Ich habe in einer berühmten japanischen Ballade, Schuntokumaru mit Namen, die ebenso bekannt und beliebt in jeder Haushaltung ist wie bei uns etwa die Liebesgedichte unserer größten Poeten, einen höchst seltsamen Zärtlichkeitserguß gefunden. Es handelt sich um zwei Liebende, die, durch ein grausames Geschick getrennt, das ganze Reich auf der Suche nacheinander durchwandern und sich endlich im Kiomidzutempel unerwartet wiederfinden. Welcher Dichter würde die zwei Liebenden nicht in der Ekstase des höchsten Glückes mit thränenüberströmtem Antlitz aufeinanderstürzen und ein paar Minuten lang sich umarmen und küssen lassen, wenn nicht die Geliebte selbst vor lauter Erregung ohnmächtig wird oder gar tot zu Boden stürzt? In der japanischen Ballade gucken die Liebenden einander stumm an, dann hocken sie sich auf ihre Waden und streicheln einander ein wenig.

Wenn aber die Liebe in Japan mit dem ganzen Zärtlichkeitskalender so unbekannt ist, wie kommt es dann, daß alle Europäer, die nach Japan kommen, von den kleinen Geishamädchen so entzückt sind? In der Operette hat man diesen Mangel an Liebesergüssen durch solche nach europäischer Art ersetzt, und sie präsentieren sich auch auf der Bühne im japanischen Gewande recht niedlich, aber japanisch sind sie nicht. Durch was wirkt dann die japanische Geisha?

Auf den Japaner wirkt sie durch ihren Geist, ihren Witz, ihre litterarischen Kenntnisse, durch Musik und Gesang. Dem Europäer sind Geist und Witz unverständlich, weil er nur in seltenen Fällen die Sprache hinreichend beherrscht; die Musik, welche die Geisha auf der japanischen Guitarre abzupft, ist für ihn entsetzlich langweilig und unschön, und was ihren Gesang betrifft, so könnte man dabei weinen. Ein solches Genäsel und Gemiaue, auch von der schönsten Geisha auf einer europäischen Bühne zum Vortrag gebracht, würde wie die erbärmlichste Katzenmusik wirken. Was den Europäer besticht, das sind also gewiß nicht ihre angelernten Kenntnisse, sondern nur ihre natürlichen Gaben, nämlich Jugend, Zartheit, Anmut. Wenn sie auch nicht hübsch sein sollte, besitzt sie doch eine gewisse Anziehungskraft. Sie macht einen um so tieferen Eindruck auf ihn, als er in Japan mit anderen Frauen selbst bei längerem Aufenthalt nur sehr selten zusammenkommt. Der Japaner hält seine Frauen, seine Töchter im Hintergrund; besucht man ein japanisches Haus, so wird man nur von Männern empfangen, und wird man mit diesen nach häufigerem Verkehr intimer, so kommt es wohl vor, daß auch die Frau, vielleicht sogar die Tochter bei der Begrüßung einmal vorgestellt wird. Aber die Frauen ziehen sich nach einigen Worten wieder zurück und erscheinen nur bei der Verabschiedung, um sich vor dem Besucher auf alle Viere zu werfen. Eine längere Unterhaltung ist ganz ausgeschlossen, und wollte man einer Frau irgendwelche Komplimente über ihre Schönheit oder über die Pracht ihrer Kleider machen, so würde dies sehr übel aufgenommen werden.

Uebrigens würden Unterhaltungen sehr ernüchternd und enttäuschend sein, denn die japanischen Frauen der besseren Stände waren bis vor kurzem und sind in den Provinzen, fern von den der europäischen Kultur eroberten Hauptstädten, auch heute noch von der Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Sie werden geboren, lernen in ihrer Kindheit neben den Pflichten ihres Hauswesens höchstens noch Blumen binden, sticken, den Zeremonienthee bereiten; sie heiraten, verblühen mit fünfundzwanzig Jahren und sterben als treue, hingebungsvolle Hausfrauen und gute Mütter, aber ihre Geistesgaben wurden nicht entwickelt, sie besitzen keinerlei Kenntnisse und können deshalb weder in der Gesellschaft durch Konversation glänzen, noch zu Hause in dieser Hinsicht die Männer befriedigen.

Diesen Mangel ersetzen in Japan die Geishas. Sie sind Unterhalter, Zeitvertreiber von Beruf, gegen Bezahlung von so und so viel für die Stunde, den Tag oder Abend. Will sich ein Japaner nach vollbrachter Tagesarbeit durch Kurzweil den Abend vertreiben, so läßt er eine Geisha kommen; will er Freunden ein Souper geben, so nehmen daran nicht die Frauen und Töchter seines Hauses, oder jene seiner Gäste teil, sondern er mietet eine Anzahl Geishas mit ihren Dienerinnen und bringt den Abend mit der ganzen Gesellschaft in einem Theehause zu. Die kleinen, zierlichen Musmis (Kellnerinnen) des Theehauses empfangen an der Pforte, auf alle Viere ausgestreckt, die Gäste und führen sie in den Speisesaal; sind Europäer dabei, so lösen sie mit ihren zarten Fingerchen die Schuhe von deren Füßen; hockt die ganze Gesellschaft endlich in dem stuhl- und tischlosen Raume längs der kahlen Wände auf ihren Waden, so bringen die Musmis die Speisen und Getränke herein, setzen sie den Gästen auf winzigen Tischchen vor, tragen die gebrauchten Tellerchen und Schüsselchen wieder fort und besorgen mit einem Worte die gewöhnliche Bedienung. Dann aber treten die kleinen jungen Maikos (Tänzerinnen) und endlich die Geishas auf. Sie zupfen an ihren Guitarren und singen, sie führen fremdartige dramatische Tänze oder Szenen aus historischen Dramen auf, für europäischen Geschmack ebenso steif und unnatürlich, wie es ihr Gesang und ihr Guitarrengezupfe sind. In den langen Zwischenakten aber mischen sich diese bezahlten Vergnügungsdemoiselles unter die Gäste, setzen sich zu ihnen, kredenzen ihnen die gefüllten Reisweinschalen und schäkern und scherzen mit ihnen, indem sie ihren Geist, ihre übersprudelnde Fröhlichkeit, ihren Witz und ihre Schönheit glänzen lassen. Nicht etwa die Schönheit, wie sie bei unseren kurzgeschürzten Ballerinen und Café-chantant-Sängerinnen gewöhnlich in solcher Fülle zur Parade kommt. Keine entblößten Arme und Nacken, keine in Seidenschuhen steckenden Füßchen oder von Seide umspannte Gliedmaßen, nur die bemalten, gepuderten Gesichtchen sind bei den japanischen Geishas sichtbar. Ihre Körperchen sind ganz in die langen, goldgestickten, schlafrockartigen Kimonos gehüllt, und kommen bei rascheren Bewegungen auch die Glieder zum Vorschein, so üben diese dünnen Aermchen, diese krummen nackten Beinchen, diese in plumpen, kurzen Wollsocken steckenden Füße, die noch dazu mit den Zehen nach einwärts gedreht sind, eher das Gegenteil von Reiz aus.

Die weiten, faltenreichen Kleider gehören zum Tanz, ja wie mit ihren Körpern tanzen die Geishas auch mit ihren Kleidern und wissen diese mit unglaublicher Geschicklichkeit in die schönsten Falten zu werfen, ihnen sozusagen Leben und jenen Ausdruck einzuflößen, wie er zu der darstellenden Situation am besten paßt.

So vergeht der Abend, ein Teil der Nacht, und bricht die reisweinfröhliche Gesellschaft endlich auf, so wird dem Gastgeber die Rechnung überreicht, ein Stück Papier, einen halben Fuß breit und vielleicht zwei bis drei Fuß lang, mit allen gelieferten Genüssen haarklein spezifiziert. Nichts wird dabei vergessen, und solche Rechnungen sind zuweilen recht pikant, erreichen auch bei größeren Festlichkeiten Summen bis 300 und 400 Mark. Dazu werden auch den Geishas selbst noch beträchtliche Geschenke gemacht. Die Dämchen werfen sich dann vor den Anwesenden ehrfurchtsvoll nieder, senken ihre Näschen bis auf den Boden und entfernen sich, um in ihren Rickshaws nach Hause zu fahren.

Am nächsten Abend sind sie in irgend einem anderen Theehause für ähnliche Unterhaltungen engagiert, und so geht es bei den professionellen Schönheiten von Japan Tag für Tag, auch Wochen und Monde, einige Jahre lang. Dann ist wohl ihre Kunst sehr groß, aber ihre Jugend, ihre Schönheit ist vorüber, und haben sie nicht in ihrer kurzen Laufbahn einen Ehemann ergattert, so ziehen sie sich ins Privatleben zurück und bilden andere kleine Mädchen in den Geishakünsten aus. Ehemänner ergattern? Gewiß, noch dazu gar nicht selten. Die Japaner üben in Betreff des moralischen Vorlebens dieser kleinen Dämchen viel größere Nachsicht als die Abendländer. Orangenblüten und Myrtenkränze werden bei japanischen Hochzeiten überhaupt nicht getragen. Die Japaner suchen sich ihre Weiber aus, wie sie ihnen passen. Es ist nicht viel dabei riskiert, und das bekannte orientalische Sprichwort, von dem dreimal überlegen, ehe man sich ein Weib nimmt, ist in Japan unverständlich. Der Gatte kann sie ja nach ein paar Monaten Probezeit wieder zurücksenden. Eine Geisha ist unter solchen Verhältnissen eine recht begehrenswerte Braut. Statt daß sie jeden Tag für so und so viel die Stunde für jemand anderen singt und die Guitarre zupft, singt und zupft sie dann nur für ihren Gatten. Sie unterhält ihn mit den angelernten Künsten, in denen sie durch jahrelange Uebung in den verschiedensten Theehäusern zur Meisterschaft gelangt ist, und er ist zufrieden. Zudem ist nicht etwa jede Geisha notwendigerweise eine Sünderin. Wohl singen die Geishamädchen in einem bekannten Liede von sich selbst:

„Schaukle, Weide, auf und nieder,