Japanische Ringkämpfer.

Im Straßenleben der japanischen Großstädte waren mir besonders zur Zeit der Volksfeste vereinzelte Riesengestalten aufgefallen, die sich gegenüber den sonst so kleinen, unscheinbaren, schmächtigen Japanern nicht nur durch ihren hohen Körperwuchs, sondern auch durch ihre Fettleibigkeit, verbunden mit staunenswerter Muskelentwickelung, auszeichneten. Sie wurden mir als jene berühmten professionellen Ringer bezeichnet, die im Volksleben Japans eine ähnlich hervorragende Rolle spielen, wie etwa die Gladiatoren im alten Rom, oder die Stierkämpfer in Spanien, oder die Faustkämpfer in England und Amerika.

In der großen Feudalzeit Japans im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert war jedes Mitglied der damaligen vornehmen Kriegerkaste, der Samurai, ein Meister in allerlei athletischem Sport, vornehmlich im Fechten und Ringen. Aber ähnlich wie im Abendlande sind diese die Muskelkraft hebenden, den Körper stählenden Uebungen der modernen Zeit zum Opfer gefallen, und selbst das Ringen wird nur mehr von den genannten professionellen Ringkämpfern oder Sumotori ausgeübt, die eine eigene Gilde mit strengen Gesetzen und Vorschriften ihrer Kunst bilden.

Würde sie nicht ihre äußere Erscheinung sofort kenntlich machen, so würde ein Blick auf ihre Haartracht genügen, um sie als Mitglieder der Ringkämpfergilde zu stempeln. Aehnlich wie die Stierkämpfer in Spanien ihr Haar zu einem über den Nacken fallenden kurzen Zopf flechten, so fassen die Sumotori ihr langes Scheitelhaar zu einer dicken Strähne zusammen, die sie mittels papierenen Schnüren nach vorn auf den Scheitel leiten. Diese Haartracht war früher auch im japanischen Volke allgemein, und noch während meiner Reise im Inneren Japans fand ich viele ältere Männer mit solchen Zöpfen, jedoch mit dem Unterschiede, daß sie ihr Haupthaar bis zum Scheitel abrasiert hatten.

Wird in Japan irgendwo ein größeres Volksfest gefeiert, so müssen auch Ringkämpfer dabei sein, und weder die Theater noch die Akrobaten, Zauberkünstler u. dergl. ziehen durch ihre Vorführungen eine so große Menge von Zusehern an wie die Sumotori. Je größer das Fest, desto zahlreicher sind die Ringkämpfer, und in Tokio, Kioto oder Osaka kommt es zuweilen vor, daß zwanzig bis dreißig Paare von Sumotori miteinander kämpfen, so daß die Vorstellungen einen ganzen Tag über währen. Aber es giebt kein geduldigeres Theaterpublikum als die Japaner. Je länger eine Vorstellung dauert, desto lieber ist es ihnen. Mit Kind und Kegel ziehen sie des Morgens ins Theater, nehmen ihre Lebensmittel für den Tag mit, machen es sich auf den Strohmatten des Zuschauerraumes bequem, trinken, essen, schlafen mitunter, die Mütter stillen ihre Kinder und rauchen gerade so wie die Männer oder jungen Mädchen ihr Tabakspfeifchen.

Die Ringkämpfer veranstalten nur selten ihre Vorstellungen selbst. Gewöhnlich sind es eigene Unternehmer, welche sie für bestimmte Summen anwerben, das Theater bauen und dafür die Eintrittsgelder der stets massenhaft zuströmenden Besucher einstecken. Je größer die Erfolge eines Sumotori sind, desto mehr wird er begehrt, desto besser bezahlt. Sie leben deshalb von ihrer ersten Jugend an ausschließlich für ihren Beruf. Zeichnet sich in irgend einer Familie ein Knabe durch außergewöhnliche Kraft und hohen Körperwuchs aus, so bestimmt ihn sein Vater vielleicht zum Sumotori und giebt ihn bei einem solchen in die Lehre. Hat er sich in allen Fertigkeiten seines Berufes ausgebildet, so tritt er in die Gilde ein, indem er sich verpflichtet, genau nach deren Vorschriften zu leben. Dazu gehören neben dem Gelübde der Keuschheit zunächst solche bezüglich seiner Kunst, dann aber auch unzählige andere, die sogar seine Nahrung betreffen. Wie mir einer der Sumotori, dessen Bekanntschaft ich in Kioto machte, erzählte, besteht seine tägliche Hauptnahrung aus sehr weichgekochtem Reis, und nur ausnahmsweise aus Fleischspeisen, ein Beweis, daß die Fleischnahrung für Muskelkraft keineswegs erforderlich ist. Mit vierzig Jahren ist die Laufbahn der Ringer zu Ende; sie erhalten dann aus der Kasse der Gilde eine Pension, müssen aber dafür ihre Nachfolger in den Fertigkeiten ihres Berufes ausbilden.

Eigene Theater oder Arenen für die Ringkämpfer giebt es in Japan nicht. Soll ein Ringkampf stattfinden, so werden an geeigneten Orten, in Kioto z. B. in dem weiten trockenen Flußbett des Kamogawaflusses, oder in Tokio nahe dem berüchtigten Ekointempel in der Vorstadt jenseits des Sumidaflusses eigene Schaubuden nach Art unserer Cirkuszelte errichtet, nur daß an Stelle der Leinwand geflochtene Strohmatten verwendet werden. Ein derartiges Zelt, Sumo genannt, ist schon aus der Ferne durch seine eigentümliche Zufahrt zu erkennen. Zu beiden Seiten derselben stehen Reihen gegeneinander geneigter haushoher Bambusstangen, und von diesen hängen sechs bis acht Meter lange, meterbreite Streifen roten, blauen oder gelben Zeuges, die mit großen Schriftzeichen bedeckt sind, herab. Vor dem Eingange selbst erhebt sich ein hohes Bambusgerüst, auf welchem ein Paukenschläger möglichst großen Lärm macht. In der Nähe sind die Ehrengaben des Publikums für die Sieger zur Schau gestellt. Der wohlhabende Japaner spielt sich gern auf den Kunstmäcen heraus, und wie im Abendlande den Künstlern Blumen und Kränze gespendet werden, so giebt es hier Ehrenflaggen, Kleiderstoffe, vor allem aber Fäßchen Reiswein. Gewöhnlich werden auch die Namen der Ringkämpfer durch große Anschläge bekannt gemacht. Je berühmter der Sumotori, in desto größeren Schriftzeichen prangt sein Name, ganz wie bei uns.