Am Eingang erhält man gegen Erlag eines viertel oder halben Dollars die Eintrittskarte in Gestalt eines mit Schriftzeichen bedeckten Holztäfelchens, das von den Aufwärtern im Innern wieder abgenommen wird. Japaner müssen am Eingang auch ihre Holzschuhe ablegen, ähnlich wie wir die Hüte und Schirme ablegen, denn im Innern ist der Boden mit feinen Filzmatten bedeckt, und diese Matten mit den schweren Holzschuhen zu betreten, wie sie selbst die vornehmsten Damen in Japan tragen, wäre ebenso undenkbar, als wenn wir beim Besuch eines Privathauses auf den Möbeln des Empfangszimmers umhertrampeln würden. Auf eigenen Gestellen stehen hier Hunderte und Aberhunderte von Holzschuhen in langen Reihen, und man kann sich das Gedränge wohl vorstellen, wenn nach beendeter Vorstellung die ganze bestrumpfte Gesellschaft ihre Schuhe sucht.
Im Innern des Zeltes befindet sich zur Rechten des kleinen Vorraumes die Künstlergarderobe. Hier kauern oder liegen auf Matten ausgestreckt die Sumotori, feste, fleischige Gestalten mit riesenhaften Gliedmassen, gewöhnlich vollständig unbekleidet; flinke Aufwärter kämmen ihre Haare, binden die Zöpfe fest, reiben ihre Glieder oder legen das einzige Gewand der Sumotori beim Kampfe, eine seidene Schärpe um deren Leib. Diese breite, ausnehmend feste Schärpe ist gewöhnlich von blauer Farbe und mit langen Fransen besetzt. Sie wird mehreremale um die Hüften gewunden und dann zwischen den nackten Beinen durchgezogen.
Um den inneren, gewöhnlich viereckigen Zuschauerraum zieht sich eine etwa brusthohe Galerie, welche die teuersten Sitzplätze enthält. Als ich mich in Osaka gelegentlich eines derartigen Ringkampfes auf diese Galerie begeben wollte, fand ich nirgends einen Aufgang, und ich war schon im Begriffe, mit Zuhilfenahme von Händen und Füßen hinaufzuturnen, als ein Aufwärter mit einer kurzen Leiter herbeieilte. Nachdem er mir meine hölzerne Eintrittskarte abgenommen, lehnte er die Leiter an die Galerie, und als ich oben war, nahm er sie wieder mit sich fort. Ich konnte mich des Gedankens an die furchtbaren Schrecken nicht enthalten, wenn hier bei dem fortwährenden Tabakrauchen und Ausklopfen der noch glühenden Asche aus den Pfeifen Feuerlärm entstehen sollte, aber daran wird wohl von den Japanern nicht gedacht. Die Hauptsache ist, daß durch das Fortnehmen der Leiter die Einschmuggelei billetloser Leute verhindert wird. Will jemand während der Vorstellung herunter, so ruft er durch Händeklatschen den Aufwärter herbei.
Wie auf der Galerie, so ist auch in dem Zuschauerraum unten gewöhnlich jedes Plätzchen von Neugierigen besetzt. In der Mitte dieses Raumes, rings umgeben vom Publikum, erhebt sich eine Bühne von vielleicht drei Meter Durchmesser, und diese bildet die eigentliche Kampfarena. An den Ecken erheben sich hohe Bambuspfosten, ein Leinwanddach tragend. Der Boden der Arena ist mit Erde bedeckt und ringsum mit Reisstrohbündeln eingefaßt.
Die Leitung des Kampfes obliegt einem Giozi, d. h. einem mit allen Regeln des Ringkampfes vertrauten Richter, der in seinen jungen Jahren selbst ein Sumotori war. In altjapanische bunte Gewänder gehüllt, das Abzeichen seiner Würde, ein fächerartiges mit Schnüren und Quasten behängtes Tutschiwa in der Hand, betritt er feierlichen Schrittes die Bühne, klappert mit zwei Holzstücken, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erwecken, und verkündet nun mit schreiender Fistelstimme die Namen der zunächst auftretenden Kämpfer. Gewöhnlich sind es die jüngeren, minder erfahrenen Ringer, welche den Anfang machen. Der Anblick der beiden fetten, mit Ausnahme der Hüften vollständig nackten Gestalten gewährt keinen besonderen Liebreiz. Sie schlürfen zunächst aus den bereitstehenden Gefäßen etwas Wasser und gießen es über ihren Körper; dann nehmen sie eine Prise Salz in den Mund, reißen von den aufgehängten Papierpäckchen einige Blatt herunter, um sich die Hände abzuwischen, und stellen sich dann einander gegenüber, den Kampfrichter zur Seite, in Positur. Dazu müssen die Beine so weit wie möglich gespreizt werden, dann hocken sie auf ihre Waden nieder, indem sie mit den flachen Händen ein paarmal auf ihre Schenkel klatschen, und stemmen schließlich die ausgestreckten Arme mit dem Handrücken nach unten auf den Boden. Kaum sind sie in dieser keineswegs malerischen Stellung, so stoßen sie fast gleichzeitig einen Schrei aus, springen, wie von einer unsichtbaren Feder emporgeschnellt, empor und werfen sich mit vollster Wucht gegeneinander.
Bei diesen Kämpfen handelt es sich darum, den Gegner nach den genau vorgeschriebenen Regeln des Ringens zum Fall zu bringen. Stoßen, Schlagen, Boxen, dann gewisse Finten, wie das Unterstellen eines Beines u. dergl., sind auf das strengste verboten und kommen auch niemals oder doch nur höchst selten, vielleicht seitens eines aufgeregten jungen Kämpfers vor, mit dem Ergebnis, daß der Kampf sofort unterbrochen und er von der Arena ausgeschlossen wird. Die Mitglieder der Sumotorigilde aber sind in der traditionellen Kampfweise so eingeübt, daß sie nur diese zur Anwendung bringen. Als ich dieselbe bei verschiedenen Ringkämpfen kennen lernte, fiel mir ihre große Aehnlichkeit mit den bekannten Schwingfesten auf, welche jeden Sommer in den Hochthälern der Schweiz dutzendweise abgehalten werden. Hier sind es nicht professionelle Ringer oder, wie sie von den Schweizern genannt werden, Schwinger, sondern zumeist die Hirten von den Almen, dann Turner und Schwingamateure aus den Städten. Auch hier gilt es als vornehmste Aufgabe, den Gegner hoch zu heben und über den eigenen Kopf nach rückwärts zu werfen, daß er auf den Rücken zu liegen kommt. Die Schweizer Schwinger tragen an Stelle der Gürtelbänder aus festen Stoffen angefertigte Schwinghosen, bei welchen sie sich gegenseitig fassen. Die japanischen Ringer dagegen suchen das Erfassen ihres Gürtels seitens des Gegners nach Thunlichkeit zu verhindern. Ihre Gesetze sind bei der Gleichheit der Aufgaben viel strenger als bei den Schweizer Schwingern. Der Boden darf nur mit den Fußsohlen berührt werden. Niederknieen, Aufstützen mit Händen oder Ellbogen gelten als Niederlage, ebenso das Austreten aus dem nur acht oder zehn Quadratmeter großen Kampfplatze. Die Kampfrichter verfolgen den Verlauf des Kampfes auf das genaueste, ermuntern die Ringer durch Zurufe, warnen sie, wenn sie gegen die Regeln verstoßen oder sich den Strohbündeln nähern, welche den Kampfplatz umgeben. Wenn auch nur die Zehenspitzen eines Ringers die Grenze überschreiten, gilt er als besiegt.
Bei der Vorstellung, die ich in Osaka, dem japanischen Birmingham, anzusehen Gelegenheit hatte, traf ich gerade ein, als die besten und berühmtesten Ringer die Arena betraten, und die Aufmerksamkeit der Kopf an Kopf gedrängten Zuseher war derart, daß man den Eintritt eines Europäers gar nicht beachtete. Tausende von Augen waren ausschließlich auf die beiden feisten Riesengestalten gerichtet; die Frauen vergaßen das Essen, die Männer das Rauchen, selbst die Kinder blieben stumm und blickten neugierig nach der Arena. In dem ganzen weiten Raume nicht der geringste Laut, nicht die geringste Bewegung, als wäre die ganze fremdartige Versammlung erstarrt. Aber ein kurzer, mir ganz unverständlich gebliebener Handgriff einer der Ringer war das Signal zu donnerndem Applaus, in welchen alle wie auf Kommando gleichzeitig einstimmten. Von da an nahm die Erregung der Massen sichtlich zu; die Ringer hielten einander fest umschlungen, der Schweiß lief von ihren feisten Gliedern, die Adern waren zum Bersten geschwollen, ihr kurzer stoßweißer Atem war bis zu mir herüber hörbar, und doch rührten sie sich minutenlang nicht; eine kurze, kaum sichtbare Bewegung von vielleicht Handbreite hatte abermals enthusiastische Beifallssalven zur Folge, die eben so plötzlich, wie sie losbrachen, wieder verstummten. Jeder Versuch des einen Ringers, über den andern den geringsten Vorteil zu erringen, wurde von diesem sofort pariert; schließlich schien der eine plötzlich nachzugeben, der andere fiel durch das plötzliche Aufhören des Widerstandes nach vorne, und sein Gegner benützte diese Blöße blitzschnell, um mit Kopf und Schultern unter den Leib seines Widersachers zu fahren und diesen mit einem stierartigen Aufschnellen über sich hinüberzuschleudern, daß er auf allen Vieren auf der Arena landete.
Das Tosen und Schreien und Johlen der nun ganz außer Rand und Band geratenen Volksmenge war unbeschreiblich. Die sonst so ruhigen, höflichen Japaner sind bei solchen Veranlassungen ungemein leicht erregbar; Hüte, Tücher, Fächer, Pfeifen, Tabaksbeutel flogen in einem wahren Regen auf die Arena dem sich nach allen Seiten tief verbeugenden Sieger zu. Sie wurden von den Aufwärtern sorgfältig eingesammelt; denn diese handgreiflichen Beweise der Anerkennung werden nach beendeter Vorstellung von ihren Eigentümern wieder gegen eine mehr oder minder hohe Geldsumme oder andere Geschenke eingelöst. Alles das kommt dem siegreichen Ringkämpfer zu gute.
In neuester Zeit ist die körperliche Ausbildung der japanischen Jugend wieder aufgenommen worden, und in den Schulen wird überall fleißig nach abendländischem Muster geturnt.