Dagegen protestierten aber unsere Kulis. „Umagaishi” heißt wörtlich „Pferd zurücksenden”, d. h. es war der Ort, wo die Pilger gewöhnlich vom Pferde steigen, um die Bergtour zu Fuß fortzusetzen. Ich hatte aber gehört, daß der Weg noch zwei Kilometer weiter für Pferde gut passierbar wäre, und um unsere Kräfte zu schonen, nahm ich meinem Kuli die Fackel aus der Hand und drückte mein Pferd vorwärts. Mein Begleiter folgte, und obschon wir manche halsbrecherischen Stellen zu passieren hatten, kamen wir doch, vielleicht als die ersten, die es je unternommen, zu Pferd in der Station Tschudschikiba an. Hier ließen wir die Pferde mit der Weisung zurück, am nächsten Abend nach Sonnenuntergang wieder zur Stelle zu sein. Nachdem wir das Gitter eines Tempelhofes passiert hatten, erwarben wir hier von einem alten Priester Alpenstöcke, und unsere Kulis legten einen ganzen Vorrat von Strohsandalen an, es dürften wohl zwanzig Paare gewesen sein. Ich glaubte, sie kauften dieselben auf die Bestellung irgend eines Wächters der Schutzhütten weiter oben, und ließ sie gewähren.

Anfänglich ging es ganz bequem vorwärts; der Wald wechselte mit Moorland und Grasflächen ab, und erst als wir auf etwa zweitausend Meter Höhe angekommen waren, wurde der Baumwuchs dünner, die Fichten wurden kleiner, verkrüppelter, und schließlich sahen wir nur noch stellenweise knorrige Zwerglärchen und stacheliges Gestrüpp, an dem wir unsere Kleider zerrissen. Der Mond leuchtete uns aber getreulich aufwärts. Trotz der vielen Tausende von Pilgern, die seit Jahrhunderten alljährlich die Bußpromenade auf den Fudschi unternehmen, hört der Weg oberhalb des zweiten Tausend Meter gänzlich auf, und wir kletterten teils auf harten Lava- und Basaltfelsen aufwärts, teils wateten wir durch vulkanische Asche und Sand, die bei jedem Schritte nachgaben. Wie die Japaner glauben, wird der von den Pilgern auf diese Art thalabwärts geschobene Sand zur Nachtzeit von überirdischen Mächten wieder auf den Berg hinaufgetragen. Wir bekamen aber nichts davon zu sehen.

Zur Erleichterung des Aufstiegs sind auf verschiedenen Seiten des ungeheuren Berges Reihen von Schutzhütten angelegt worden. Auf der Seite von Subashiri befinden sich deren zehn, in Entfernungen von etwa je einem Kilometer und Höhenunterschieden von je dreihundert Meter. Bald nachdem wir auf unserem schweigsamen nächtlichen Marsche die erste Hütte passiert hatten, wurde es empfindlich kälter, Wolken zogen gespensterhaft die Bergflanken über uns entlang und verhüllten den Mond, der Wind wurde heftiger und artete schließlich in einen so furchtbaren Orkan aus, daß wir mit Mühe und Not die zweite Schutzhütte erreichten. Wir wären ohne unsere Kulis wohl an ihr vorbeigeschritten, denn sie besteht nur aus einem in die Lavamassen gegrabenen kleinen Absatz, der durch niedrige Mauern, aus Lavablöcken aufgeführt, geschützt ist. Rohe Baumstämme, mit Felstrümmern beschwert, bildeten das Dach, und die einzige, gleichzeitig als Thür und Fenster dienende Oeffnung war durch Balken und Pfosten verrammelt. Auf unser Klopfen wurde geöffnet, und wir befanden uns in einem niedrigen, mit Dielen belegten Raum, in dessen Mitte auf dem nackten Felsboden ein Holzfeuer eben verglühte. Bei dem Schein einer rauchenden Petroleumlampe sahen wir, daß über dem Herde ein großer Kessel hing; Dutzende von Pilgern lagen auf ihren Strohmatten schlafend umher, während andere bei der heißen Asche des Herdes kauerten, um sich zu wärmen. Als wir eintraten, erhob sich der Wirt dieses „Hotels zu den vier Winden”, um uns stillschweigend in einem Winkel ein Nachtlager zu bereiten, denn bei dem furchtbaren Sturm, der selbst durch die Ritzen und Löcher unseres Schutzhauses pfiff, war ein Weiterklettern lebensgefährlich.

Er holte einige dünne, gefütterte Wolldecken hervor, breitete sie auf dem Boden aus und reichte uns noch vor dem Schlafengehen einen Kessel mit heißem Thee. Wir wickelten uns in unsere Mäntel, und todmüde, wie wir waren, hätten wir sofort in tiefen Schlaf versinken sollen, wenn — ja wenn!

Japan ist das Paradies der Flöhe, und selbst in vornehmen Hotels, wie in jenen am Miyanoshita, quälen sie den müden Wanderer in grausamer Weise. In den japanischen Hotels und Theehäusern aber sind sie eine entsetzliche Plage. Deshalb wollte ich auch das Nachtlager in Subashiri vermeiden, fiel aber desto trauriger hier herein. Kein Klima scheint ihnen zu kalt, kein Berg zu hoch, keine Entfernung zu groß, keine Person zu heilig. Mit wahrhaft republikanischer Gleichheit und Brüderlichkeit machen sie sich an alles, was lebt und eine Haut zu durchbeißen, rotes Blut zum Anzapfen hat. Ob diese verteufelten Miniaturgemsen durch Extrakuriere von unserem Kommen unterrichtet wurden, ob sie unsere Ankunft gerochen hatten, ich weiß es nicht; fünf Minuten, nachdem wir unsere müden Glieder ausgestreckt hatten, ging der Teufel los: ein Beißen und Jucken und Krabbeln, daß es nicht mehr auszuhalten war. Auf diese Legion von Quälgeistern Jagd zu machen, wäre wohl vergebliche Mühe gewesen; wenn sie nur immer ruhig sitzen geblieben wären! Aber nachdem wir zwanzig Stunden lang in der Eisenbahn und in Karren gefahren, geritten und gegangen und in Tragstühlen und Rickshaws durchgerüttelt worden waren, außerdem von der scheußlichen Kälte durchfrorene Finger hatten, war unsere Treffsicherheit auch dahin. Indessen, wir wollten unser Blut so teuer wie möglich verkaufen. Daß der ungleiche Kampf gegen diese blutdürstige Brut uns bevorstand, wußte ich und hatte mich mit Penny Royal-Oel versehen. Das bißchen Einreiben des Körpers, das wir vorher schon unternommen hatten, war nutzlos gewesen; so wurden denn die ganzen Flaschen in die Unterwäsche ausgegossen. Nun gab es eine Stunde Ruhe, und müde, wie wir waren, schliefen wir doch ein. Als wir aber um vier Uhr aufwachten, um unseren Weg fortzusetzen, waren unsere Körper doch mit roten Punkten wie besäet. Die Biester hatten während unserer Nachtruhe diese Tättowierung vorgenommen.

Es regnete und stürmte draußen noch immer so fürchterlich, daß wir beschlossen, noch zwei Stunden länger im Schutze dieses Flohstalles zu bleiben. Aber um sechs Uhr war das Wetter gerade so, auch um acht Uhr, zehn Uhr. Es wurde Mittag, und schon fürchteten wir, es würde uns ebenso ergehen wie vielen anderen, die zwei bis drei Tage bei schlechtem Thee und gekochtem Reis da oben in der Lavawüste zubringen mußten, da hellte sich das Wetter auf. Der Wind blies noch so kräftig, daß wir uns draußen kaum aufrecht halten konnten und mein Gefährte schon die Absicht aussprach, unverrichteter Dinge kehrt zu machen. Aber nein. Wir waren so weit gekommen, nun mußten wir hinauf. Also vorwärts! Es ging langsam, beschwerlich, aber es ging. Wir erreichten die dritte, vierte, fünfte Schutzhütte, dann die sechste, siebente und achte. Mein Reisegefährte war aber am Ende seiner Kräfte. Ich trat ihm meine Kulis ab, sie schlangen einen Gurt um seinen Leib und zogen, drei andere schoben von rückwärts, und so kam er mir allmählich nach, nicht ohne sich in jeder der Schutzhütten durch den mitgebrachten Cognac zu erfrischen.

In diesen Höhlen fanden wir überall müde Pilger, viele Flöhe, teure Rechnungen, aber nur wenig Trank und Speise, höchstens Reis, getrocknete Fische und Maccaroni, die in langen Schnüren an den Wänden mitten zwischen den blauen und roten Handtüchern hingen, die fromme Pilger zur Erinnerung zurückgelassen hatten. Jedes Tuch trug den Namen eines Pilgers. Die Wände, Stützbalken, selbst die Decken waren mit diesen seltsamen Visitenkarten austapeziert, viele hatten nur Papierstreifen mit ihren Namen zurückgelassen, und unter den letzteren las ich auch manchen englischen und amerikanischen Namen.

Je höher wir emporkamen, desto häufiger und größer wurden die Schneefelder in den Furchen, die in den obersten Kegel des Berges eingerissen sind, und dieser Schnee verschwindet das ganze Jahr über nicht. Zwischen den Furchen ziehen sich steile Grate aus harter, nackter Lava herab, und einen solchen benutzten wir zu unserem Aufstieg. Der scharfe Wechsel der Temperaturen hat diese Lavamassen vielfach gespalten, und dadurch fanden unsere Füße beim Aufwärtsklettern einigen Halt.

Bei der sechsten Schutzhütte schon hatten wir die kalte, dichte Wolkenschicht durchschritten, die den Berg wie mit Baumwolle umwickelt hielt, und der mächtige Gipfel lag klar vor uns, so nahe, daß wir hofften, ihn binnen einer halben Stunde zu erreichen. Aber wir waren nun schon drei Stunden geklettert, und je höher wir stiegen, desto höher schien auch der Berg zu werden. Zu unserer Linken, also mehr gegen die Südseite des Berges, befand sich zwischen zwei Lavagraten eine ungeheure Halde von Schutt und loser Asche, wie ich sie in solcher Ausdehnung nirgends gesehen habe. Vom Gipfel des Berges zieht sie sich viele Kilometer weit abwärts bis zu dem Waldkranz, der den Fudschi dort auf etwa anderthalbtausend Meter Höhe besäumt, und über diese Halde sahen wir Dutzende von Pilgern, auf ihre Bergstöcke gestützt, den Abstieg unternehmen, in raschem Laufe, bei jedem Schritt um vielleicht ebensoviel durch den hohen Schutt abwärts sinkend.

Endlich, gegen fünf Uhr abends, standen wir am Fuße einer ungeheuren Treppe, deren Stufen in die ungemein steile, glatte Lavawand gehauen sind, um den Aufstieg zum Gipfel überhaupt möglich zu machen. Mühsam, als wären unsere Beine von Blei, zogen wir dieselben von Stufe zu Stufe aufwärts, und recht erschöpft betraten wir gegen sechs Uhr abends den Rand des Kraters.