Straßenleben in Tokio.
Von all den Sehenswürdigkeiten, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches dem fremdländischen Touristen bietet, ist keine so interessant und reizvoll wie das Volksleben in den Straßen, Winter und Sommer, Tag für Tag, von Sonnenaufgang bis in die zehnte oder elfte Abendstunde, ein Museum eigener Art, das uns ganz Japan, arm und reich, hoch und niedrig, in allen Ständen und Berufsarten, auf die bequemste und anziehendste Weise vor Augen führt: am frühen Morgen bei der Toilette, vormittags im geschäftlichen Verkehr, nachmittags auf der Promenade, abends bei den Vergnügungen.
Schon um sechs Uhr morgens stehen vor dem Hotel die eigentümlichen, japanischen Droschken, die von flinken, strammbeinigen Burschen gezogenen Kurumas, und trat ich um diese frühe Stunde auf die Straße, so begrüßte mich gewiß mein gewöhnlicher Kurumaja, den Hut in der Hand, mit den Worten: „Sukoschi o aruki irraschai?” (Herablassen, eine kleine ehrenwerte Spazierfahrt machen?) Ihn abzulehnen hätte mir nicht viel genützt, denn ein paar andere wären mir mit ihren Handwägelchen gefolgt, straßenauf und -ab, bis ich mich doch entschlossen hätte, einen davon für meine Spazierfahrt zu mieten.
Die Japaner sind keine Frühaufsteher. Um sechs Uhr morgens sind die Straßen noch menschenleer, die Häuser größtenteils geschlossen, und nur hier und da sieht man Weiber, welche die Straßen vor ihren Häusern kehren. Die japanische Polizei ist sehr streng, und jede Vernachlässigung wird empfindlich gestraft. Die Straßen der Hauptstadt haben ja keine Trottoirs; sie sind auch nicht so notwendig wie in europäischen Städten, denn in Tokio giebt es fast gar keinen Wagenverkehr. Alle Welt geht zu Fuß oder fährt in den kleinen Kurumas, deren Zahl in der Hauptstadt allein vierzigtausend übersteigt. Deshalb sind die Straßen auch leicht reinzuhalten. Was die Hauseigentümer nicht zusammenkehren lassen, wird von den zahlreichen Hühnern vertilgt, die um diese Stunde für kurze Zeit aus ihren Käfigen gelassen werden. An den Straßenecken stehen schläfrige Polizisten in ihren europäischen Uniformen; Kulis mit langen, schmalen Bottichen auf dem Rücken eilen geschäftig von Haus zu Haus, um den Unrat des vorhergehenden Tages einzusammeln und auf die Felder vor der Stadt zu tragen, ein gar kostbarer Schatz, denn nur durch diesen ist der Ertrag der japanischen Kulturen so reichlich. In den ärmeren Quartieren bezahlen die Bewohner mancher Häuser mit dem Unrat allein ihren Mietzins. Diese sorgfältige Verwendung der städtischen Abfälle hat freilich auch ihren Nachteil. Tokio besitzt noch immer keine Wasserleitung, die Ziehbrunnen in den Straßen reichen für den Wasserbedarf nicht hin, und in den ärmeren Quartieren muß man zu den Flüssen und Bächen Zuflucht nehmen, welche durch die auf dem Lande allgemein übliche, künstliche Bewässerung einen Teil dieser Abfälle wieder in die Stadt führen, eine der Hauptursachen der Cholera- und Typhusepidemien.
Bald erscheinen in den Straßen auch Landbewohner und Fischer, die den Ertrag ihrer Felder resp. ihres nächtlichen Fanges auf den Markt bringen. Manche tragen ihre Lasten auf dem Rücken, andere haben sie auf Handwägelchen verladen, zuweilen sieht man auch einzelne von Pferden oder Ochsen gezogene Wagen, aber der hauptsächlichste Frachtenverkehr erfolgt doch auf Schultern und Rücken der fleißigen, arbeitsfreudigen Kulis.
Allmählich werden auch die Häuser geöffnet. Mit lautem Rasseln und Knarren werden die Amado (hölzerne Sturmwände), die zur Nachtzeit rings um die Veranden der Häuser aufgestellt werden, beiseite geschoben, und während meiner langsamen Fahrt erhalte ich gar manchen Einblick in die intimen Verrichtungen des japanischen Hauswesens. Hier lagert eine Familie auf den weichen, reinlichen Matten und nimmt das Frühstück ein. Eltern und Kinder hocken im Kreise um die mit blendend weißem dampfenden Reis gefüllten Schüsseln und schlürfen aus zarten winzigen Täßchen heißen Thee. Dort liegt ein Japaner noch auf der Matratze und schmaucht sein Morgenpfeifchen, während die weiblichen Wesen seines Hausstandes waschen und fegen und kochen. Im Nebenhause breitet ein Kuriositätenhändler seine Schätze zum Verkaufe aus, ohne sich um seine Nachbarinnen zu kümmern, die eben in einem großen hölzernen Bottich ohne irgendwelche Bekleidung ihr Morgenbad nehmen. In einem anderen Hause kauert ein junges Mädchen, bis zu den Hüften unbekleidet, vor einem Spiegel, pudert ihr hübsches Gesichtchen und schminkt ihre Lippen so ungeniert, als wäre sie zwischen vier Wänden eingeschlossen. In demselben Raume macht vielleicht ein Japaner seine einfache Toilette. Seit der Europäisierung des Landes tragen die Japaner ihre alten, sorgfältigen Haartrachten nicht mehr; ihre Zöpfchen fielen der Schere des Friseurs zum Opfer, und die bürstenartigen Haarstoppeln folgen dem Kamme doch nicht. Bärte werden in Japan vornehmlich nur von den Beamten, den Aristokraten und Gelehrten getragen; die Männer des Volkes aber rasieren ihre Gesichter vollständig glatt. Ist diese Arbeit besorgt, so wird der lange, schlafrockartige Kimono angezogen, die Füße werden mit weißen oder blauen Leinensocken bekleidet, und die Toilette ist gemacht.
Die Straßen füllen sich immer mehr, hauptsächlich mit Männern, die in ihre Geschäfte eilen oder auf den Märkten Einkäufe besorgen. Reis, Fische und Gemüse bilden die Hauptnahrung der Japaner. Fleisch wird nur wenig gegessen, an seine Stelle treten die Fische, die in unzähligen Arten auf den interessanten, belebten Fischmärkten zum Verkauf dargeboten werden, und merkwürdigerweise sind es auch hier nur Männer, die ihren täglichen Hausbedarf einkaufen. Alles spielt sich in größter Ruhe ab, Käufer und Verkäufer verneigen sich ehrfurchtsvoll voreinander, und Szenen, wie sie sich auf unseren europäischen Fischmärkten abspielen, sind in Japan ebenso undenkbar wie die unflätigen Flüche, die man bei uns zu hören bekommt. Die japanische Sprache kennt keine Flüche.
Noch größer sind die Höflichkeitsbezeugungen in den Häusern oder auf der Straße, wenn Bekannte einander begegnen. Die große Mehrzahl der Japaner geht noch immer barhäuptig umher; nur Soldaten, Beamte, Studenten oder elegante Dandys tragen Kopfbedeckungen, und bei diesen besteht der Gruß im Salutieren oder ehrerbietigen Abnehmen der Hüte unter mehrfachen tiefen Verbeugungen. Bei Altjapanern wirken die Begrüßungen, selbst in den unteren Ständen, auf den europäischen Beschauer geradezu komisch. Bei einem besseren Zustande der Straßen würden sie wohl voreinander niederknien. So beschränken sie sich bei der Begegnung darauf, stehen zu bleiben und halbwegs in die Knie zu sinken. In dieser Stellung machen sie mehrere tiefe Verbeugungen voreinander, während sie mit den Händen auf ihren Schenkeln mehrmals auf- und niederfahren und bei geöffneten Lippen, aber geschlossenen Zähnen die Luft mehreremale laut hörbar einziehen. So bleiben sie eine geraume Zeit einander gegenüber, bis sich endlich der eine entschließt, seinen Weg fortzusetzen. Er wird stets als der Unhöflichere von beiden betrachtet, außer wenn seine Rangstellung ein höhere sein sollte.