Sängerinnen (Trio).

Die Geishamädchen.

Eine Geisha nach europäischen Begriffen, wie sie etwa in der Operette dieses Namens während der letzten Jahre dem Theaterpublikum vorgeführt wurde, ist nicht dasselbe, was eine Geisha in ihrem schönen Heimatlande Japan ist. Ja, ich möchte sagen, sie haben miteinander nichts gemein als den Namen. Wie wäre es auch möglich, auf einer europäischen Bühne diese reizenden, kleinen Zierpüppchen darzustellen, die in Japan das Leben der Männer versüßen, ihnen die Abende in der angenehmsten Weise vertreiben, bei ihren Mahlzeiten die Gattinnen ersetzen, überhaupt als der Inbegriff von Schönheit, Anmut, Jugend, Geist und Witz gelten! Sollten unsere Geishas auf der Bühne wirklich ihren lieblichen japanischen Vorbildern entsprechen, dann dürfte zunächst keine von ihnen größer sein als die kleinste unserer Soubretten, keine älter als zwanzig Jahre, keine schwerer wiegen als das leichteste Schneiderlein. Die winzigen Dämchen unserer Bühnenwelt, die in Jugend und Gestalt an die Geishas von Japan erinnern könnten, sind unsere kleinen Ballettratten, ehe sie noch aus dem Uebungssaal heraus auf die Bühne getreten sind. Aber auch nur in Aussehen und Gestalt; alles andere, was die kleinen Dämchen unserer Ballettschulen erst lernen müssen, um ihren heiteren Beruf vor und hinter den Kulissen mit Grazie zu erfüllen, haben ihre Schwestern in Japan längst hinter sich. Wo denkt eine Sängerin des Abendlandes daran, vor dem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre in die Oeffentlichkeit zu treten? In Japan denkt sie in einem solchen Alter bereits daran, sich zurückzuziehen. Und während unsere Geishas nur die vorgeschriebene Musik zu singen, die vorgeschriebenen Dialoge zu deklamieren haben, muß die japanische Geisha durch schlagfertigen Witz glänzen, tändeln, spielen, kokettieren, wie es in keinem Codex vorgeschrieben ist und wie es nur ihr süßes, leichtfertiges Naturell eingiebt. Ja nicht einmal in Bezug auf die Liebe, und was drum und dran hängt, gleichen einander die beiden Geishas. Die Sprache der Liebe ist universell und überall verständlich, heißt es. In Europa, ja, aber nicht in Ostasien. Die europäische Geisha ist der wirklichen wahren Liebe fähig, mit der größten Hingebung, die japanische wohl der größten Hingebung, aber nicht der wahren Liebe. Sie haben seltsame Herzchen, diese kleinen Geishapuppen von Japan, nicht größer und nicht kleiner als die unserer Theaterdamen, aber es ist nichts drin, es ist wie eine leere Börse. Werden Münzen hineingethan, dann klingt es. Und bekommt das kleine Geishamädchen Geld, dann singt es. So ein Geldbeutelherz kennt deshalb auch keine Leidenschaft, außer die bezahlte, und auch diese ist anders als im Abendlande. Was liegt bei uns nicht alles in einem verstohlenen Händedruck, in einem einzigen Blick! Die kleine Geisha von Tokio und Kioto kann man anblicken und anzwinkern und drücken, so kräftig man will, sie versteht kein Deutsch. Sie versteht auch keinen Kuß, und will irgend ein europäischer Schnurrbart mit ihren Lippen in Berührung kommen, dann glaubt sie, es soll ihr das Rot ihrer Lippenschminke abgebürstet werden. Da giebt es kein Geplänkel, kein Liebesgirren, sie kennt keine Halbheiten. Nichts oder alles, gewöhnlich alles.

Mädchentypen.

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GRÖSSERES BILD]

In der Operette wird auf diese Unkenntnis des Kusses bei den Japanern auch in dem bekannten reizenden Duett Rücksicht genommen, aber dabei umarmen einander doch die Geisha und ihr europäischer Liebhaber, als wäre dies in Japan gerade so selbstverständlich wie anderswo. Die Japaner umarmen einander aber ebensowenig, wie sie einander küssen oder die Hände schütteln. In der ganzen japanischen Litteratur, weder in Prosa noch in Gedichten, findet sich irgend eine Anspielung auf dergleichen, selbst wo die heißeste Liebe der Gegenstand ist. Wenn Mann und Frau, Eltern und Kinder, Braut und Bräutigam, nach jahrelanger Trennung einander wiedersehen, kommt es zu keinem derartigen Erguß ihrer Liebe und Freude.

Die Liebe kommt auch nicht durch Worte zum Ausdruck, wie es in der Operette fortwährend geschieht. In der japanischen Sprache giebt es keine Wörter wie Liebchen, Schätzchen, Täubchen und dergleichen, an denen die europäischen Sprachen so reich sind. Nicht einmal der Ton der Stimme wird weicher und zärtlicher, wenn zwei Liebende, Liebende nach japanischer Art, beisammen sind.