andere gespielt, mit Würfeln, Dominos, Bambusstäbchen und den fingerlangen kleinen chinesischen Spielkarten, deren es zwei verschiedene Arten giebt. Ein Spiel mit Dominopunkten auf den Karten zählt deren 32, ein anderes, Ngau-pai genannt und schon seit Jahrtausenden bekannt, besitzt in jedem Päckchen 36 Karten und dürfte wohl das älteste Kartenspiel der Welt sein.

Indessen, weder in Macao noch sonst irgendwo in dem großen Reiche der Mitte beschränken die Chinesen ihre außerordentliche Spielwut auf die Spielhöllen allein. Alt und jung, Männer wie Frauen, reich und arm bis zu dem elendesten Kuli, alles ist von frühester Jugend an dem Spiel ergeben. Man sieht die Chinesen in den Häusern, in den Kaufläden, in Theehäusern, ja selbst in den Vorhöfen ihrer Götzentempel, auf Schiffen und in den Straßen spielen. Jede Gelegenheit wird dazu benützt. Bei meiner Wanderung durch den ungemein reichhaltigen Fruchtmarkt von Macao bemerkte ich ein halbes Dutzend langbezopfter Söhne des Himmels um einen Fruchthändler versammelt, der unter spannender Aufmerksamkeit seiner Zuseher eine Apfelsine schälte. Sorgfältig zerteilte er sie und zählte dann die in ihr befindlichen Samenkörner. Als er das Resultat laut ausrief, wechselten die sechs zusehenden Chinesen Geldmünzen untereinander. Ich konnte mir den Grund nicht erklären. Mein Führer erzählte nun, die sechs Chinesen hätten untereinander auf die Zahl der Samenkörner in der ersten besten Orange gewettet.

Blumenboot.

Auf dem Perlfluß.

Giebt es auf dem Erdball einen Fluß, auf welchem sich ebenso interessantes, reges, malerisches Leben zeigt wie auf dem Perlfluß? Ich kenne ihn nicht. Man könnte die Themse erwähnen und den Hudson bei Neuyork, aber die breiten Rücken dieser Ströme tragen hauptsächlich gewaltige Ozean- und Flußdampfer, Dampffähren, Schleppschiffe und moderne Segler. Sie sind nur Wasserstraßen, dem Verkehr gewidmet, nicht dem Leben. Leben zeigen wohl der Ganges, Nil, Irawaddi und der Menam, allein lange nicht in dem gleichen Maße wie der Perlfluß, besonders auf der achtzig Seemeilen langen Strecke zwischen dem größten Handelsemporium und der größten Stadt des himmlischen Reiches, zwischen Hongkong und Canton. Dort lebt ein großer Teil der Bevölkerung geradezu auf dem Wasser, und während die modernen Dampfer, welche die Europäer auch auf diesem urchinesischen Fluß verkehren lassen, nur dem Transport von Waren und Passagieren dienen, wohnen auf dem Perlfluß Hunderttausende von Menschen. Auf der breiten Wasserfläche dieses trüben, schlammigen, reißenden Flusses werden sie geboren, verbringen sie ihr Leben und sterben; aus seinen Fluten ziehen sie ihre Nahrung, ihren Lebensunterhalt. Sie sind menschliche Amphibien, denen das Leben auf dem trockenen Festlande kaum erträglich scheint, und die sich nur auf ihren Sampans, Fischerbooten und schwimmenden Häusern wohlbefinden.

Man mag in dem ungeheuren chinesischen Reiche reisen, wohin man will, nirgends wird sich die chinesische Eigenart malerischer zeigen als auf dem Cantonflusse und auf dem Wege dahin. In letzter Zeit wird viel von einer Eisenbahn zwischen Hongkong und Canton gesprochen, vielleicht wird man schon in wenigen Jahren das Dampfroß durch die gesegneten Reisgefilde am Kwantung eilen sehen. Aber wer immer in Zukunft Canton besucht, möge die Flußfahrt dahin unternehmen, wenn er das alte China kennen lernen will. Prächtige große Dampfer von mehreren tausend Tonnen Gehalt vermitteln den Verkehr zwischen den beiden so wichtigen Städten. Als ich eines Morgens nach einer raschen Fahrt in der Jinrickishaw durch das schmutzige Chinesenviertel in Hongkong den Dampfer Hankau bestieg, der mich nach Canton bringen sollte, glaubte ich mich auf einem der schwimmenden Passagierpaläste des Hudson zu befinden, so groß und prächtig sind die Dampfer der Hongkong-Canton- und Macao-Dampfergesellschaft. Auch die Einrichtung dieser blendend weißen Schiffe mit ihren geräumigen, eleganten Salons, ihrem Hurricandeck und ihren schönen Kabinen erinnerte mich an die Hudsondampfer. Nur besitzen sie eine bedenkliche Zuthat, die den amerikanischen Flußdampfern fehlt. In einem an den Salon grenzenden Raume prangte ein kleines Arsenal von Schieß-, Stich- und Hiebwaffen, zum Zugreifen bereit, und als mich ein chinesischer Steward mit lang herabhängendem Zopfe in meine Kabine führte, bemerkte ich in dieser, unmittelbar über meinem Bett, einen haarscharf geschliffenen Säbel und einen geladenen Revolver. Vor den zum Zwischendeck führenden Thüren hielten bewaffnete Matrosen Wache und ließen keinen der tausend oder noch mehr chinesischen Passagiere, welche dort unten zusammengepfercht waren, auf das Oberdeck.