Nach mehrwöchentlichem Verweilen in dieser Bergregion des mittleren Japan brachen wir endlich, nicht ohne Bedauern, auf, um nach der alten Hauptstadt des Reiches, nach Kioto, zu fahren. Auf dem Wege dahin blieben wir noch einige Tage in dem interessanten Nagoya, das, auf der großen Eisenbahnlinie Tokio-Kioto gelegen, doch noch von europäischen Einflüssen verschont geblieben ist und neben echt japanischem Leben auch noch großartige Tempel, reichgefüllte Antiquitätenläden und vor allem sein stolzes Daimioschloß besitzt. Dieses letztere, ein mehrstöckiger Bau in Pyramidenform, wird von den berühmten zwei goldenen Delphinen gekrönt, von denen einer auf der Weltausstellung in Wien allgemeine Bewunderung erregt hat. Das alte Schloß, einst die Residenz der mächtigen Fürsten von Owari, enthält in seinem Innern nicht viel Sehenswertes mehr, denn die Zerstörungswut der Staatsbehörden, der in den ersten Jahren der gegenwärtigen Regierung so viele Herrlichkeiten des alten Japan zum Opfer gefallen sind, hat auch dieses großartige Denkmal der Feudalzeit nicht verschont. Nur in seinem Aeußern ist es so geblieben, wie es in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war.

Von Nagoya führte uns der Weg, teilweise in Rickshaws, teilweise im Eisenbahnwagen, durch die gesegneten Gefilde des ehemaligen Fürstentums Owari über Gifu an die Gestade des großen Biwasees und schließlich nach Kioto.

Japanischer Buddha.

Kioto, die alte Hauptstadt von Japan.

Der österreichische Thronerbe Erzherzog Franz Ferdinand sagt in seinem spannenden Werke über die von ihm unternommene Weltreise mit vollem Recht: „Was dem Katholiken Rom, dem Russen Moskau, dem Mohammedaner Mekka, dem Buddhisten Kandy, das ist Kioto dem Japaner.”

Damit soll freilich nicht auch gesagt sein, daß Kioto sich irgendwie mit Kandy, Mekka, Moskau oder gar mit Rom vergleichen lasse. Wer von der alten Hauptstadt des Mikadoreiches eine Art Rom erwartet, wird bei seinem Besuche dieser Hauptstadt gründlich enttäuscht. Kioto ist keine Stadt von Palästen, von Kunstwerken, Denkmälern, Museen, von großstädtischem Leben und Reichtum, wie Moskau oder Rom. Es besitzt davon im vollen Sinne des Wortes nichts, und würde irgend einer der zahllosen Adelspaläste der ewigen Stadt, irgend eine ihrer Kirchen nach Kioto verpflanzt werden, sie würden die größten und vornehmsten Bauten dieses japanischen Rom bilden; ja ich zweifle, ob die hundertfünfzigtausend Häuser von Kioto zusammengenommen hinreichend Mauerwerk enthalten, um damit nur einen einzigen römischen Palast bauen zu können.

Kioto ist eine hölzerne Hüttenstadt, gerade so wie der Hauptsache nach Tokio, wie Nagoya, Nagasaki und alle anderen Städte des japanischen Inselreiches, nicht schöner, nicht reicher, nicht großartiger; aber es ist dennoch die interessanteste Stadt. Warum, lernt der Reisende schon nach einem Aufenthalte von mehreren Tagen kennen, besonders wenn er zuvor die anderen Städte Japans besucht hat.