Als sich mein Auge an dieses seltsame Meer von Flammen und Lichtern gewöhnt hatte, bemerkte ich erst, daß ringsum auf den Hausdächern, auf Tempeln und Pagoden dunkle, schweigsame Gestalten standen, wie die sterblichen Hüllen jener irrlichtgleichen Seelen, die dort unten in den Straßen weilten. Als aber erst das große Flammenthor in seinen ganzen Umrissen brannte, als das Dai-Zeichen riesengroß durch die Nacht leuchtete, da erhob sich von diesen Gestalten auf den Dächern, den Bewunderern des feenhaften, höllischen Schauspiels, lautes Jubelgeschrei, das sich in den Straßen unten fortpflanzte, der Enthusiasmus der lebhaften, leicht beweglichen Volksmengen war entfacht und machte sich durch donnernde Rufe Luft.
Nach einer halben Stunde begannen die vielen Feuerscheine zu verblassen, allmählich zu erlöschen, die langen Reihen zerfielen wieder in einzelne Flammen, aus dem hellen Leuchten wurde dunkelrote Glut, wie die an Vulkanseiten hängende Lava, und dann erlosch auch diese, nur hier und da kleine Flämmchen, kleine flackernde, im dichten Rauch leuchtende Pünktchen zurücklassend, als wären die Heerscharen des Jenseits nunmehr zurückgekehrt und hätten nur noch einzelne Verspätete auf dem Wege zurückgelassen.
Dann ward es wieder dunkle Nacht, aber noch für lange nachher blieben diese glühenden Zeichen in meinen Augen, wie man das Bild der Sonnenscheibe, in die man geblickt, noch weiter sieht, selbst wenn man das Auge schließt.
Fürwahr, die feisten, faulen, spekulativen Buddhistenpriester kennen ihr Volk und verstehen es, das Interesse an ihrem Tempelzauber im Volke lebendig zu erhalten. Jahrhunderte hindurch haben die Mönche der Klöster auf den Kioto umgebenden Bergen die einfache, harmlose Bevölkerung ihrer Dörfer zu bewegen vermocht, das ganze Jahr über Holz zusammenzutragen und es auf den Berghängen in die bestimmten Linien jeder Flammenfigur niederzulegen. Welche Holzmassen herbeigeschleppt werden müssen, geht schon daraus hervor, daß jede der längeren Linien des Schriftzeichens Dai sich über eine Strecke von zweidrittel Kilometer hinzieht.
Ich stieg nun wieder in das Straßengewirr herab und folgte dem bewegten Menschenstrom, der sich dem breiten Bett des Kamogawa zuwälzte. Der Kamogawa, in der trockenen Jahreszeit nur ein wasserloses, steiniges Flußbett mitten im Herzen von Kioto, ist der eigentliche Hauptplatz der Stadt, der Mittelpunkt des geselligen Verkehrs und der Vergnügungen. Diesmal zog sich in seiner Mitte noch ein ziemlich beträchtlicher Wasserstreifen hin, so daß sich die fröhlichen Volksmassen den Vergnügungen zu Wasser und zu Lande hingeben konnten. Als ich aus der langen, menschenerfüllten Sandschoristraße heraus und auf die große Kamogawabrücke kam, blieb ich, geblendet von dem Anblick des Flußbettes, unwillkürlich stehen. Es erschien mir wie ein ungeheurer Ballsaal, in welchem eben ein tolles Maskenfest gefeiert wurde, lebhafter, farbenreicher, glänzender, großartiger als jene des Abendlandes zur Zeit des Karnevals. An den beiderseitigen Flußufern zogen sich fast ununterbrochene Reihen von Theehäusern, Restaurants, Schaubuden, Theatern hin, alle nach der Flußseite mehr oder weniger offen und von zahllosen farbigen Lampions erleuchtet. Derartige Buden waren auch im Flußbett selbst errichtet, fast bedeckt mit Lampions, und zwischen diesen Buden und jenen der Ufer spannten sich Bögen von Lampions; Lampionketten zogen sich auf dem Wasserlauf selbst entlang, umkränzten die offenen Bühnen der Tänzerinnen, Schauspieler und Zauberkünstler, baumelten auf den zahlreichen Vergnügungsbooten im Flusse, oder bewegten sich, getragen von den Spaziergängern, zwischen der Budenstadt auf und ab, Leben, Farbe, Licht, Bewegung, Gelächter, Gesang, Musik überall, und das einen Kilometer weit stromauf und -abwärts. Aber das war nicht alles. Langsam schritt ich über die Brücke und gelangte nun in die eigentliche Vergnügungsstraße der „heiligen” Stadt der Japaner, nach der Teramadschidori, in der jedes Haus nur dem Vergnügen gewidmet ist. Die Straße ist mit Bambusmatten, über Gerüste ausgebreitet, eingedeckt, und von dieser Decke, ebenso wie von den einzelnen Häusern hängen so zahlreiche Petroleumlampen, Glas- und Papierlampions, daß die Straße gewöhnlich taghell erleuchtet ist. Große Transparente preisen die Vorstellungen der Theater, der Geishamädchen, Sängerinnen, Tänzerinnen an und locken schon zu gewöhnlichen Zeiten das leichtlebige Volk von Kioto scharenweise herbei. Wie erst heute am Bon Matsuri, am Seelenfeste! Jeder Raum, jedes Theehaus, jedes Plätzchen im Flußbett selbst war mit fröhlichen Menschen gefüllt, die sich gütlich thaten und dabei den Darstellungen der Künstler lauschten. Keine Stadt Japans hat so schöne Geishamädchen, so ausgezeichnete Tänzerinnen, so fertige Akrobaten und Zauberkünstler; und sie alle, Tausende an der Zahl, gaben heute das Beste, das sie vermochten. Die Japaner sind Freunde von Picknicks; einzelne Familien hatten sich zusammengethan, um den Abend unter freiem Himmel im Flußbett drunten zu verleben, sie hatten Geishamädchen angeworben, um für sie zu musizieren und zu tanzen. Ueberall gab es heute derartige malerische Gruppen. Im Kreise kauerten die Familien mit ihren festlich geschmückten Kindern (selbst die kleinsten müssen bei solchen Gelegenheiten dabei sein) auf dem Boden, aßen mit ihren Eßstäbchen Süßigkeiten, Reiskuchen und eingemachte Früchte, tranken dazu Sake (Reiswein) oder rauchten ihre winzigen Pfeifchen; zwischen ihnen hockten blutjunge, phantastisch geputzte kleine Mädchen mit der japanischen Guitarre, Flöte und Trommel, und während sie musizierten, tanzten die berühmten Geishas von Kioto den Bonodori, einen religiösen, hauptsächlich in Posen und Körperschwenkungen bestehenden Tanz, der buddhistischen Ursprungs sein soll. Solche Bilder wiederholten sich im Flußbette unzähligemale, hier und dort tanzten auch die Zuseher, einen Kreis bildend, mit den Geishamädchen um die Wette. Ueberall Gesang, überall Guitarregeklimper, Trommelschlag, Gläserklang, Gelächter, Bewegung.
Die reizenden japanischen Mädchen in ihren malerischen Festgewändern, Schmetterlinge und Blumen im Haare, promenierten dazwischen Arm in Arm, auf und nieder, scherzten mit den Bekannten, bewarfen die auf dem Fluß einherziehenden Boote mit Blumen; Kinder umringten die ambulanten Verkäufer von Süßigkeiten, bewunderten die Fertigkeit der Taschenspieler und lachten über die mitunter recht obscönen Scherze der Märchenerzähler. Unter all diesen Zehntausenden befand sich nicht ein einziger Europäer, nicht einmal ein europäisch gekleideter Japaner, es war ein urjapanisches, urheidnisches Fest, und wer Gelegenheit gehabt hat, dieses oder irgend ein anderes Fest, selbst in den für Europäer offenen Städten Japans mit anzusehen, der wird von der vermeintlichen „europäischen” Kultur der Japaner einen sonderbaren Begriff bekommen. Steckt die europäische Kultur etwa allein in Eisenbahnen und Kanonen? Gehören nicht auch das Christentum und die Moral dazu?
Aber unter all den Japanern, die sich auf dem breiten Flußbette des Kamogawa gütlich thaten, befand sich wohl kein einziger Christ, von der Moral gar nicht zu sprechen. Wohl waren die losen, leichtfertigen Geishamädchen von ihren bemalten hübschen Köpfchen an bis zu den Fußspitzen bekleidet, aber in ihren Tänzen trieben sie mitunter die Unmoralität auf das äußerste, vor den Augen ganzer Familien, vor den Augen junger Mädchen, vor Kindern! Und diese blickten naiv, aufmerksam über jede Obscönität lächelnd auf solche Darstellungen! Es steckt in diesem merkwürdigen Volk doch noch ein gutes Stück Barbarentums, und so schön, so malerisch und glänzend ihre Festlichkeiten auch sein mögen, so sehr auch Europäer davon geblendet werden, es kommt doch dabei die ungeheure Kluft zum Vorschein, die uns christliche Bewohner des Abendlandes von diesen heidnischen Orientalen heute und noch auf lange Zeit hinaus trennt.
Beim Musizieren.