Irgend ein europäischer Spaßvogel wird sich wohl in Kioto den Jux erlaubt haben, diese Schlußpose, als zum abendländischen Tanze gehörig, gezeigt zu haben, und nun wird sie in den Geishaschulen von Kioto eingeübt.
Aber nicht nur darin zeigt sich der Einfluß der Europäer. Er ist schon so groß geworden, daß er sogar die ganze Existenz der Geishamädchen bedroht. Durch die Einführung von Mädchenschulen, durch die Erschließung anderer Berufsarten für das zarte Geschlecht und endlich durch den Wandel in Bezug auf die moralischen Anschauungen der Japaner dürften die Geishas, wie sie heute bestehen, immer seltener werden. Wer weiß, ob dann nicht auch noch unsere Cafés chantants und unser Ballett im Lande der aufgehenden Sonne zur Einführung gelangen.
Miß Alice Bacon, die jahrelang als Erzieherin in vornehmen Häusern Japans geweilt und einen tiefen Einblick in das japanische Frauenleben gewonnen hat, sagt von den Gaishas: „Die Gaisha ist nicht notwendigerweise schlecht, aber in ihrem Leben ist sie so großen Versuchungen ausgesetzt, daß auf eine ehrbare Gaisha viele kommen, die auf Abwege geraten und schließlich tief unter das Niveau der Ehrbarkeit sinken. Aber sie sind so verführerisch, glänzend und geistreich, daß viele von ihnen von Männern in angesehenen Stellungen zu Frauen genommen wurden und heute an der Spitze der vornehmsten Haushaltungen stehen...” Einer der größten Bewunderer Japans, Sir Edwin Arnold, zollt den lustigen Weibern von Dai Nipon alle Anerkennung, sagt aber in Bezug auf ihre Moral in seinem Buche „Japanese ways and thoughts” folgendes: „In Japan hat der Buddhismus die irdische Liebe in Mißachtung gebracht, die Lehren des Confucius haben sie noch weiter herabgesetzt, und der ideallosen Natur der Männer dient sie nur als Zeitvertreib und Vergnügen. Die japanischen Frauen haben der Theorie nach diese beschränkte Ansicht über die geschlechtlichen Beziehungen angenommen und für viele Zeitalter die Treue des Gemüts höher gestellt als die Reinheit ihres Körpers...”
„Ohne Zweifel ist es in den besseren Ständen die Regel, daß die Töchter bis zu ihrer Verheiratung sorgfältig erzogen und bewacht werden sollen, aber diese jungen Mädchen sprechen von den Musmis und Gaishas und Freudenmädchen in so freier Weise, daß man sofort den Unterschied zwischen den Anschauungen der Japaner und Europäer über die Beziehungen der beiden Geschlechter erkennt. Japan ist ein Land, wo es nicht nur ganz gewöhnlich ist, daß ein Mädchen sich für ihre Eltern zu öffentlichem Gebrauch verkauft, sondern wo sie für diese That eher bewundert und gelobt als geschmäht wird.”
Wo sie selbst eine so vielsagende Generalbeichte ablegen, braucht man sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Douglas Sladen sagt in seinem Buche „The Japs at home” folgendes über sie: „Ist eine Geisha geschickt, scherzhaft, gutmütig, vor allem aber schön, so erwirbt sie sich bald einen Ruf in der Stadt. Die jungen japanischen Stutzer hören es gerne, wenn man sie mit ihr neckt; ihre Engagementsliste ist auf Tage hinaus besetzt, man kann sie nur auf ein Stündchen zu Gesicht bekommen. Juwelen erscheinen auf ihren Fingern, Perlen in ihrem Haar, sie wird stolz, merkwürdige, vielsagende Blitze schießen zuweilen aus ihren Augen, eines Tages ist sie verschwunden. Wir werden zu einem großen Festgelage geladen, sie ist nicht da. Wir fragen bei ihren Freunden nach, niemand hat sie gesehen. Nun wissen wir, daß sie am Ziele ihres Strebens angelangt ist. Irgend ein reicher Herr hat sich so sehr in sie verliebt, daß er sie für sich allein haben will, und deshalb hat er sie aus den Händen ihres Herrn losgekauft. Sie folgt ihrem neuen Herrn in sein Haus, auf Zeit oder für immer, und sie, die in ihrer Jugend so zahlreichen Männern den Kopf verdreht hat, wird eine ehrenwerte Frau Oberst so und so, oder Frau Minister X.”
Schlafende Mädchen.
Wie häufig kommt es vor, daß Eltern ihre Töchter für eine kurze Zeit an Europäer verheiraten und den klingenden Lohn dafür einstreichen! Wer hat nicht Pierre Lotis reizendes Buch „Madame Chrysanthème” gelesen? Und wie Pierre Loti mit seinem kleinen Frauchen, so ist es vielen anderen Lotis in Japan ergangen, die Scheidungen sind dort so leicht gemacht! Aber sind die Europäer, die sich auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu einer zeitweiligen Lebensgefährtin verhelfen, nicht ebenso sittenlos wie die lustigen Weiber von Dai Nipon? Wie, wenn eines Tages als Gegenstück zu dem Buche „Madame Chrysanthème par Pierre Loti” ein Buch erschiene: „Pierre Loti par Madame Chrysanthème”? Ob die kleine, liebliche Japanerin nicht auch allerhand recht ergötzliche Einzelheiten über ihren Ehemann auf Zeit erzählen könnte?
Ja, noch mehr. Wie, wenn es einem Japaner einfallen würde, ein Buch zu schreiben über die europäischen Dames Chrysanthèmes, wie sie sich bei den Rennen in Longchamps, im Bois de Boulogne, auf dem Seebadstrande von Ostende und Trouville, in den Kasinos von Aix les Bains und Monte Carlo zeigen? Derartige Parallelen kann man in Japan nicht überall in öffentlichen Gesellschaften oder auf der Straße finden. Dort sind sie fein sorgsam in eigenen Quartieren untergebracht. Das größte und glänzendste ist in Tokio die vielberühmte Yoshiwara. Auf meinen Spaziergängen durch die japanische Kaiserstadt kam ich einmal zu einer weiten Pforte, von Polizisten bewacht. Jenseits gewahrte ich einen breiten, mit prächtigen Blumenbeeten und Springbrunnen geschmückten Boulevard, zu beiden Seiten mit großartigen, mehrstöckigen Palästen besetzt, den schönsten, die ich in ganz Japan gesehen. Etwa die Paläste des Hofes, der Regierung und des Adels, des Faubourg St. Germain von Tokio? Ich trat ein. Ueberall vornehme Stille. Die Häuser zeigten in den verschiedenen Stockwerken breite Veranden, mit Guirlanden und farbigen Lampions geschmückt; die Jalousien waren zugezogen, dafür standen die Hausthüren weit geöffnet, und im Innern gewahrte ich schöne Höfe und zierliche Gärtchen; Diener fegten die Straßen, Gärtner besorgten die Blumen und kurios geschnittene Bäume in den Anlagen. Und als ich einen des Weges kommenden, europäisch gekleideten Japaner darüber befragte, sagte er mir, ich befände mich in der Yoshiwara. Ich müßte aber abends kommen, um das Leben hier zu sehen. Der Abend fand mich wieder hier, aber wie verändert war das Aussehen dieser Straßen mit ihren Dutzenden von Palästen! Tausende von Lichtern brannten in vielfarbigen Lampions, in den Straßen wogten Menschenmengen lachend, scherzend auf und nieder; die Paläste waren weit geöffnet, hell erleuchtet; Samisen und Koto, Gesang und Gelächter drang aus ihnen, und unten in den Parterreräumen der Häuser prangte die weibliche Einwohnerschaft in ihren glänzendsten Gewändern. Statt durch Wände und Fenster waren diese Räume nach der Straße zu durch starke Gitter abgeschlossen, gerade wie wir sie in unseren Menagerien vor den Käfigen der Tiger und Löwen sehen; der mit Matten und Teppichen bedeckte Fußboden lag etwa zwei Fuß höher als die Straße, und auf ihm kauerten die Schogi, d. h. die Mädchen, die von ihren Eltern an die Besitzer dieser Kaschi-Saschiki genannten Häuser verkauft worden waren. In jedem Hause etwa dreißig bis vierzig, im ganzen vielleicht zweitausend. Manche von ihnen waren recht hübsch, nur zeigten ihre Gesichter dicke Schichten von Puder und Schminke, und in ihren sorgfältigen Haarfrisuren steckten Dutzende kostbarer, langer Nadeln. Der Obi, diese breite, aus schweren Brokaten bestehende Leibbinde, die in der japanischen Damentoilette das Mieder ersetzt, war mit der Schleife nicht rückwärts gebunden, sondern vorn, und das allein sagte, daß diese Dämchen Schogi waren, d. h. dem niedrigsten Stande der lustigen Weiber von Dai Nipon angehörten. Einer Regierungsvorschrift zufolge dürfen die Schogi nämlich ihren Obi nicht hinten binden. Es wäre ein langes Kapitel zu schreiben über die nach unseren Begriffen unendlich traurigen Verhältnisse, wie sie in den Yoshiwaras von Tokio, Kioto und den anderen Städten herrschen, aber — jeder Leser wird dieses „aber” verstehen.