Das Erstaunen des Japanreisenden ist deshalb groß, wenn er auf seiner Fahrt längs der Ostküste von Yokohama nach Kobe, etwa eine Stunde vor dieser Hafenstadt, im Osten die Atmosphäre mit dichtem Rauch geschwängert sieht, als ob dort gerade irgend eine Ortschaft vom Feuer verzehrt würde. Beim Näherkommen gewahrt er in der weiten Ebene eine große Zahl von umfangreichen Fabrikanlagen mit roten, mehrstöckigen, vielfensterigen Gebäuden und Dutzenden hoch über sie emporragenden Schornsteinen, ein Anblick, an den er wohl in den Industriebezirken von Sachsen oder Westfalen gewöhnt ist, der hier aber sein Befremden erweckt. Bald darauf fährt er in eine rauchige, finstere, belebte Eisenbahnstation ein, und der japanische Schaffner ruft Osaka.
Osaka, das japanische Birmingham, das neugeschaffene Emporium der ebenso neuen japanischen Industrie, die größte Fabrikstadt von Ostasien. Gleichzeitig ist dieses Osaka (sprich Ohsakka) die zweitgrößte Stadt des Landes, an Einwohnerzahl, Bedeutung und Reichtum nur von Tokio übertroffen. Vor dem Stationsgebäude drängen sich zwischen Tausenden von geschäftigen Menschen Hunderte von Kurumas, diese kleinen, zweiräderigen, von flinken, strammen Burschen gezogenen Handwagen. Ich springe in eine dieser Kurumas, rufe dem Kuli die Worte „Yadya Dschiyutai” zu und befinde mich nach einer raschen Fahrt von zehn Minuten durch die ungemein belebten Straßen Osakas in dem einzigen, halbwegs europäisch eingerichteten Hotel dieser japanischen Großstadt.
Das Dschiyutaihotel steht im Verein mit einigen anderen Gebäuden auf einer langen, schmalen, mit hübschen Parkanlagen bedeckten Insel inmitten des Yodogawaflusses, der hier etwa die Breite des Rheins bei Köln besitzt. Diese, Nakanoshima genannte Insel ist mit den Stadtteilen an beiden Ufern durch eine breite, stets dicht mit Menschen besetzte Brücke verbunden; auf dem Strom fahren zahllose Dampfer, Frachtboote und Sampans auf und nieder; die Ufer sind dicht mit malerischen, mehrstöckigen Holzhäusern eingefaßt, die mit ihren Fronten auf Piloten im Wasser stehen und in jedem Stockwerk eine mit Blumen, Lampions und Flaggen geschmückte, weit in den Fluß ragende, offene Veranda zeigen. Ueberall, in den Häusern, auf den Veranden, auf der Brücke und im Flusse herrscht das regste Leben. Menschen, wohin das Auge blickt, durchweg Japaner, anscheinend ganz unbeeinflußt durch die europäische Kultur. Während meines mehrtägigen Aufenthaltes in Osaka begegnete ich keinem einzigen Europäer. Es gab wohl in früheren Jahren viele hier, als die Japaner zur Anlage und Einrichtung ihrer Fabriken europäischer Fachleute bedurften. Sobald diese jedoch ihre Schuldigkeit gethan und die Japaner in die Geheimnisse ihrer Kunst eingeweiht hatten, wurden sie von den letzteren wieder entlassen. Heute werden all die großen Fabriken, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte auf diesem urjapanischen Boden entstanden sind, fast ausschließlich von Japanern geleitet; sie sind mit japanischem Gelde errichtet worden, die europäischen oder asiatischen Rohprodukte, die sie benötigen, werden mit europäischen Maschinen ausschließlich von Japanern verarbeitet, kommen durch japanische Handelshäuser auf den Markt, werden bei japanischen Gesellschaften gegen Schäden versichert und endlich auf japanischen Dampfern nach den verschiedenen Häfen, aber auch nach China, Indien, Australien, ja selbst nach Europa verschifft. Kürzlich hat eine große japanische Dampfergesellschaft, die Nipon Yusen Kaisha, eine regelmäßige Dampferlinie über den Stillen Ozean nach Amerika und eine zweite durch den Suezkanal nach Europa eingerichtet, und die massenhaften Fabrikprodukte von Osaka gelangen in Europa auf den Markt, ohne daß der Europäer irgend etwas daran verdient.
Doch, wo sind die Fabriken des so rasch berühmt gewordenen Birmingham von Ostasien? Rings um den breiten Fluß und selbst im Innern der Stadt giebt es keine, und wer ähnliche Frachtwagen und andere Fuhrwerke, Maschinen, Schienengeleise, Quais mit schwarzen Drehkränen, gehandhabt von rußigen Arbeitern, erwartet, wie sie sich in den Fabrikstädten Europas zeigen, der wird hier angenehm enttäuscht. Auf dem Flusse, in den zahlreichen Kanälen, in den Straßen der inneren Stadt bis hinauf zur altjapanischen Frohnfeste ist das Bild von Osaka urjapanisch, und weder Tokio noch Kioto, noch irgend eine andere von Fremden besuchte Großstadt ist von der europäischen Kultur so unbeeinflußt geblieben wie Osaka. Tokio läßt sich von der Regierung, figürlich gesprochen, allmählich ins Europäische übersetzen, ebenso Yokohama, Kobe, Hiogo, teilweise sogar Kioto und Nagasaki. Osaka dagegen hat die europäische Kultur ins Japanische übersetzt; es hat sich von derselben alles angeeignet, dessen es bedarf, hat es aber dem japanischen Wesen angepaßt und ist in dem Aussehen seiner Straßen und Häuser und der Menschen, die in ihnen wohnen und verkehren, anscheinend mit zäher Absichtlichkeit urjapanisch geblieben. Ich habe auf meinen Reisen durch Japan keine Stadt gesehen, in der sich das japanische Leben und Treiben unverfälschter und dabei lebhafter zeigte, auch in dieser Hinsicht keine interessantere und sehenswertere Stadt gefunden als eben Osaka. Man sollte glauben, daß die großartigen europäischen Industrien, die sich hier in so kurzer Zeit entwickelt haben, auch auf das Leben, die Kleidung und das ganze Wesen der Einwohner nicht ohne Einfluß geblieben sein könnten. Keine Spur davon. Im Gegenteil. Nirgends ist von altjapanischer Eigenart mehr wahrzunehmen als gerade hier. Nirgends ist der alte Aberglaube, der Götzendienst, das Prozessionswesen ausgeprägter; nirgends werden die vielen Matsuri (Volksfeste) ursprünglicher gefeiert; nirgends giebt es bewegteres Leben in den Theehäusern und Theatern; die Geishamädchen von Osaka sind in ganz Japan als die hübschesten und fähigsten anerkannt, und in Osaka wird am besten nach altjapanischer Weise getanzt, gesungen und musiziert.
Die Stadt liegt auf beiden Ufern des breiten, vom Biwasee kommenden Yodogawaflusses und ist von alters her der Hafen der früheren Landeshauptstadt Kioto, mit der sie durch eine Eisenbahn und mehrere Dampferlinien auf dem Yodogawa verbunden ist. Aber Osaka kann heute nicht mehr als Hafen gelten, denn es ist etwa zwei bis drei Kilometer von der schlammigen Mündung dieses Flusses in die seichte Osakabucht entfernt, und Seedampfer können hier gar nicht herankommen. Osaka gegenüber, auf der Westseite der etwa fünfzehn Kilometer breiten Bucht, liegen die Zwillingsstädte Hiogo und Kobe, und diese bilden ihrerseits den Hafen von Osaka; von dort gelangen all die Erzeugnisse der letzteren Stadt zur Verschiffung, und wie in der Zeit vor der Revolution die Stadt Kioto den Hafen Osaka geschaffen hat, so hat nach der Revolution die Stadt Osaka den Hafen Kobe geschaffen und zu großer Blüte gebracht. Dieses Kobe ist eine europäische Stadt mit abendländischen Straßen und Häusern, mit Konsulaten, Theatern, Konzerthallen, Klubs nach europäischer Art, noch mehr als Yokohama, und vielleicht auch bestimmt, in nicht zu ferner Zeit dieses zu überflügeln; Osaka aber ist, wie gesagt, japanisch geblieben.
Das merkt man sofort, wenn man in einer Kuruma durch die Straßen dieser reizenden Stadt fährt. Sie ist ganz nach amerikanischer Schachbrettart angelegt; die breiten, geradlinigen Straßen schneiden sich in rechten Winkeln und werden von einer großen Zahl von ebenso geradlinigen Kanälen gekreuzt, über die gewölbte, hölzerne Brücken führen. Es sind also sozusagen zwei Städte übereinander; eine Stadt von Kanälen, zwischen denen sich nicht weniger als dreieinhalbtausend Brücken befinden.
Welche von diesen beiden Städten interessanter ist?
Bei Tag wohl die Stadt auf dem Lande mit ihrem ungemein regen Leben und Treiben und ihren unzähligen Kaufläden, die sich in den meisten Straßen auf Kilometer dicht aneinanderreihen, als ob jede einzelne der 162000 Familien der Stadt einen Kaufladen besäße. Durch die im Juli 1896 erfolgte Einverleibung von 28 umliegenden Städten und Dörfern in Osaka hat sie an Bevölkerungszahl um 125000 zugenommen und ist heute eine Stadt von 752000 Einwohnern, übertrifft also Birmingham um 300000 Seelen, und überall, Straßen auf, Straßen ab sind weitgeöffnete Läden, so daß man beim Spazierengehen nicht nur die vor den Läden an der Straße aufgestapelten Waren, sondern auch die in denselben herrschende Thätigkeit wahrnehmen kann. Osaka ist ja nicht nur Markt-, sondern auch Fabrikstadt; dabei nicht nur von europäischen Waren, sondern auch die größte Fabrikstadt nach japanischer Art. Draußen an der Straße der Handel, drinnen in den Läden die Industrie. Diese ist, was die spezifisch japanischen Produkte anbelangt, Kleinindustrie geblieben. Jede Familie arbeitet in den kleinen, niedrigen, aber nach vorne und hinten offenen und deshalb luftigen Läden für sich oder höchstens mit Zuhilfenahme von einem oder mehreren Arbeitern. Hier sieht man die fleißigen, kleinen Japaner, im warmen Sommer mit entblößtem Oberkörper, mit ihren Händen und häufig auch mit den Füßen arbeiten. Hier sieht man, wie die kleinen, zierlichen Fächer gemalt, wie ihre Bambusrippen gespalten und zusammengefügt werden, ein kleiner Artikel, der aber nach Hunderten von Millionen in alle Welt gerade von Osaka ausgeführt wird und Millionen in die Taschen der Einwohner bringt. Hier sieht man das Flechten der zarten, hübschen Strohmatten, die Herstellung des Indigo zum Färben der in den Fabriken angefertigten Stoffe, das Weben der herrlichen Seidenstoffe und golddurchwirkten Brokate, das Zusammensetzen der bekannten Sonnenschirme aus Bambus und Papier, das Verfertigen der kleinen, hölzernen Nippsachen, Kästchen und Schachteln, die von verschiedenen Größen, aber derselben Form, so genau ineinander passen; die Fabrikation der Millionen von Puppen, Kinderspielzeugen aller Art, der Bronzefigürchen, Schälchen und hunderterlei anderer wohlfeiler Artikel, die in den europäischen Bazars sich so wunderhübsch ausnehmen, unsere Bewunderung erregen, unsere Kauflust reizen. Stundenlang mußte ich in diesen interessanten Quartieren der japanischen Kleinindustrie verweilen, bald hier, bald dort, und staunen über die unglaubliche Geschicklichkeit, ebenso wie über die einfachen Mittel der japanischen Handwerker. In der Zartheit und Genauigkeit ihrer Arbeit stehen sie unter allen Nationen unübertroffen da oder können es wenigstens, wenn sie wollen. Infolge des ungeheuren Absatzes, den diese japanischen Nippes in Europa und Amerika gefunden haben, ist die Nachfrage nach diesen, größtenteils aus Osaka stammenden Artikeln so lebhaft geworden, daß die Kleinindustrie mit Arbeit überhäuft ist, und da der Nachwuchs an Arbeitern nicht genügt, ihre Arbeitskraft aber bei vierzehn- bis sechzehnstündiger Arbeitszeit nicht höher angespannt werden kann, so ist in den letzten Jahren ein bedauerlicher Schlendrian in der Herstellung eingetreten. Osaka ist eine Art japanisches Chicago, mit seiner Jagd nach dem Gelde. Verdiene Geld, verdiene es ehrlich, und kannst du es nicht, so verdiene es doch.