Nur eines dieser Feste wird vom Volke im ganzen Lande verstanden, das Fest der Toten, oder wie wir es nennen würden, Allerseelen.
Wohl ist von der modernen Staatsregierung in Japan offiziell wieder die altangestammte Religion der Japaner, der Shintoismus, im Lande eingeführt worden, aber das Volk steckt doch noch ganz im buddhistischen Glauben, der viele Jahrhunderte lang bis zur gegenwärtigen Restauration der herrschende war. Nach diesem Glauben kommen im August jeden Jahres die Seelen der Verstorbenen für drei Tage wieder auf die Erde, besuchen ihre Familien, Heimstätten und Lieblingsplätze, um am Abend des dritten Tages wieder ins Jenseits zurückzukehren.
Diese Geister müssen nach der Meinung des Volkes festlich bewirtet werden, und deshalb wird das Totenfest im ganzen Lande wie kein zweites gefeiert, besonders in der alten Hauptstadt Kioto.
Als ich Mitte August von einer längeren Reise wieder nach Kioto zurückkehrte, zeigte sich mir diese sonst verhältnismäßig einförmige Stadt in geradezu feenhafter Farbenpracht. Straßen auf, Straßen ab, nichts als bunte Fahnen, Flaggen, Festons; an den Häuserfronten in meilenlangen Reihen bunte Lampions in jeder Größe und Form, auf jeder Hausterrasse Blumen, Reisig, Papierguirlanden, besonders reich an solchen Häusern, in denen sich im abgelaufenen Jahre ein Todesfall ereignet hatte.
Blickte ich in diese dünnen Holzhäuschen mit zurückgeschobenen Papierwänden, dann sah ich vor den kleinen Familienaltären, welche dem Andenken der Toten geweiht sind, glimmende Weihrauchkerzen, deren leichter Rauch sich in dünnen Fäden emporschlängelte, und zwischen ihnen kleine Porzellanschälchen mit Reis und Reiswein, als Speise und Trank für die Toten. In den vornehmsten Yaschiki (Palästen) der Großen wie in den ärmsten Hütten, im Hintergrunde der Kaufläden, in Werkstätten, überall werden die Seelen der Verstorbenen auf diese seltsame Weise bewirtet, ohne daß dabei von Andacht oder Trauer etwas wahrzunehmen wäre. In den Straßen drängten sich die Menschen in ihren malerischen langen Festkleidern: Männer in dunklen, schlafrockartigen Kimonos, Frauen mit bunten Sonnenschirmen und Fächern, Mädchen mit hellfarbigen Kleidern und roten Unterröcken, alle gepudert und geschminkt, daß ihre Gesichter wie Puppenlarven aussahen; kleine putzige Kinderchen tummelten sich in großer Zahl zwischen den Erwachsenen herum, womöglich noch bunter gekleidet als die letzteren.
Wenn immer ich in meinem zweiräderigen Wägelchen, der Rickshaw, sitzend um irgend eine Ecke bog und in eine neue Straße einlenkte, dann bot dieselbe in ihrer Gesamtheit ein seltsam prächtiges Bild dar. Die Sonnenstrahlen leuchteten auf diesen Unmassen von roten, gelben, blauen, grünen Sonnenschirmen, auf diesen Tausenden von ebenso bunten Schlafröcken, die sich auf- und abbewegten, spielten auf den Blumensträußen und Fächern, die sich in unzähligen Händen befanden. Diese farbenreiche Menschenmenge wogte zwischen den bunten Häuserreihen einher, wie ein ungeheures Blumenbeet in Bewegung. Und fuhr ich dann mitten durch dieses Gewühl, dann bemerkte ich nur fröhliche Gesichter; die Alten blickten vergnügt umher, die Mädchen, diese lieben kleinen, reizenden Musmis, kicherten, die putzigen Kinder lachten, sprangen und tanzten, als gälte es irgend ein besonderes Freudenfest zu feiern, nicht ein Trauerfest für die Toten.
Das Ziel der meisten waren die Friedhöfe. Dort zwischen den langen Reihen von gleichförmigen niederen Grabsteinen standen bei jedem einzelnen Grabe Bambusstöcke, in deren Oeffnungen frische Blumen steckten. Die fröhliche Menge zeigte nicht die geringste Ehrfurcht oder Scheu vor den letzten Ruhestätten ihrer Toten. Lachend und scherzend stiegen sie über diese hinweg, erneuerten hier und dort die Blumen, banden bunte Lampions an die Stöcke oder stellten Oellämpchen auf die Grabsteine, denn heute Abend, dem dritten des Totenfestes, sollten die Seelen der Verstorbenen wieder zurückgeleuchtet werden in das dunkle Jenseits.
Kaum brach die Dämmerung an, so leuchtete es auf den Friedhöfen wie in den Straßen und Häusern überall auf, anfänglich nur schwach, später in grellen Farben. Hunderttausende von Papierlampions brannten längs der Häuser, die mit ihren Papierwänden im Grunde genommen selbst wie ungeheure Lampions erschienen. Dazu kamen die Lampions, welche die Menschen in den Straßen umhertrugen, auf langen Stöcken über ihren Köpfen, oder in den Händen, oder zu beiden Seiten der geräuschlos umherrollenden zahlreichen Handwägelchen. Das ganze Gewühl hatte etwas Seltsames, Phantastisches an sich: die Abwesenheit von Wagen und Pferden in den Straßen, das eigentümliche Geräusch der auf dem Straßenboden einherschlürfenden Holzpantoffeln, die von den roten oder blauen oder gelben Lampions in dieselben Farben getauchten Gestalten mit den fremdartigen Gesichtszügen, die weißen, bemalten Larvengesichter der Frauen: es schien mir, als wären all diese Wesen die Verkörperung jener Seelen, welche, aus dem Jenseits herabgekommen, heute noch in Kioto weilten, auf der Rückwanderung begriffen nach ihrem unbekannten Seelenheim, nach dem Nirwana, als wäre Kioto aus einer Stadt von Lebenden heute in eine Stadt der Geister ihrer Vorfahren verwandelt.
Ich fühlte mich beinahe unheimlich inmitten dieser Tausende und Abertausende, unter denen ich der einzige Europäer war, und ich ließ mich nach dem Kiotohotel zurückführen, um von den Fenstern meines im obersten Stockwerk gelegenen Zimmers den Gesamteindruck der Stadt zu genießen. Als ich dort eintrat, gewahrte ich auf dem schwarzen Felsen, der sich wie ein Turm im Osten der Stadt hinter Maruyama erhebt, einen Lichtschein. Wie die Flamme einer ungeheuren Fackel schwankte der ferne Lichtschein den steilen Abhang des Daimondschiyama entlang; dann erschien ein zweiter, ein dritter, dann Dutzende und Dutzende, bald hier, bald dort, Irrlichtern gleich, gespensterhaft, hoch empor, wie leuchtende Flammenwege, die ins Jenseits führen. All diese Flammen, flackernd, vom Winde bewegt, bald erlöschend, bald wieder aufleuchtend, verbanden sich allmählich zu Linien, die einander begegneten, einander kreuzten, und schließlich stand das chinesische Schriftzeichen Dai, einem verschlungenen A nicht unähnlich, in ungeheuren Flammenlinien auf dem hohen Berge.
Und während sich dort diese Flammenschrift formte, erstrahlten auf diesem und jenem Berge in der Dunkelheit andere Riesenflammen, nicht willkürlich und formlos, sondern bestimmte Umrisse annehmend, Linien, wie erstarrte Blitze, Dschunken, Pagoden, Schriftzeichen, Thorbogen und dergleichen. Ganz im Westen, wahrscheinlich auf den schwarzen Flanken des Araschiyama, erschien ein derartiger japanischer Thorbogen, ein Torii, wie ihn die Japaner nennen, von ganz ungeheuren Dimensionen, mit turmhohen brennenden Pfeilern und Querbalken, so lang wie Brücken. Wohin ich mich auch wenden mochte, gigantische, gespensterhafte Feuerzeichen überall, auf allen Höhen rings um die tief in einem weiten Thalkessel lagernde Stadt, und in den Straßen dieser letzteren selbst Myriaden bunter Lichter in langen Linien, mit anderen, die dazwischen einherjagten, als wären es wirklich die Seelen der Verstorbenen, die jenen flammenden Himmelszeichen, jenem feurigen Thorbogen zueilten. Darüber die finstere, kohlschwarze, sternenlose Nacht.