Die Landkarte zur Hand. Dort, wo die größte Insel des Mikadoreiches die schmalste Stelle zeigt, beiläufig im Mittelpunkt des ganzen japanischen Archipels, liegt der malerische Biwasee, an Größe etwa den Genfersee erreichend. Westlich von diesem See liegt in einem von hohen Bergen umschlossenen Thalkessel das alte Kioto. Für eine Kaiserresidenz war die Lage gut gewählt, und thatsächlich lebten und starben hier seit beinahe einem Jahrtausend eine lange Reihe von Kaisern, ungesehen von ihrem Volke, eingeschlossen in einen von hohen Mauern umgebenen Palast aus Holz und Papier. Erst die große Revolution sprengte vor etwa fünfunddreißig Jahren die Fesseln, mit denen die allmächtigen Vizekaiser, die Schogune, ihre kaiserlichen Puppen auf dem Throne umfangen hielten. Im Triumph wurde der Kaiser, dieser Nachkomme der Sonnengöttin, nach der neuen Residenzstadt Tokio, dem alten Yeddo, geführt, Japan warf sich der europäischen Kultur in die Arme und ließ Kioto zurück, wie ein ausgekrochener Schmetterling sein dünnes, vertrocknetes Puppengehäuse zurückläßt. Der ganze Schwarm der Kuge, dieses japanischen Hofadels, der Daimios, das schmetterlingsgleiche, glänzende Gefolge des Kaiserhofes zog mit dem Mikado nach seiner neuen Hauptstadt, und statt mit einem Rom ist Kioto eher mit einer unserer verlassenen Fürstenresidenzen zu vergleichen.

Schon während der seither verflossenen drei Jahrzehnte hat es von seiner früheren Bevölkerung etwa ein Drittel eingebüßt und besitzt heute nur noch gegen dreihunderttausend Einwohner. Aber das ist nur der Anfang von seinem Ende; die gegenwärtige Hauptstadt zieht viel von dem Glanz und Reichtum, das benachbarte Osaka viel von Industrie und Handel an sich; die verarmte Bevölkerung sucht anderswo besseren Erwerb, und es wird Kioto vielleicht ähnlich, wenn auch nicht ganz so gehen wie den japanischen Kaiserresidenzen vor Kioto und wie jenen in anderen Ländern; es wird eine Stadt bleiben von historischen Erinnerungen.

Schade darum, denn die Lage dieser urjapanischen Stadt ist entzückend. Ihre schnurgeraden, nach amerikanischer Schachbrettmanier angelegten Straßen liegen zu beiden Seiten des Kamoflusses (Kamogawa) ausgebreitet, in einer weiten, ovalen Mulde von der Form eines alten, ausgebrannten Kraters. Aber an die Stelle der starren Lava sind üppige Gärten getreten, das weite, graue, einförmige Häusermeer wird hier und dort doch von schattigen Tempelhainen, von Gartenanlagen und Squares unterbrochen und von den silbernen Bändern mehrerer Flußläufe durchzogen. Die sanften Abhänge der Kioto umgebenden Berge sind mit schönen Gärten bedeckt, zwischen denen zahlreiche Klöster, Tempel, Heiligenschreine und Pagoden hervorlugen, und die Länderstriche der ferneren Umgebung sind von den üppigsten Kulturen eingenommen, denn diese zentralen Provinzen von Japan, in deren Mitte Kioto liegt, sind die fruchtbarsten des ganzen Reiches.

Auch die neue Eisenbahn von Osaka nach Kioto hat kein neues Leben in die alte Stadt gebracht, und die moderne halbeuropäische Kultur, deren Einfluß man an vielen Dingen in Tokio und anderen Städten gewahrt, hat Kioto vollständig unberührt gelassen.

Als ich, von der ganz europäischen Hafenstadt Kobe kommend, in Kioto eintrat, brachte mich ein Kuli in einem der bequemen Rollstühle, diesen japanischen Droschken, durch gerade, einsame Straßen nach einem zweistöckigen Hotel, dem Kiotohotel. Es ist heute noch das einzige europäische Gebäude der Stadt, ganz modern gehalten, wie irgend ein Hotel in Europa. Trat ich aber aus dieser abendländischen Touristenoase auf die Straße, so befand ich mich mitten im urjapanischen Leben. Unabsehbare Reihen kleiner, höchstens ein Stockwerk hoher Holzhäuschen, nach der Straßenseite weit geöffnet; hier und da Kaufläden mit Büchern, japanischen Nippsachen oder Antiquitäten, oder ein Tempel mit mehreren Thorbogen und schöngeschwungenem Dach. Die Straßen ungepflastert, aber doch sehr reinlich gehalten; bei Tage nur wenig Verkehr, am Abend schlecht erleuchtet und noch einsamer. Meilenweit auf und ab, überall dasselbe. Die vollständig in europäische Tracht gekleideten Japaner, die Männer ebensogut wie die Frauen und kleinen possierlichen Mädchen, blieben stehen, um den Fremdling mit neugierigen Blicken zu betrachten; die Kinder liefen mir nach oder bildeten einen Kreis um mich, wenn ich bei irgend einem Kaufladen anhielt. Dem äußeren Rahmen nach präsentierten sich die einzelnen Stadtviertel Kiotos wie ebensoviele Dörfer des Berner Oberlandes, die ähnliche braune, mit Veranden geschmückte Holzhäuser zeigen. Denkt man sich irgend eines dieser Stadtviertel nach der Schweiz, etwa in das Emmenthal, versetzt, so könnte es ganz gut als ein Berner Dorf gelten, nur würde das dichte Beisammenstehen der Häuser und die Regelmäßigkeit und Reinlichkeit der Straßen Verwunderung erregen.

Der Zauber von Kioto, ebenso wie der anderen Städte Japans, liegt nicht in den Aeußerlichkeiten, die mehr als bescheiden sind, sondern in dem Leben und Treiben seiner Einwohner, in Sitten, Trachten und Festlichkeiten. Ueberdies birgt das äußerlich so einförmige Straßengewirre in seinen unscheinbaren Häuschen dasjenige, was wir an der japanischen Kultur am meisten bewundern und um was wir die Japaner geradezu beneiden könnten: ihre Kunst und Kunstindustrie. Am Hofe des Kaisers und seiner Großen ist sie in früheren Jahrhunderten großgezogen worden, die Künstler standen ihr ganzes Leben lang im Solde der Fürsten, und ihr Streben war es nicht, wie jener in anderen Ländern, möglichst rasch zu Ansehen und Reichtum zu kommen, sondern Kunstwerke zu schaffen, diesen ihre Individualität aufzuprägen. Arbeitsteilung war diesen Künstlern unbekannt. Jedes ihrer Werke wurde von ihnen entworfen und vom Anfang bis zur gänzlichen Vollendung allein ausgeführt. Die Zeit, die sie dazu bedurften, war nebensächlich, und häufig ist es vorgekommen, daß Künstler an einem einzigen Kunstwerk ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben. Da kam die Revolution. Der Kaiser und die Fürsten zogen von Kioto fort, aber viele Künstler blieben in der alten Hauptstadt zurück. In den kleinen Werkstätten, die sich durch keine Schilder oder äußere Zeichen dem Fremden offenbaren, wird fleißig nach den alten Grundsätzen weitergearbeitet, nur geschieht dies jetzt nicht mehr für die bisherigen Ernährer und Förderer dieser Künstler, die Fürsten, sondern für den allgemeinen Markt. Das konservative Element ist in diesen Künstlerfamilien zu stark, und die Zeit, die seit der Revolution verstrichen ist, war zu kurz, als daß sie sich den modernen Verhältnissen hätten anpassen können, wie es leider in Tokio, in Osaka und anderen japanischen Städten der Fall ist. Dazu ist in Kioto die künstlerische Atmosphäre noch dieselbe geblieben; zahlreiche Fürsten und Große entäußerten sich ihrer Kunstschätze, als die Regierung ihre Länder und Einkünfte konfiszierte, und obschon der größte Teil dieser Kunstschätze nach dem Abendlande gewandert ist und heute in Museen und Privatsammlungen die Bewunderung aller Kenner erweckt, ist doch noch vieles gerade in Kioto zurückgeblieben, das den dortigen Künstlern zum Vorbilde und zur Grundlage für andere Kunstwerke dient. So gewährt es dem Fremden das größte Interesse, diese bescheidenen Künstlerateliers zu besuchen und zu sehen, wie die entzückenden Bronze- und Emailsachen, Porzellane, Lackwaren, Malereien, Stickereien, Brokate und Seidenstoffe aus den fertigen Händen mit so ungemein einfachen Mitteln hervorgehen. Tagelang wanderte ich von einem zum anderen; überall wurde ich mit der altjapanischen, in den Hafenstädten leider auch allzurasch schwindenden Höflichkeit aufgenommen; überall wurde mir mit großem Zeremoniell von zarten Mädchenhänden Thee vorgesetzt, und nach langer Unterhaltung ließen sich die Künstler vielleicht herbei, ihre schönsten, in Kisten auf das sorgfältigste verpackten Kunstwerke zu zeigen. Ebensogroßes Interesse gewährte es mir, in den zahllosen Antiquitäten- und Kuriositätenläden der, Mandschudschidori genannten, Straße umherzustöbern, wo sich neben ganz modernen, auf den europäischen Touristenmarkt berechneten Waren doch noch eine ganze Menge altjapanischer Kunstwerke vorfindet. Uebrigens braucht man sich in Kioto gar nicht in die verschiedenen Läden zu bemühen. Die Bevölkerung ist einesteils durch die geschilderten Umstände verarmt, anderseits hat sie mit der den Japanern eigentümlichen Findigkeit und Schlauheit den Marktwert der alten Kunstprodukte rasch herausgefunden, und teils aus Not, teils aus hochentwickelter Gewinnsucht suchen die Händler oder auch Private die abendländischen Besucher der Stadt selbst auf.

Das alte Kaiserschloß in Kioto (Umfassungsmauer).

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GRÖSSERES BILD]

Schon bei meiner Ankunft am Bahnhofe wurden mir von einer Schar von Agenten Visitenkarten, Zirkulare, Preiskurante, Einladungen und dergleichen überreicht oder in meine Rickshaw geworfen oder in meine Gepäckstücke gesteckt. Auf meinem Zimmer fand ich derlei Adressen zu Dutzenden hinter dem Spiegel steckend oder auf dem Tische ausgebreitet, und kaum hatte ich mit meiner Toilette begonnen, so klopften der Reihe nach ein halbes Dutzend von Kellnern, Stubenmädchen, Agenten, ja selbst kleine zierliche Nesans an meine Thüre, um mir Adressen zu überreichen oder gar eine Menge von Kunstgegenständen verschiedenen Werts, in Tücher gewickelt, vorzulegen. Wollte ich ausgehen, so erwarteten mich diese ambulanten Verkäufer an jedem Treppenabsatze, an jeder Korridorecke; kam ich nach Hause, so stand schon wieder eine ganze Anzahl von ihnen mit Paketen und Rollen und Bündeln da, und ich konnte mich ihrer nicht anders entledigen, als indem ich wirklich einige der reizenden, aber dabei recht teuren Sächelchen erstand. Damit hatte ich aber nur Oel ins Feuer gegossen. Mit staunenswerter Schnelligkeit mußte sich die Nachricht von meinen Einkäufen in Kioto verbreitet haben, denn am Tage darauf wurde ich in meinem Hotel von der doppelten Zahl dieser Verkäufer belagert. Bei aller Zudringlichkeit waren sie von einer Höflichkeit und Ehrerbietung, als wäre ich ein König gewesen. Um ihre Waren kennen zu lernen, ließ ich sie mir doch im Rauchzimmer des Hotels vorlegen. Einem nach dem andern wurde Audienz erteilt. Den ersten hoffte ich los zu werden, indem ich ihm die Hälfte seiner Forderung anbot. Flugs nahm er mich beim Worte, und ohne es zu wollen, war ich um ein japanisches Kunstwerk reicher, um vierzig Mark ärmer geworden. Dem zweiten bot ich ein Viertel seines Preises, und zu meinem Schrecken wurde auch das angenommen. Dem dritten war die Summe, die ich ihm anbot, doch zu gering. Damit hatte ich nun mein Mittelchen gefunden. Ich bot den anderen ein Zehntel ihres Preises, und das schreckte sie derart ab, daß sie mich schließlich nicht weiter belästigten.