Mutter mit Kind.
In der gegenwärtigen Uebergangsperiode von Alt- zu Neujapan bekommt man in den Straßen Tokios zuweilen eine ergötzliche Mischung von Volkstrachten zu sehen. Das konservative Element bilden in Japan ebenso wie anderwärts die Frauen. Während monatelanger Reisen im Mikadoreiche habe ich Japanerinnen in europäischer Kleidung niemals auf der Straße, niemals in Theehäusern und Theatern und nur vereinzelt in vornehmen Gesellschaften in der Hauptstadt gesehen. Selbst einzelne Kleidungsstücke, wie Hüte, Schuhe, Strümpfe und dergleichen, haben bei den Japanerinnen noch nicht Eingang gefunden; auf der Straße wie im Hause kleiden sie sich glücklicherweise noch durchwegs japanisch, tragen ihre Kimonos und Obis, fächeln sich mit Papierfächern, rauchen ihre winzigen Pfeifchen, schneuzen sich mit Papierläppchen. Nur ein europäischer Artikel hat Gnade vor ihren Augen gefunden: an Stelle der reizenden Sonnenschirme aus Bambus und buntgeblümtem Papier tragen sie heute schon vielfach unsere unschönen Regenschirme mit dunklem Stoffüberzug. Bei den Orientalinnen fing die europäische Kultur von unten an; in Algier, Tunis, Aegypten, Kleinasien haben die Schönen willig ihre Pantöffelchen mit europäischen Schuhen und Strümpfen vertauscht; bei den Japanerinnen kommt der europäische Segen in Gestalt des Regenschirmes von oben, während sie mit Eigensinn an ihren unschönen, etwas über die Knöchel reichenden Socken und an den schweren, plumpen Holzsandalen, den Getas, festhalten. Auf diesen ein bis zwei Zoll hohen Holzklötzen schlürfen sie mit geknickten Knien und vorwärts geneigtem Oberkörper einher, und wenn die Frauen im Straßenleben Tokios dennoch die reizvollsten Erscheinungen sind, so verdanken sie dies nur ihren lieblichen, freundlichen Gesichtchen und den bunten, langen, faltenreichen Gewändern. Madame de Staël hat in Bezug auf die Europäerinnen sehr richtig bemerkt: „Es ist ihnen schwer, schön zu tanzen, schwerer, schön zu gehen, am schwersten, schön zu stehen.” Den Japanerinnen ist es schwer, schön zu stehen, schwerer, schön zu gehen, und tanzen nach unseren Begriffen können sie gar nicht.
Auch unter den Männern, denen man in den Straßen Tokios begegnet, sieht man nur wenige in europäischer Tracht. Hier reitet wohl ein Offizier in europäischer Uniform einher, stets begleitet von einer Ordonnanz; die Polizisten und Postboten tragen Uniformen, die Beamten, Aerzte, Professoren, Edelleute, Angestellte des Hofes und einzelne Elegants, die Europa besucht oder dort studiert haben, tragen europäische Kleidung. Aber sonst sind die Japaner ihrer alten Tracht treu geblieben. Dem Fortschritt huldigen viele von ihnen höchstens insofern, als sie zu ihren langen Kimonoschlafröcken europäische runde Hüte oder Seidencylinder tragen, was ihr Aussehen keineswegs malerisch macht. Man denke sich nur in einer europäischen Stadt einen Spaziergänger mit Brille, Cylinderhut, Regenschirm und plumpen Holzpantoffeln, den Körper in einen langen, dunkeln Schlafrock gehüllt, der beim Gehen auseinanderschlagend die nackten Beine des Spaziergängers zeigt! Und solche Gestalten sieht man in den Straßen Tokios zu Tausenden. Noch grotesker ist ihr Anblick bei Regenwetter. Um ihren Kimono nicht zu beschmutzen, heben sie denselben zuweilen bis an die Hüften empor und schlürfen in nackten Beinen umher. Dasselbe thun aber auch die japanischen Frauen und Mädchen mit rührender Ungeniertheit.
Im Asakusatempel.
Dem Reinen ist alles rein. Das dachten wohl auch die vierzigtausend strammen jungen Burschen, die behende die Kurumas durch die Straßen Tokios ziehen, als ihnen durch die Behörden eine Uniform dekretiert wurde. Bis dahin schienen sie schon reich gekleidet, wenn sie sich ein paar hübsche farbige Figuren auf ihre Bronzehaut auftättowieren ließen. Nun müssen sie aber Uniformen tragen. In Europa dürften sie auch in diesen wegen zu großer Nacktheit eingesteckt werden, aber für japanische Verhältnisse sind sie mehr als genügend bekleidet. Dunkelblaue, strammanliegende Kniehosen bedecken ihre Hüften und Schenkel, ein vorne offenes Jäckchen aus grobem, dunkelblauem Baumwollstoffe den Oberkörper. Auf ihrem Kopfe sitzt ein mächtiger, pilzförmiger Strohhut, auf der Außenseite mit weißem Stoff überzogen, und an ihren Füßen stecken Strohsandalen. Jeder Kurumaj hat überdies auf dem Rücken seines Jäckchens die Nummer seines Handwägelchens aufgenäht. Aehnlich sind auch die Post- und Telegraphenboten uniformiert, nur daß sie außerdem noch weiße gestrickte Handschuhe tragen. Die Kulis, die im Hafen oder an den Ufern des stets mit Booten und Frachtschiffen bedeckten Sumidaflusses arbeiten, ersparen sich auch die Kniehosen. Das vorne offene Jäckchen und ein weißes Lendenband, nicht viel breiter als unsere Kravattenschleifen, bilden ihre einzige Bekleidung.
Die Studierenden der Universität, ja selbst die Schuljungen von Tokio tragen heute der Mehrzahl nach europäische Kleidung, und es befremdet den Touristen nicht wenig, inmitten des fremdartigen, bunten Straßenverkehrs die schlitzäugigen kleinen Japaner statt im Kimono in Beinkleidern und Stiefeln einherwandern zu sehen, die große Schultasche oder ein Paket Schulbücher unter dem Arme. Die kleinen Mädchen dagegen halten gerade so wie ihre Mütter an der reizenden Nationaltracht fest, und unter all den weiblichen Gestalten, die mit dem Fortschreiten des Tages immer zahlreicher im Straßenleben auftreten, sind die Mädchen die lieblichsten. Gewöhnlich tragen sie schon im Alter von sechs oder acht Jahren ein jüngeres Schwesterchen oder Brüderchen, das die Kunst des Gehens noch nicht erlernt hat, auf ihre zarten Rücken gebunden, lassen sich aber dadurch in ihren munteren Spielen keineswegs hindern. Die Abwesenheit von Straßenschmutz und Wagenverkehr erlaubt es ihnen, sich vor ihrem väterlichen Hause umherzutreiben. Zuweilen rollen am späten Vormittage doch einzelne Equipagen von Prinzen oder Gesandten durch die Hauptstraßen, aber gewöhnlich läuft den Pferden ein flinkbeiniger Diener nach Art der ägyptischen Sais voraus und verhindert durch seine Warnungsrufe Unglücksfälle.
Arbeiter bei der Mahlzeit.