Wie die Japaner in ihrem Lande reisen.

Eine der ersten abendländischen Einrichtungen, die das moderne Japan unmittelbar nach der großen Revolution zur Einführung brachte, waren die Eisenbahnen. Heute ist die Mehrzahl der japanischen Städte durch Schienenwege miteinander verbunden, und die Hauptmasse des Verkehrs in diesem dichtbevölkerten Lande hat sich ihnen zugewendet. Der Reisende in Japan ist überrascht, mit welcher Schnelligkeit die Japaner sich mit diesem abendländischen Verkehrsmittel vertraut gemacht haben. Der ganze Eisenbahnbau, die Verwaltung und Verkehrsleitung ruhen ausschließlich in japanischen Händen, Japaner verfertigen die Waggons, zum Teil auch die Schienen und das andere Material, Japaner entwerfen und bauen neue Linien, dienen als Schaffner und Lokomotivführer, und unter den ganzen, viele Tausende umspannenden Personal wird man nicht einen einzigen Europäer finden.

Wie in allen anderen abendländischen Dingen, so gingen die schlauen Bewohner des Mikadoreiches auch hier zu Werke: sie ließen sich von europäischen Ingenieuren zunächst eine die Hauptstadt des Landes, Tokio, mit dem Haupthafen, Yokohama, verbindende Eisenbahn bauen. Im Jahre 1870 begonnen, wurde diese 27 Kilometer lange Bahn 1872 dem Verkehr übergeben, und sie diente seither als Muster für die Herstellung jenes ziemlich ausgedehnten Eisenbahnnetzes, das sich über die Hauptinsel Nipon ausbreitet. Die europäischen Ingenieure hatten ihre Schuldigkeit gethan, indem sie den Japanern zeigten, wie man es macht, und wurden entlassen. Alle anderen Bahnen wurden von den japanischen Ingenieuren der ersten Musterbahn nachgebaut, und sie unterscheiden sich deshalb nur wenig von den europäischen Bahnen. Stationshäuser, Oberbau, Rollmaterial, Signaleinrichtungen sind im wesentlichen dieselben wie bei uns.

Immerhin ist man auf Reisen in Japan überrascht, die Eisenbahnen so vorzüglich funktionieren zu sehen, als wären sie schon seit vielen Jahrzehnten im Betriebe, nur nehmen sie es mit den Fahrzeiten nicht sehr genau. Rufen sie „tadeima” oder „suguni”, etwa „höchste Zeit”, so dauert es gewöhnlich noch eine geraume Weile, bis abgefahren wird, Zugverspätungen sind also natürlich. Dabei haben sich die Japaner keineswegs in ihrem Thun und Lassen den Bahnen angepaßt, sondern umgekehrt, sie haben sich dieselben dienstbar gemacht, ohne auch nur das Geringste von ihrer nationalen Eigenart, von ihrem Leben und ihren Sitten aufzugeben. Auf meiner ersten Bahnfahrt im Reiche des Mikado, von Yokohama nach Tokio, brachte mich ein japanischer Kuli in einer Kuruma, diesem bequemen Fauteuil auf Rädern, nach einer Eisenbahnstation, die ebensogut in Halle oder Weimar hätte stehen können, nur daß hier, wie überhaupt auf den japanischen Stationen, die Restaurationslokale fehlen. An den Schaltern der drei Klassen standen Japaner, um ihre Fahrkarten zu lösen, und die Beamten sprechen auch hinreichend englisch, um sich mit europäischen Reisenden zu verständigen. Nur mußte ich, bevor ich meine Karte erhielt, einem Polizeiagenten in Uniform meinen japanischen Reisepaß vorweisen. Wäre in meinem Paß die Stadt Tokio nicht angeführt gewesen, so wäre mir auch keine Fahrkarte verkauft worden.

Bis zur Abfahrt des Zuges verteilten sich die Passagiere in den Wartesälen der drei Klassen, die ähnlich eingerichtet sind wie bei uns, mit Tischen, Stühlen und Bänken längs den Wänden. Im Wartesaale zweiter Klasse lagen sogar die wichtigsten Tagesblätter der Hauptstadt zur Lektüre auf. Männer, Frauen und Kinder, alle in ihren ursprünglichen Nationaltrachten, machten es sich auf den ihnen ungewohnten Sitzen so bequem, wie sie nur konnten; statt mit herabhängenden Beinen dazusitzen wie Europäer, streiften viele ihre plumpen Holzsandalen von den Füßen, zogen die Beine herauf und setzten sich in gewohnter Weise auf ihre Fersen. Die mehr als große Ungezwungenheit der Japaner in Bezug auf ihre Sitten konnte ich selbst hier, in dieser von zahlreichen Europäern bewohnten und von ihnen am meisten beeinflußten Stadt an einem ergötzlichen Beispiele wahrnehmen. Mitten zwischen den Frauen und Mädchen im Wartesaal zweiter Klasse saß ein älterer Japaner, der von der unangenehmen Landplage Japans, den kleinen hüpfenden Menschenjägern, ein wenig gepeinigt zu werden schien. Ohne sich um die Anwesenden im geringsten zu kümmern, entledigte er sich seines Kimono, dann seines Unterkleides und stand nun in nicht viel umfassenderer Bekleidung da als der, in der er erschaffen wurde. Nach aufmerksamer Betrachtung seiner Gliedmaßen schüttelte er seine Kleidungsstücke (Heiliger Florian, schütz’ mein Haus und zünd’ die anderen an!) sorgfältig aus, zog sie wieder an und nahm ruhig Platz.

Auf dem Gepäckbureau werden Gepäckstücke in ähnlicher Weise angenommen und eingeschrieben wie bei uns, nur daß die Empfangsscheine den Bestimmungsort und die Nummer in japanischer Schrift tragen. Als die Abfahrtszeit des Zuges gekommen war, wurden die Fahrsteige geöffnet, und die ganze Menge von Passagieren, mehrere Hunderte an der Zahl, begab sich in den bereitstehenden Zug. Nur wenige Passagiere trugen europäische Kleidung und ebensolche Schuhe; von ihnen wurde die erste Wagenklasse bevorzugt; zahlreicher waren jene, die zu ihrem dunklen, schlafrockartigen Kimono einen europäischen Hut oder weißen Sonnenhelm, dann Schuhe und Regenschirme europäischer Mache trugen; die Halbjapaner benutzten größtenteils die zweite Wagenklasse, während die große Masse der durchwegs japanisch gekleideten Passagiere in der dritten Klasse Platz nahmen. Diese Unterscheidung habe ich später auf meinen Reisen durch das ganze Land gefunden. Nur in den seltensten Fällen traf ich in der ersten Klasse einen Japaner in Nationaltracht; auch dann war er in europäischer Kleidung in den Wagen gestiegen und hatte erst hier den abendländischen Rock mit dem bequemen Kimono vertauscht, ohne Rücksicht auf die anderen Passagiere.

Auf derlei, gelinde gesagt, Ungeniertheiten muß man sich bei Eisenbahnreisen in Japan ebenso gefaßt machen wie in den Städten und Dörfern, nur sind sie reisenden Europäerinnen auf den Eisenbahnen peinlicher, weil sie sich, in Waggons eingeschlossen, dem nicht durch schleunige Flucht entziehen können. Von den Waggons erster Klasse sind wohl manche in verschiedene Abteilungen geteilt, viele andere aber, ebenso wie die Waggons zweiter Klasse, bilden nur einen einzigen Raum mit an den Wänden entlanglaufenden Sitzbänken und einem freien Platz in der Mitte, wo sich gewöhnlich ein Tischchen mit Eiswasser befindet. Die Waggons dritter Klasse haben wohl Abteilungen, aber die Teilwände reichen nur etwa zum halben Rücken der sitzenden Passagiere. Manche Abteilungen in den besseren Wagenklassen zeigen in japanischer und englischer Sprache die Bezeichnung „Nichtraucher”, doch bleibt sie in diesem Lande, wo Männer und Frauen ohne Ausnahme Raucher sind und stets ihre kleinen Pfeifchen bei sich führen, unbeachtet. An Reinlichkeit und Bequemlichkeit läßt nur die erste Wagenklasse nichts zu wünschen übrig, aber in dieser bekommt der Reisende wieder nichts von dem eigentümlichen und hochinteressanten Volksleben zu sehen, das sich in der zweiten und dritten Klasse abspielt. Auf meinen Reisen wählte ich deshalb gewöhnlich die zweite Klasse, und bei Tag und Nacht blieb meine Aufmerksamkeit zwischen den herrlichen Landschaftsbildern, an denen wir vorbeiflogen, und dem Leben und Treiben meiner japanischen Mitreisenden geteilt. Schlafwagen und Restaurations- oder Büffettwagen sind, nebenbei bemerkt, in Japan noch unbekannt.

Die Japaner pflegen für größere Reisen ihre Hauskleider, Reisedecken, Lebensmittel und dergleichen mitzubringen, und sobald sie den Waggon mit höflichen Verneigungen gegen die Mitreisenden betreten haben, machen sie es sich auf den langen schmalen Sitzen so bequem als möglich. Die Straßenkimonos werden mit dem leichten, aus hellem Stoff angefertigten Hauskleide vertauscht, was bei dem Umstande, daß die Japaner keine Unterwäsche tragen, zu ähnlichen Schaustellungen führt, als wollten wir in unseren gefüllten Waggons das Unterhemd wechseln; fortschrittliche Japaner, bei denen die europäische Kultur, von unten beginnend, sich bereits durch moderne Schuhe oder Stiefel äußert, streifen diese gewöhnlich ab und bleiben während der ganzen Fahrt in Socken; bei besonders heißem Wetter schlagen die Reisenden beiderlei Geschlechts ihre Kimonos zurück und fächeln mit den stets in ihren Händen befindlichen Papierfächern ihren nackten Beinen Kühlung zu. Ueberfällt die reisenden Kinderchen etwa ein natürliches Bedürfnis, so befriedigen sie dasselbe mitunter, besonders in der dritten Wagenklasse, auf dem Fußboden des Waggons. Reisetaschen und Koffer nach unserer Art haben im Reiche des Mikado erst spärlich Eingang gefunden; der Japaner der unteren Stände packt seine Siebensachen gewöhnlich in ein buntes Taschentuch, das er vorläufig nur zu diesem Zwecke gebraucht; für jenen, zu dem wir es verwenden, bedient er sich kleiner Papierchen. Hat eine Japanerin in irgend einem der europäischen Kaufläden von Tokio oder Yokohama wirklich eine lederne Reisetasche erstanden, so wickelt sie auch diese sorgfältig in ein buntes Taschentuch und trägt sie wie ein Bündel. Ohne Bündel keine Reisende. Kleidungsstücke und dergleichen bringen die Japaner gewöhnlich in Yanagigori, kurzweg Kori genannt, unter. Diese Kori bestehen aus zwei länglichen Körben, die mit der Oeffnung gegeneinander zusammengeschoben und mit Stricken gebunden werden. Sie haben gegenüber unseren Reisekoffern den Vorteil, daß sie sich dem Inhalt anschmiegen und desto weiter auseinandergezogen werden können, je umfangreicher ihr Inhalt ist. Auch die in Japan wohnenden Europäer benutzen auf ihren Reisen gewöhnlich diese praktischen Kori, und aus Leder hergestellt, sowie mit Schlössern versehen, würde sich ihre Einführung in Europa sehr empfehlen.

Für diejenigen Reisenden, die sich ihren Mundbedarf nicht von Hause mitgebracht haben, werden auf den einzelnen größeren Stationen überall Lebensmittel, Kuchen, Eier, Früchte, ja ganze Mahlzeiten feilgeboten. Dazu dienen Schachteln in der Größe und Form unserer Cigarrenschachteln aus neuem weißen Holz, sogenannte Bento, die wenige Sen kosten. Beim Oeffnen der Umhüllung findet man zunächst eine kleine Papierserviette, dann einen Holzspan, der als Löffel dient, und zwei Eßstäbchen, zusammen von der Stärke und Länge eines Bleistiftes, die zum Zeichen ihrer Jungfräulichkeit nur zu zwei Dritteilen ihrer Länge auseinandergespalten sind. Unter ihnen zeigen sich die Leckerbissen der japanischen Mahlzeit: auf der einen Seite der Schachtel allerhand gekochte Wurzeln, eingemachte Früchte, rohe oder gesalzene Fischchen, aber niemals Fleisch, auf der anderen Seite köstlicher, blendend weißer Reis. Die Eßstäbchen dienen als Messer und Gabel, die Schachtel als Teller; dazu werden auf den Stationen Flaschen mit gutem japanischen Bier, Limonade und zur Kühlung dieser Getränke Eisstücke feilgeboten. Das gebräuchlichste Getränk ist aber doch Thee geblieben. Kleine Jungen verkaufen ganz reizende Theetöpfe mit heißem Theeaufguß und kleinen Schälchen dazu für drei bis vier Sen, alles inbegriffen, und kommt der Eisenbahnzug nach mehrstündiger Fahrt an eine größere Station, so ist es gewöhnlich die erste Aufgabe der mit der Reinigung der Waggons beauftragten Stationsdiener, die Dutzende von Theetöpfen und Schälchen zu entfernen, die sich während der Reise angesammelt haben. Die Töpfe finden aber zuweilen auch eine andere Verwendung, wie ich auf einer Reise von Tokio nach Osaka in Gesellschaft mehrerer europäischer Damen und einer Anzahl Japaner wahrzunehmen Gelegenheit hatte. Einer der letzteren hatte eben zwei Täßchen Thee geschlürft und den Theetopf unter den Sitz gestellt, als er Gelegenheit bekam, ein im Waggon vorhandenes Seitenlokal zu benutzen. Statt sich dorthin zu bemühen, holte er gemächlich den Theetopf wieder hervor und warf ihn nach vollbrachter That im kühnen Schwunge zum Waggonfenster hinaus. Derselbe Mann aber entfernte sich, an seinem Ziele angelangt, unter den ehrerbietigsten Verbeugungen vor uns aus dem Waggon, ein Beweis, daß er von der Unziemlichkeit seines früheren Betragens keine Ahnung hatte.