Nur eine beschränkte Zahl von Kunstgewerben hat sich noch zum Teil von dieser Leichtfertigkeit freigehalten, darunter die Herstellung feiner Bronzewaren und feiner Porzellansachen. In den Kuriositätenläden von Yokohama und Kobe wurden mir häufig reizende Artikel dieser Art vorgelegt. Bronzen mit eingesetzten oder aufgehämmerten Figuren, Ornamenten, eingelegtem, ungemein zartem Email, in den herrlichsten Formen, in der zartesten Ausführung. Oder entzückende kleine Vasen, Schalen, Tassen, Aschebehälter aus feinstem Porzellan, bedeckt mit Malereien von einer Feinheit, Kleinheit und Farbenpracht, die in Europa unerreicht ist. Man nannte mir als Erzeuger dieser Waren Firmen aus Osaka mit weitberühmten Namen. Als ich diese Firmen aufsuchte, um die Erzeugungsart dieser kleinen Kunstwerke kennen zu lernen, fand ich sie auch nur in bescheidenen kleinen Holzhäuschen, aber sie hatten keine offenen Kaufläden wie ihre minderwertigen Kollegen. An den verschlossenen Häusern, die man ebensogut für Privathäuser hätte halten können, waren keine Schilder oder Firmentafeln, ja selbst als ich Einlaß gefunden hatte, sah ich auch im Innern keine Schaustücke ausgestellt. Erst nach längerer Unterhaltung und nachdem ich den von zarten Mädchenhänden dargereichten Thee geschlürft, wurden die Kästen geöffnet, aus Baumwolle und Papier die kleinen Kunstgegenstände ausgewickelt und mir mit großem Zeremoniell, etwa wie der kostbarste Brillantschmuck, dargereicht. Und als ich die Frage stellte, wo das Atelier sich befände, wies man mich eine steile, enge Holztreppe hinauf in das erste Stockwerk, wo ein paar junge Arbeiter auf dem Fußboden saßen und an den kleinen Porzellanvasen und -schalen herumpinselten. Das war die ganze weitberühmte Fabrik. In Europa wäre ein Porzellanmaler von solcher Kunst und Fähigkeit mindestens ein Professor, in einem schönen Atelier sitzend und mit ansehnlichem Gehalt. Hier sind die Künstler junge bescheidene Burschen, die sechzehn Stunden den Tag arbeiten, halbnackt auf ihren Fersen hocken und als Tagelohn einen Yen, etwa zwei Mark, erhalten. Wenige werden besser bezahlt, während die weitaus größte Mehrzahl von Arbeitern, die in dem Kleingewerbe von Osaka Verwendung finden, nicht mehr als vierzig bis fünfzig Pfennig den Tag verdienen. Und derartiger Arbeiter giebt es in Osaka über sechzigtausend. Die besten Mechaniker erhalten einen Tagelohn von etwa zwei Mark, Sticker, Aufseher, Maler, Holzschnitzer eine Mark, Fabrikarbeiter durchschnittlich vierzig bis fünfzig Pfennig, Tagelöhner siebzig Pfennig. Noch viel geringere Arbeitslöhne erhalten die Arbeiterinnen. Am höchsten werden die Stickerinnen und Malerinnen bezahlt. Sie erhalten etwa vierzig Pfennig täglich; ihnen zunächst kommen Aufseherinnen und die ausgezeichnetsten Arbeiterinnen in den verschiedenen Industriezweigen mit etwa dreißig Pfennig, gewöhnliche Arbeiterinnen in den Fabriken mit zwanzig Pfennig und schließlich die Lehrmädchen mit zehn bis dreizehn Pfennig täglichem Arbeitslohn. Wie man sieht, betragen also die Arbeitslöhne in Japan im großen und ganzen nur ein Viertel bis ein Fünftel der europäischen Löhne, und wenn man berücksichtigt, daß Japan in Bezug auf Asien etwa ähnlich gelegen ist wie England in Bezug auf Europa, daß es mit den verschiedenen Ländern und Häfen der asiatischen Welt durch eigene japanische Dampferlinien in Verbindung steht und daß die Entfernung dieser Länder von Japan nur ein Drittel bis ein Fünftel ihrer Entfernung von Europa beträgt, an Fracht und Versicherungskosten demnach ungemein viel erspart wird, so hat man die Erklärung für den Aufschwung von Japan als Industriestaat und die Bedrohung der asiatischen Märkte durch die japanische Industrie.
Am auffälligsten wird sich das dem Japanreisenden in Osaka zeigen. Die einheimische Bevölkerung hat für die Bewältigung der industriellen Aufgaben hier längst nicht mehr hingereicht, und aus allen Provinzen strömt die Landbevölkerung hier zusammen, um Arbeit zu finden, die in der Stadt immer noch besser bezahlt wird wie auf dem Lande, gerade so wie es in den europäischen Industrieländern der Fall ist. In den letzten Jahren sind ganz neue Stadtteile entstanden, und die leichten, ärmlichen Häuschen sind schon vermietet, ehe sie fertig dastehen. Die Baugründe sind in diesem industriellen Emporium im Preise auf nahezu das Dreifache jener der Landeshauptstadt Tokio gestiegen, dementsprechend sind auch die Mieten und der Schischikin höher. Jeder, der ein Haus mieten will, muß dem Besitzer, bevor er das Haus bezieht, eine bestimmte Summe als eine Art Garantie zahlen, und diese wird Schischikin genannt. Brennt das Haus nieder, so fällt der Schischikin dem Hausbesitzer ganz zu, jedenfalls erhält er aber beim Ablauf der Miete zwanzig Prozent dieses Garantiebetrages, und bei den ärmlichen Verhältnissen der Japaner muß es Verwunderung erwecken, daß sie überhaupt im stande sind, den Schischikin zu erlegen. Der größte Zuzug nach Osaka kommt aus der westlich davon gelegenen Provinz Hiroschima, hauptsächlich Nachkommen der von den japanischen Eroberern unterworfenen Ureinwohner des Landes, der Ainos, ein friedfertiges, fleißiges, anspruchsloses Völkchen, das auch das Hauptkontingent für die japanischen Arbeiterkolonien in Australien, Neukaledonien, Hawai u. s. w. geliefert hat. Tausende von armen jungen Mädchen im zarten Alter von acht bis zwölf Jahren finden in den Fabriken von Osaka Beschäftigung, und viele Fabrikbesitzer haben für diese jungen, unselbständigen Arbeiterinnen eigene Kasernen angelegt, in welchen sie essen, schlafen, ja mitunter sogar im Lesen und Schreiben unterrichtet werden. Von ihrem kärglichen Tagelohn von durchschnittlich zwölf Pfennig müssen sie etwa neun Pfennig für Kost und Wohnung abgeben. Bei ihrem Anwerben erhalten sie einige Mark für Kleidung und überdies die Reisekosten nach Osaka, dafür müssen sie sich auf die Dauer von drei Jahren an die Fabrik verpflichten; der Ueberschuß von ihren Löhnen wird in eigenen Sparkassen angelegt und ihnen nach Ablauf ihrer Arbeitszeit bar ausbezahlt. Die erste Fabrik, die diese Einrichtung traf, war die große Kanegafudschi-Spinnerei in Tokio, welche über zweitausend solcher kleiner Mädchen beschäftigt.
Aber wo sind diese großen Fabriken von Osaka? In dem Straßengewirre dieser großen Stadt sind sie nicht zu sehen. Sie liegen größtenteils außerhalb, an den schmutzigen, übelriechenden Kanälen, gewaltige, ganz europäische Bauten, nach den modernsten Mustern angelegt und mit den besten europäischen Maschinen eingerichtet, von denen viele auch von Deutschland bezogen worden sind. Die beiden größten Etablissements stehen unter dem Betriebe der Regierung: das Arsenal und die Münze. Nach dem Urteil hervorragender Fachleute können sich beide mit den besten Etablissements dieser Art in Europa messen. Der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, sagt in seinem ausgezeichneten Weltreise-Tagebuche folgendes über das Arsenal: „Die Kürze der Zeit, in welcher Japan vermocht hat, sich mit allen einschlägigen europäischen Einrichtungen vertraut zu machen, nimmt geradezu wunder. Das Arsenal ist mit Maschinen modernster Konstruktion ausgerüstet, so daß die Geschützrohre, welche in rohem Zustande aus der Gießerei kommen, binnen kürzester Zeit fertiggestellt werden. In mehreren umfangreichen Hallen wird die Geschoßerzeugung in großem Stile betrieben; selbstverständlich fehlt es auch nicht an den erforderlichen Nebeneinrichtungen, Reparaturwerkstätten, Tischlereien, Wagenbauereien und Sattlereien. Das Arsenal übernimmt gegenwärtig auch schon Lieferungen für das Ausland; so wurden gerade jetzt einige Gebirgsgeschütze für die portugiesische Regierung hergestellt.”
Ebenso wie das Arsenal wird auch die kaiserliche Münze, eine der größten und vollkommensten der Erde, durchaus von Japanern geleitet. Mit erstaunlichem Nachahmungstalent haben die kleinen, freundlichen, zuvorkommenden Japaner auf ihren europäischen Studienreisen die Geheimnisse unserer Erzeugungsmethoden auf geraden oder krummen Wegen kennen und nachahmen gelernt, und nach Hause zurückgekehrt war es ihr erstes, dieselben Anlagen herzustellen und einzurichten, um sich von den europäischen Märkten zu befreien. Dasselbe gilt von den großen Baumwollspinnereien, in denen Hunderttausende von Spindeln schwirren und aus australischer, indischer, ja selbst ägyptischer Baumwolle Garne herstellen, die in ganz Ostasien, sogar in Indien, allmählich die europäischen Produkte verdrängen. Aehnliches gilt von Webereien, Bierbrauereien, Lederfabriken, Glasbrennereien. Auf meinen Spaziergängen durch Osaka stieß ich sogar auf Fabriken von europäischen Regenschirmen, für welche die Stahlrippen aus Deutschland kommen, von Seifen, Zahnbürsten, Schuhen, ja sogar von Taschenuhren. Allerdings arbeitet die Uhrenfabrik heute noch, nach mehrjährigem Bestande, mit Verlust, aber es wird nicht lange dauern, bis sie ebensolche Erfolge aufzuweisen haben wird wie die Fabriken schwedischer Streichhölzchen, die heute schon die ganze, früher sehr bedeutende Einfuhr dieser Artikel aus Europa in Ostasien verdrängt haben.
Die Regierung unterstützt diese Entwickelung der einheimischen Industrie mit allen Kräften und lehnt sich dabei vollständig an die den Europäern haarklein abgelauschten Methoden an. So fand ich mitten in der Stadt ein großartiges Handelsmuseum, wie es leider selbst in vielen europäischen Großstädten noch fehlt. Jede japanische Stadt hat ein derartiges, Hakurankwei genanntes Museum, aber von allen, die ich gesehen habe, ist jenes von Osaka das vollständigste. Gegen Erlag eines Eintrittsgeldes von wenigen Pfennigen trat ich in einen großen, mit Baumanlagen und Blumenbeeten geschmückten Ausstellungspark mit einer Anzahl von Gebäuden, ganz wie irgend eine europäische Industrieausstellung, nur daß jene von Osaka permanent ist. In den Gebäuden sind all die hunderterlei Industrien der Stadt systematisch geordnet; die Produkte sind mit vielem Geschick übersichtlich aufgestellt; jeder einzelne Artikel, selbst der kleinste, zeigt auf einem kleinen Zettelchen den Preis und kann gleich an Ort und Stelle erworben und mitgenommen werden. Am Abend ist der Park mit elektrischem Licht hell erleuchtet, eine Militärmusik konzertiert, und Tausende von Japanern besuchen diese Ausstellung, als ob Ausstellung, elektrisches Licht, Wiener Walzer und dergleichen hier etwas ganz Selbstverständliches, Altbekanntes und nicht durchaus fremde, erst vor wenigen Jahren hier aufgepfropfte Kulturblüten wären.
Ebenso wie der Industrie haben sich die Japaner auch der europäischen Militärkunst bemächtigt und sie in Osaka nach dem alten dräuenden Fort verlegt, das auf einer Anhöhe im Osten der Stadt, hoch über dem wasserreichen, reißenden Yodogawastrom, thront. Der große japanische Feldherr Hideyoschi ließ es im Jahre 1583 erbauen, und sein Palast im Innern dieser starken Feste war der großartigste und kostbarste, den Japan je besessen hat. Der erste Schogun aus der Familie Tokugawa, der berühmte Iyeyasu, nahm es 1615, und seither blieb es im Besitz der mächtigen Schogune bis zum Jahre 1858. Hier wurde der letzte Schogun mit dem Reste seines Heeres von den Truppen des Mikado bedrängt, und am 22. Februar des genannten Jahres fiel auch dieses japanische Gaeta. Der Schogun flüchtete sich auf ein amerikanisches Kriegsschiff, seine Anhänger steckten den kostbaren Palast, den größten Stolz der japanischen Kunst, in Brand, und die Flammen, die ihn verzehrten, wurden zum Grabe des altjapanischen Feudalsystems, gleichzeitig aber zur Wiege der neuen Kaiserherrschaft und der modernen Aera.
Heute enthält die Festung die Kasernen und Offiziersquartiere einer japanischen Division. Zwischen den Wachen durch die Eingangsthore schreitend betrachtete ich mit Staunen die gewaltigen Mauern, welche Hideyoschi vor dreihundert Jahren hier hat aufführen lassen. Steinblöcke von sechs bis sieben Metern Länge, in einem Gewichte von weit über hundert Tonnen, an Massenhaftigkeit mit den Steinkolossen von Baalbeck und Karnack wetteifernd, liegen hier zu ungeheuren Mauern aufgetürmt, und wie dort, so mußte ich mich auch hier wundern, wie es den alten Japanern mit ihren ursprünglichen Mitteln, ohne Kenntnis unserer Mechanik, möglich war, diese Blöcke hierherzubringen und aufeinanderzulegen. Dieselben sind übrigens auch bei den Japanern Gegenstände der Bewunderung, und jeder einzelne hat seinen eigenen Namen. An den Ecken erheben sich heute noch auf diesen Mauern die eigentümlichen altjapanischen Wachthäuser mit mehreren Dächern übereinander, sonst aber ist alles dem modernen Militärwesen entsprechend eingerichtet worden. Wo immer möglich, scheint es das Streben der japanischen Regierung zu sein, Altjapan zu zerstören und die Kultur gewaltsam der abendländischen anzupassen. Aber im Volke mit seinen Sitten, seiner Religion und seinen Trachten ist alles beim alten geblieben.
Yebiso, Vorstadt von Osaka.